Seit fast einem halben Jahr leitet Ulrike Knotz das Deutsche Generalkonsulat in Breslau. Marie Baumgarten sprach mit der Generalkonsulin über ihre bisherigen Erfahrungen in der niederschlesischen Metropole.

 

Die Generalkonsulin Urlike Knotz Foto: Auswärtiges Amt

 

 

Frau Generalkonsulin, Sie arbeiten seit über 35 Jahren im Auswärtigen Dienst auf der ganzen Welt. Im Vierjahresrhythmus kommen Sie in neue Städte und Länder. Das bedeutet, aufs Neue ein Zuhause schaffen und Freunde finden. Ist es nicht schwierig, immer wieder von vorn anzufangen?

 

Natürlich ist es nicht einfach, alle drei Jahre immer wieder von vorne anzufangen – mit einer neuen Arbeit, neuen Themen, neuen Kollegen, einem neuen Zuhause, oft auch einer fremden Sprache. Es dauert eine gewisse Zeit und kostet auch Energie, bis man seinen Alltag organisiert hat, z.B. – für alle Frauen sehr wichtig – einen Friseur gefunden hat, dem man sich anvertrauen kann. Im Laufe des Arbeitslebens gewöhnt man sich allerdings an die regelmäßige Wiederkehr dieser doppelten Herausforderung – sowohl seine Arbeit als auch seinen privaten Alltag wieder in den Griff zu bekommen, und natürlich helfen einem die Kollegen sehr, insbesondere die Angehörigen des Gastlandes – ich bin meinen polnischen Kollegen sehr dankbar! Und es macht bei aller Mühe immer auch Freude, eine neue Welt zu entdecken. Routine und Langeweile habe ich in meinem Beruf jedenfalls nie empfunden.

 

 

 

In den Jahren von 2005 bis 2008 haben Sie das Referat „Dialog mit der islamischen Welt“ im Auswärtigen Amt geleitet. In Polen, wo Sie seit August Ihren neuen Posten als Generalkonsulin angetreten haben, zeichnet sich eine starke islamfeindliche Haltung ab, ebenso wie nationalistische Tendenzen. Wie gehen Sie damit um?

 

Nationalismus und Islamfeindlichkeit sind keine polnische Spezialität, sondern in ganz Europa anzutreffen, leider mit steigender Tendenz. Die Ursachen sind sehr komplex, aber ich denke, dass Islamfeindlichkeit vor allem Ausdruck der Tatsache ist, dass sich viele Menschen dadurch überfordert fühlen, dass im Zeitalter der Globalisierung die Modernisierungskrise in den arabischen Ländern  nicht mehr etwas ist, was sich tausende von Kilometern entfernt abspielt, sondern sich  in Form von  Migration und der Existenz radikaler Milieus auch auf unseren Alltag auswirkt. Es gibt einen Nährboden für Ängste, begründete und irrationale, und es gibt natürlich auch immer wieder Parteien, die daraus politisches Kapital schlagen. Wir brauchen ehrliche, faire und  sachkundige  Debatten, einen Diskurs von Ernsthaftigkeit und Respekt. Die Migration wird bleiben, es ist kein Problem, das eines Tages einfach weggehen wird, und kein Staat kann es im Alleingang lösen.  Die ganz überwiegende Mehrheit der Muslime lehnt Gewalt im Namen ihrer Religion ab, und es sind vor allem Muslime, die Opfer terroristischer Anschläge werden.

 

Wie ich persönlich mit den Themen Nationalismus und Islamfeindlichkeit umgehe? Zunächst einmal, indem ich ihnen in Gesprächen nicht aus dem Weg gehe. Ich sehe auch die Arbeit am deutsch-polnischen Verhältnis, das Bemühen um ein besseres gegenseitiges Verstehen, das z.B. im Mittelpunkt der Arbeit der Internationalen Jugendbegegnungsstätte in Kreisau oder des Hauses  der Deutsch-Polnischen Zusammenarbeit in Gleiwitz  steht, als einen Beitrag zur Hinterfragung von Stereotypen und zur Öffnung von Geist und Herz. Aber letztlich muss jede Gesellschaft  die Themen für sich bearbeiten. Hier in Polen gibt die Katholische Kirche außerordentlich wichtige Impulse.

 

 

Beim Antrittsbesuch in oppeln im September 2017 traf sich Generalkonsulin Knotz auch mit Vertretern der Deutschen Minderheit: V.l. Waldemar Świerczek (DFK Schlesien), Maria Neumann (VdG), Rafał Bartek (SKGD Oppeln), Generalkonsulin Knotz, Ryszard Karolkiewicz (VdG) und Konsulin Sabine Haacke. Foto: VdG/facebook.com

 

 

Seit dem politischen Wechsel im Herbst 2015 ist es um Polen laut geworden. Die EU fürchtet den Untergang der Demokratie im Land. Zuletzt sorgten die Flüchtlingskrise und die umstrittene Justizreform für Wirbel im In- und Ausland. Das ist sicher nicht an Ihnen vorbeigegangen. Mit welchem Gefühl sind Sie nach Breslau gekommen?

 

Ich habe die letzten neun Jahre als Botschafterin in drei südosteuropäischen Ländern verbracht, die sich alle im Prozess der Annäherung an die EU befinden – Mazedonien, Bosnien und Herzegowina und die Republik Moldau. Ich habe in allen drei Ländern praktisch jeden Tag erlebt, welch großen Stellenwert die Rechtsstaatlichkeit hat, d.h. eine unabhängige Justiz, Gleichheit vor dem Gesetz und die Wahrung der Grundrechte. Rechtsstaatlichkeit ist absolut zentral  für die Reformprozesse auf dem Weg zur EU, und nicht umsonst beginnen Beitrittsverhandlungen mit den Kapiteln 23 und 24 des sog. „acquis communautaire“ – Justiz und Inneres. Rechtsstaatlichkeit ist aber auch die Grundlage für den inneren Frieden einer Gesellschaft, und ich denke, dass Menschen auf die Dauer eher mit materiellen Einschränkungen leben können als mit dem Gefühl, dass es nicht gerecht zugeht – gerade in Polen weiß man das, wo die Menschen sich immer wieder gegen das totalitäre System aufgelehnt haben. Als ich nach Breslau kam, hat es mich also in keiner Weise verwundert, dass in Brüssel die Justizreform in Polen so viel Aufmerksamkeit auf sich zieht, denn für mich persönlich bedeutet das Thema in gewisser Weise eine Fortsetzung von Debatten, die ich in den letzten Jahren miterlebt habe. Allerdings hinter den Außengrenzen der EU.

 

Apropos Außengrenzen: Auf der Fahrt mit meinem Auto von Chisinau nach Breslau erlebte ich den Übertritt über die ukrainisch-polnische Grenze als geradezu dramatisch. Man ist wirklich plötzlich in einer anderen Welt, wohlhabend und geordnet, mit einer schönen Autobahn. Ich rate allen EU-Kritikern und Befürwortern von neuen Grenzen, einmal mit dem Auto durch Osteuropa zu reisen und dabei zumindest einmal eine Grenze zu überqueren. Ihnen wird schlagartig klar werden, welch große Errungenschaft der Schengen-Raum ist, der die Freizügigkeit  innerhalb der EU garantiert. Aber wem sage ich das? Die Polen erinnern sich noch sehr gut, was es in den 90er-Jahren bedeutete, über die Grenze nach Deutschland zu gelangen.

 

 

 

Wie ist Ihre Bilanz nach einem halben Jahr?

 

Als Diplomat ist man eigentlich gewohnt, dass sich das Leben anders gestaltet, als man es sich vor dem Ortswechsel vorgestellt hat. Ich gehe immer sehr ungern von meinen Posten weg – Nietzsche sagt „die menschliche Seele ist konservativ“, und auf mich trifft das absolut zu. Ich habe mich jedoch schnell in Breslau eingelebt und bin sehr gerne hier. Die Arbeit als Generalkonsulin ist stark geprägt von konkreten Kooperationen, und es gefällt mir, mit vielen unterschiedlichen Menschen zusammenzuarbeiten. Es gibt im Amtsbezirk des Generalkonsulats, der fünf Woiwodschaften umfasst und an Deutschland grenzt, eine unglaublich große Anzahl von deutsch-polnischen Initiativen und Projekten aller Art – Kooperationen zwischen den Woiwodschaften und deutschen Bundesländern, Städtepartnerschaften, Zusammenarbeit zwischen Universitäten, Jugendaustausch, gemeinsame Kulturprojekte, private Initiativen wie Deutsch-Polnische Freundschaftsgesellschaften, ganz zu schweigen von den intensiven Wirtschaftsbeziehungen. Dies alles ist sehr wichtig, es ist das Fundament der Beziehungen zwischen unseren Ländern, das uns hilft, auch in schwierigeren Zeiten das Vertrauenskapital zu bewahren, das in den letzten 25 Jahren aufgebaut worden ist. Das Netz ist so dicht, dass ich, wenn ich ehrlich bin, zugeben muss, dass ich immer noch dabei bin, mir einen Überblick zu verschaffen und mir die Namen unserer Partner zu merken.

 

 

Was gibt es weiter noch Besonderes? Natürlich den Stellenwert, den die Arbeit mit der Deutschen Minderheit hat, auf die ich gleich noch ausführlicher zu sprechen kommen möchte, und etwas, worauf mich Kollegen mit Polen-Erfahrung bereits im Voraus aufmerksam machten: die polnische Gastfreundschaft und die Freude an ausführlichen Festlichkeiten  wie Eröffnung des Akademischen Jahres, Übergabe von Orden und Preisen, Weihnachts- und kurz danach wiederum Neujahrsempfänge und –konzerte usw.; hinzu kommen immer wieder Gedenkfeierlichkeiten zur Erinnerung an historisch bedeutsame, oft bestürzende Ereignisse, wobei letztes Jahr in eindrucksvoller Weise auch der Reformation vor 500 Jahren gedacht wurde. 2018 wird geprägt sein durch 100 Jahre polnischer Unabhängigkeit. Dies alles wirkt sich natürlich auch auf meinen Arbeitsalltag aus, einschließlich der Wochenenden. – Was mir schwerer fällt als erhofft, ist das Erlernen der polnischen Sprache, die immer noch mehr Frust- als Erfolgserlebnisse für mich parat hält. Ich gebe aber nicht auf!

 

 

 

Wie erleben Sie die Zusammenarbeit mit der Deutschen Minderheit?

 

Wie bereits gesagt, spielt die Zusammenarbeit mit der Deutschen Minderheit eine große Rolle in der Arbeit des Generalkonsulats. Das sieht man schon an der Existenz der Außenstelle in Oppeln, die eigens hierfür geschaffen wurde, und an der etwa ein Drittel aller Mitarbeiter beschäftigt ist.  Die Deutsche Minderheit wird nicht nur konsularisch betreut, sondern auch in ihrem Bemühen um Pflege ihrer Identität und insbesondere um den Erhalt ihrer Sprache unterstützt.

 

Ich persönlich erlebe die Begegnungen mit den Angehörigen der Deutschen Minderheit immer als Bereicherung. Diese Menschen haben viel erlebt, viel durchgemacht, viel zu erzählen, und jetzt bemühen sich nicht wenige unter ihnen nicht nur um den Zusammenhalt der hier verbliebenen Deutschen, sondern auch um ein besseres Verständnis zwischen Polen und Deutschen. Insgesamt  beeindruckt mich ihre Energie. Polen ist fast ein monoethnischer Staat, und die verschiedenen Minderheiten spielen prozentual kaum eine Rolle. Trotzdem gibt es eine Reihe von deutschen Bürgermeistern, und der VdG-Vorsitzende vertritt die Deutschen Minderheiten auf europäischer Ebene. Ich möchte auch die Verdienste der Kirchen, d.h. der katholischen und evangelischen Seelsorger, um das Gemeinschaftsgefühl unter den Angehörigen der Deutschen Minderheit hervorheben, und darf natürlich auch den charismatischen Erzbischof Nossol nicht unerwähnt lassen, der geradezu zur Verkörperung des Versöhnungsauftrages geworden ist.

 

Die Zusammenarbeit des Generalkonsulats mit der Deutschen Minderheit ist intensiv und vertrauensvoll, und ich hoffe, dass auch die Angehörigen der Deutschen Minderheit das so sehen. Wir sind uns einig, dass heute die große Herausforderung darin besteht, die junge Generation noch mehr zu mobilisieren – eine Herausforderung, der sich im Zeitalter der sozialen Netzwerke übrigens alle zivilgesellschaftlichen, vom Ehrenamt abhängigen Organisationen gegenübersehen. Ich freue mich, dass die Deutsche Minderheit diese Frage konzeptionell und aktiv angeht, z.B. eine Jugendstrategie entwickelt hat.

 

 

 

Breslau war 2016 Europäische Kulturhauptstadt – und das nicht ohne Grund. Die niederschlesische Metropole hat einiges zu bieten. Womit konnte Breslau Sie am meisten überzeugen?

 

Breslau ist eine sehr schöne Stadt – malerisch gelegen, mit prachtvoller alter Bausubstanz, viel Wasser und viel Grün. Dazu ist es eine junge, dynamische Stadt, voller Studenten und kreativen, unternehmungslustigen Menschen. Die Atmosphäre heiter und einladend – nicht zuletzt dank der vielen gemütlichen Cafés, Kneipen und vorzüglichen Restaurants. Alle meine Freunde, die mich bisher besucht haben, waren begeistert.

 

Was mich darüber hinaus fasziniert, ist, dass unter der bunten Oberfläche eine sehr komplizierte Vergangenheit zu entdecken ist, die nachdenklich stimmt. In Gesprächen mit Polen und hier verbliebenen Deutschen kommt man recht schnell auf die Familiengeschichte zu sprechen, d.h. regelmäßig auch auf schreckliche, traumatische Ereignisse, die sich hier oder in der heutigen Ukraine abgespielt haben, und die die Gesprächspartner nicht aus  Schulbüchern, sondern aus Erzählungen von Eltern und Großeltern kennen. Vielleicht hängt die Liberalität, die Weltoffenheit der Bewohner von Breslau auf verwickelte Weise gerade mit diesem sehr schmerzliche Kapitel der Stadtgeschichte, dem nahezu kompletten Bevölkerungsaustausch, zusammen – mit der Erfahrung von Entwurzelung, Verlust der Heimat und der Erkenntnis, unter Fremden auf sich selbst gestellt zu sein und irgendwie zurechtkommen zu müssen. Breslau scheint mir mehr zu sein als nur eine Stadt, es ist eigentlich ein Gemütszustand.

 

 

 

Wie sah Ihr bislang schönster Tag in Breslau (oder Polen) aus?

 

Ganz einfach: mein schönster Tag in Breslau war, als ich an einem sonnigen, spätsommerlichen Oktobersonntag mit meinem Mann zu Fuß und mit der Straßenbahn quer durch die Stadt gezogen bin, mit abschließender Einkehr in ein gutes Speiserestaurant. Es ist schön, wenn man ab und zu ganz privat sein und sich als Tourist fühlen darf.