Wochenblatt – Gazeta Niemców w Rzeczypospolitej Polskiej

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Tuesday, July 5, 2022

150 Stunden – Geschichte einer Flucht

Julia Bogdan hatte ein glückliches Leben im südukrainischen Cherson. Dann kam der Krieg in ihre Heimat und veränderte alles. Als russische Truppen ihre Stadt Anfang März besetzten, entschied sich die Deutschlehrerin und Leiterin der örtlichen Jugendorganisation der deutschen Minderheit „Partnerschaft“ zur Flucht – gemeinsam mit ihren beiden Töchtern und ihrer Mutter. Uns hat sie ihre Geschichte erzählt.

„Die Bedingungen in Cherson waren unerträglich“, sagt Julia Bogdan über das Leben unter russischer Besatzung. „Es fehlte an allem: In den wenigen geöffneten Geschäften und Supermärkten gab es kaum noch Lebensmittel – und wenn, dann nur zu überteuerten Preisen. Fast alle Banken und Apotheken waren geschlossen, für etwas Bargeld oder Medikamente mussten wir uns stundenlang in endlose Warteschlangen einreihen. Jeder Tag war eine Herausforderung.“

Mit der Okkupation der Großstadt im Süden der Ukraine, die unweit der Halbinsel Krim am Fluss Dnipro liegt, verändert sich der Alltag der etwa 300.000 Einwohnerinnen und Einwohner radikal. Zu den allgemeinen Versorgungsproblemen tritt auch die Furcht vor der Willkür der Besatzer. „Wir haben in einer Atmosphäre der Angst gelebt“, erzählt Julia Bogdan, die auch als Dozentin an der Nationalen Technischen Universität in Cherson tätig ist. „Die Russen haben manchmal wahllos Wohnhäuser und sogar Krankenwagen beschossen, nachts konnten wir wegen des nahen Gefechtslärms nicht schlafen.“ Sie berichtet auch von etwa 15 zusammengeschossenen Autos auf einer Straßenkreuzung in ihrem Wohnbezirk. Erst nach drei Tagen hätten die Russen erlaubt, die Leichen von dort wegzubringen. Die Message: „Das passiert, wenn ihr euch uns in den Weg stellt“.

Julia Bogdan kann und will so nicht leben – und entschließt sich dazu, mit ihren beiden 16- und 3-jährigen Töchtern sowie ihrer Mutter zu fliehen. Wohin genau, das weiß sie zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Bloß weg von hier, nach Westen, in Richtung ukrainisch kontrolliertes Gebiet. Doch wer die Stadt verlassen möchte, riskiert Leib und Leben. Alle Ausfahrtstraßen werden von russischen Soldaten blockiert, humanitäre Korridore gibt es nicht.

Das ganze Leben in drei Rucksäcken und einem Koffer: Julia Bogdans Töchter und ihre Mutter am Busbahnhof in Mykolajiw.
Foto: Julia Bogdan

Drei Fluchtversuche
Das erste Ziel der Familie ist das etwa 60 Kilometer entfernte Mykolajiw, das weiterhin unter der Kontrolle der ukrainischen Regierung steht. Drei Versuche brauchen sie, um die Stadt am südlichen Bug zu erreichen. Den ersten Anlauf, kurz nach Beginn des Krieges, hatten sie gerade noch rechtzeitig abgebrochen, als die Nachbarn von verminten Straßen und außerhalb der Stadt stehenden Autos mit erschossenen Insassen – darunter Frauen und Kinder – berichteten. „Das war uns zu gefährlich, also haben wir unsere Abfahrt verschoben“, erklärt Julia Bogdan.

Drei Wochen später wagen sie erneut einen Ausbruch aus der Stadt, doch auch dieser Versuch scheitert. „Die Ausfallstraße in Richtung Mykolajiw war von einem russischen Panzer blockiert. Etwa 800 Autos haben sich dort gestaut, 300 davon wurden zur Rückkehr nach Cherson gezwungen, darunter auch unseres“, so die Lehrerin.

Doch sie gibt nicht auf, bezahlt zehn Tage später abermals einen Fahrer, der die beiden Frauen und die zwei Schwestern nach Mykolajiw bringen soll. Am 15. April morgens um fünf Uhr geht es los; sieben russische Kontrollposten müssen sie passieren, bei jedem die Angst im Nacken, zurückgeschickt oder gar angegriffen zu werden. Im Zickzackkurs geht es über Nebenstraßen und Feldwege, links und rechts am Wegesrand stehen ausgebrannte Autos von Zivilisten. „Die Nervosität, der Stress, die Panik – das alles war nicht zu ertragen“, schildert Julia Bogdan. „Bei jedem Checkpoint mussten wir unsere Papiere zeigen, wurden durchsucht und ausgefragt.“

Fünf Stunden brauchen sie für die Fahrt. Besonders riskant ist die letzte Etappe, die durch das etwa fünf Kilometer lange Niemandsland zwischen den russischen und ukrainischen Positionen führt. Dort laufen sie in Gefahr, ins Kreuzfeuer zu geraten. Doch dann erreichen sie unbeschadet die ersten ukrainischen Stellungen. Als Julia Bogdan und die anderen das „Dobryj ranok“, das „Guten Morgen“ der ukrainischen Soldaten hören, brechen sie vor Erleichterung in Tränen aus.

Von Mykolajiw nach Odessa
Kurz darauf treffen sie in Mykolajiw ein, doch dort enden die Strapazen nicht. „Kurz nachdem wir in der Stadt angekommen waren und am Busbahnhof auf unsere Weiterfahrt warteten, haben die Russen damit begonnen, die Stadt zu bombardieren“, erzählt Julia Bogdan. „Wir wussten nicht, ob ein Luftschutzbunker in der Nähe ist, also haben wir uns einfach auf den Boden gehockt und gehofft, das Ganze irgendwie heil zu überstehen. Auch die anderen Leute haben auf dem Asphalt gesessen, ihre Kinder umarmt und geweint. Vier Stunden haben wir gewartet und währenddessen haben die Russen drei Mal die Stadt angegriffen.“

Julia Bogdan und ihre Familie haben Glück, die Bomben verschonen sie. Erst später erfahren sie, dass bei den Angriffen fünf Menschen getötet und viele weitere verletzt wurden.

Von einer Familienfreundin werden sie dann abgeholt und mit dem Auto weiter nach Odessa gebracht. Dort kommen sie vier Tage in der Wohnung von Bekannten unter, die bereits nach Spanien geflohen sind. Anfangs erwägt Julia Bogdan, in der Hafenstadt am Schwarzen Meer oder einer anderen Stadt in der Westukraine zu bleiben. Doch ihre Schwester – die schon seit einigen Jahren in Italien lebt – rät ihr, das Land zu verlassen. „Sie sagte, dass es auch in Odessa zu gefährlich sei und dass die Russen bald auch diese Stadt angreifen würden“, berichtet Julia Bogdan. Sie beschließt, nach Deutschland zu fahren, denn dort könne sie aufgrund ihrer Sprachkenntnisse leichter eine Arbeit finden als zum Beispiel in Polen.

Also steigt die Familie in den Zug, der sie zunächst nach Lemberg (Lwiw) bringt. Dort angekommen, setzen sie sich in einen Bus nach Deutschland. 26 Stunden lang fahren sie über Polen, Dresden und Regensburg bis nach München. Am 21. April um 11 Uhr – 150 Stunden nach ihrer Abfahrt in Cherson – kommen sie am dortigen Zentralen Omnibusbahnhof an. „Endlich waren wir in Sicherheit“, sagt Julia Bogdan.

Neuanfang in München
In der bayerischen Landeshauptstadt wohnt sie nun mit knapp 20 anderen ukrainischen Frauen und deren Kindern in den Räumlichkeiten eines ehemaligen Bürogebäudes, das ein lokaler Unternehmer, der persönliche Beziehungen zur deutschen Minderheit in der Region Cherson pflegt, bereitgestellt hat. Mit ihren beiden Töchtern und ihrer Mutter – die am 23. April ihren 82. Geburtstag feierte – teilt sie sich ein Zimmer und bekommt bereits ein wenig Sozialhilfe sowie Kleidung und notwendige Hygieneartikel. „Wir haben alles, was wir brauchen“, betont sie.

Sie ist dem deutschen Staat und besonders den freiwilligen Helfern für die Unterstützung sehr dankbar. Die ganze Familie ist krankenversichert und bei den Behörden angemeldet; bald dürfen sie auch ein Bankkonto eröffnen. Und Julia Bogdans ältere Tochter wird demnächst sogar wieder zur Schule gehen – in eine ukrainische Klasse. Den Umständen entsprechend geht es den vier Geflüchteten also gut.

Doch der Krieg lässt Julia Bogdan nicht los. Sie sorgt sich um ihre daheimgebliebenen Landsleute, besonders um ihre Verwandten sowie um ihre Schüler und Studenten. Letzteren sendet sie jeden Tag eine E-Mail mit Aufgaben und Lernmaterial. Außerdem sammelt sie Medikamente, die sie den bedürftigen Senioren der deutschen Minderheit in Cherson mittels Hilfslieferungen zukommen lässt. „Ich möchte die Menschen, die in Cherson geblieben sind, irgendwie unterstützen“, erklärt sie.

In ihrer Unterkunft sitzt Julia Bogdan – wie so viele andere Flüchtlinge auch – weiterhin auf gepackten Koffern. Sobald Cherson befreit ist, will sie dorthin zurückkehren. „Ich möchte zurück in die Ukraine, ich möchte zurück in mein Heimatland“, sagt sie unter Tränen.

Lucas Netter

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