Bernard Gaida bei der Abschlussdiskussion. Rechts im Vordergrund Henryk Hoch Foto: Johannes Rasim

Bernard Gaida bei der Abschlussdiskussion. Rechts im Vordergrund Henryk Hoch
Foto: Johannes Rasim

Aus Anlass des Jubiläums der Unterzeichnung des deutsch-polnischen Nachbarschaftsvertrages fand in Allenstein (Olsztyn) eine internationale Konferenz statt, an der Wissenschaftler und Forscher eine Bilanz zogen und einige Ergebnisse der letzten 25 Jahre präsentierten. Dabei waren auch kritische Töne zu hören.

 

Die Unterzeichnung des deutsch-polnischen Nachbarschaftsvertrages am 17. Juni 1991 war ein Meilenstein in der wechselvollen deutsch-polnischen Geschichte – darin waren sich die Teilnehmer der Tagung, die vom 20. bis zum 22. Juni stattfand, einig. Weniger Einigkeit und Konsens herrschte bei der Bewertung der Entwicklung der deutsch-polnischen Beziehungen der letzten 25 Jahre. Während in den Begrüßungsreden und Grußworten der Gäste, unter anderem des Woiwoden der Woiwodschaft Ermland-Masuren Artur Chojecki, des Marschalls Dr. Gustav Marek und des Stadtpräsidenten Allensteins Dr. Piotr Grzymowicz mit Lob nicht gespart wurde, gab es auch kritische Betrachtungen. So kritisierte der VdG-Vorsitzende Bernard Gaida zum wiederholten Male die mangelhafte Umsetzungen der Vorgaben des Runden Tisches von polnischer Seite. Gaida bemängelte ebenfalls den Informationsfluss der polnischen Medien, die den wahren Tatbestand nicht korrekt wiedergeben.

 

Rückblick auf 25 Jahre

 

Am ersten Tag konzentrierten sich die Teilnehmer auf die Bilanz der 25 Jahre. Dabei sprach Prof. Klaus Ziemer von der Kardinal-Wyszyński-Universität in Warschau über die „Beziehungen zwischen den Bürgergesellschaften 25 Jahre später“. Prof. Ziemer sagte u.a.: „Vor 25 Jahren haben die beiden Außenminister proklamiert, es gebe eine deutsch-polnische Interessen- und Wertegemeinschaft. Alle haben sich gefreut – waren aber unsicher und befürchteten, es wäre ein Projekt von Eliten, dem der gesellschaftliche Unterbau fehlt. Heute können wir sagen, dass dieser gesellschaftliche Unterbau da ist. Der Vertrag hat die rechtlichen Grundlagen dafür gelegt, dass auf den unterschiedlichsten Ebenen Beziehungen zwischen den beiden Gesellschaften zustande kommen.“

 

Prof. Ziemer verwies dabei auf das Deutsch-Polnische Jugendwerk, das bisher 2,7 Millionen Jugendlicher beider Länder zusammen gebracht hat, auf die zahlreichen Städtepartnerschaften und Partnerschaften zwischen Regionen. Es gebe ein dichtes Netz von Beziehungen im Bereich Wissenschaft und Schulpartnerschaften. Dadurch lernen sich viele Deutsche und Polen auf der persönlichen Ebene kennen.

 

Verhältnis zu Frankreich als Vorbild

 

Prof. Klaus Ziemer betonte weiter, dass die Situation heute vollkommen anders ist als vor 25 Jahren: „Wir haben ein ganz dichtes Netzwerk gesellschaftlicher Beziehungen, auf dem sich Deutsche und Polen auf einer ganz normalen Ebene begegnen.“ Als Beispiel führte Prof. Ziemer auch Projekte an den Universitäten an. So werden bei der deutsch-polnischen Wissenschaftsstiftung viel mehr förderungswürdige Anträge eingereicht, als Geld vorhanden sei.

 

„Inzwischen haben wir anderes als vor zehn Jahren so enge Beziehungen auf der persönlichen Ebene, dass das Verhältnis zwischen konkreten Deutschen und Polen sich nicht verändert, auch wenn es einen Regierungswechsel, so wie jetzt beispielsweise in Warschau, gab. Diese Beziehungen zwischen den Gesellschaften sind weitgehend unabhängig von den Veränderungen, die sich zwischen Warschau und Berlin abspielen. Das kommt daher, weil man sich inzwischen kennengelernt hat. Insofern sind die deutsch-polnischen Beziehungen den engen deutsch-französischen Beziehungen ähnlich geworden. Auch zwischen Berlin und Paris gibt es gelegentlich Spannungen, aber das tangiert nicht das Verhältnis zwischen Deutschen und Franzosen“, so Prof. Ziemer.

 

Ergebnisse nach 25 Jahren

 

Am ersten Tag der Tagung sprach unter anderem der VdG-Vorsitzende Bernard Gaida über die Situation der deutschen Minderheit 25 Jahre nach der Unterzeichnung des Nachbarschaftsvertrages. Weitere Referate bezogen sich auf bestimmte Teilaspekte und Ergebnisse der deutsch-polnischen Beziehungen: Dr. Rafał Żytyniec vom Historischen Museum in Lyck (Ełk) stellte das Monumentalwerk über die deutsch-polnischen Erinnerungsorte vor und Prof. Igor Kąkolewski (Zentrum für Historische Forschung der Polnischen Akademie der Wissenschaften in Berlin) sprach über den deutsch-polnischen Lehrbuchdialog und seinen Einfluss auf Dialogkultur. „Für mich sind diese beiden Werke die zwei herausragenden Ergebnisse, die in den 25 Jahren erzielt wurden. Mit der Rezeption des deutsch-polnisch Schulbuches interessieren sich auch andere Teile der Welt. Wie wir gehört haben, wurde das Buch u.a. auch in Japan vorgestellt“, so der Hauptorganisator der Tagung Prof. Krzysztof Gładkowski.

 

Abschlussdiskussion

 

In der abschließenden Podiumsdiskussion fragte unter anderem der VdG-Vorsitzende Bernard Gaida Vertreter der Deutschen Minderheit, wie die Situation der Minderheit in 25 Jahren aussehen könne. Der Bezirksvorsitzende Henryk Hoch aus Osterode (Ostróda) betonte, dass die Arbeit mit der Jugend verstärkt werden müsse. Vor allem müsse die Jugend mehr mit  dem kulturellen Erbe der Region vertraut gemacht werden.

 

Monika Krzenzek aus Ortelsburg (Szczytno) bestätigte, dass man demnächst mit sieben Personen einen DFK gründen könne – das werde die Auflösung mancher Vereine verhindern. „Die Schwerpunkte der nächsten 25 Jahre werden sich sicherlich verlagern, vor allem in Richtung Kulturbereich und Tourismus. Auch die Arbeit mit der Jugend muss mit neuen Impulsen versehen werden. Die Regionalgeschichte muss vor allem an die Jugendlichen herangetragen werden, die sich bis jetzt nur allgemein für die Geschichte interessieren“ so Krzenzek.

 

In der anschließenden Diskussion wurde von einigen Teilnehmern kritisiert, dass das deutsche Engagement bei der Versöhnungsarbeit in der polnischen Gesellschaft und in den Medien zu wenig gewürdigt wird.

 

Bewertungen der Konferenz

 

Einen großen Konsens gab es unter den Teilnehmern über die Bewertung der Konferenz in Allenstein. So sagte Bernard Gaida: „Die Konferenz war wichtig, weil sie durch wissenschaftliche Auseinandersetzung aufgezeigt hat, wie breit gefächert die Beziehungen der beiden Länder sein können. Die letzten 25 Jahre haben die beiden Gesellschaften näher gebracht, so dass sie von Politikern aus Berlin und Warschau nicht beeinflussbar sind. Somit kann ich Prof. Klaus Ziemer voll zustimmen.“

 

Prof. Krzysztof Gładkowski stellte fest: „Die Konferenz mit dieser Thematik findet nach 2011 bereits zum zweiten Mal statt. Bezeichnend für diese Konferenz ist, dass einige Referenten bereits vor fünf Jahren dabei waren. Sie bezeugen mit ihrer Anwesenheit und ihrem Engagement, dass bestimmte Bindungen entstanden. Dies ist ein sichtbarer Ausdruck dafür, dass eine Gemeinschaft der Gedanken um die deutsch-polnische Thematik vorhanden ist. In diesen Tagen ist diese Gemeinschaft in Allenstein größer geworden. Auch ich schließe mich der Meinung an, dass eine gesellschaftliche Gemeinschaft bei den Beziehungen der beiden Länder entstand. Dabei hat der deutsch-polnische Versöhnungsdialog in vielen Bereichen der Wissenschaft Vorbildcharakter.“

 

Johannes Rasim