Wochenblatt – Gazeta Niemców w Rzeczypospolitej Polskiej

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Saturday, December 10, 2022

Abenteuer unter Tage

Der Bergbau in Schlesien entwickelte sich seit dem Ende des 18. Jahrhunderts und wurde rasch zum wichtigsten Industriezweig in Schlesien. Darüber hinaus bildete der Bergbau einen Meilenstein im Prozess der Industrialisierung und Urbanisierung der Region. Zeitlang galt Oberschlesien als eine der größten und wichtigsten Industrieregionen Europas. Die Gruben von Hindenburg spielten hier vor allem in der Anfangszeit eine Schlüsselrolle.

 

Am Fluss, der die Erde auf natürliche Weise öffnet, suchten die Menschen einst nach Kohle. In Hindenburg war es der Fluss Czerniawka, der bereits Ende des 17. Jahrhundert zum Graben in der Tiefe verleitete. Doch erst die 1791 eröffnete Königin-Luise-Grube in Hindenburg und die König-Hütte in Königshütte waren Meilensteine in der Entwicklung des modernen Kohlenbergbaus und der industriellen Revolution in Schlesien. „Die Grube, das ist so eine Abbaustelle. Die Gruben wurden Bergschlüssel genannt, weil sie den in den Bergen versteckten Reichtum zugänglich machten“ sagt Roman Chytry, Mitarbeiter des Kohlebergbaumuseums in Hindenburg.

 

Hauptschlüssel-Erbstollen

Fast gleichzeitig, zum Ende des 18. Jahrhunderts, begann das Bohren des legendären Hauptschlüssel-Erbstollen in Hindenburg, nach dem Projekt des Schlesischen Berghauptmanns Friedrich Wilhelm von Reden. Der 64 Jahre lang gegrabene Stollen verbindet die preußischen Kohlebergwerke in Hindenburg und Königshütte mit dem Klodnitzer Kanal. Und dadurch mit der Königlich Preußischen Eisengießerei in Gleiwitz und der Oder. Seine Aufgabe war es, die unterwegs gelegenen 20 kleineren Bergwerke zu entwässern. Das klappte, die Besitzer mussten für diese Möglichkeit zahlen. „Das hat man sich in Oberschlesien ausgedacht: wenn man einen Stollen vorbereitet, der fast horizontal verläuft, mit einer leichten Erhebung, dann macht man alle Schichten, auf die man unterwegs stößt, zugänglich, weil sie so schräg sind. Gleichzeitig wird das ganze Gebiet entwässert. Man muss das Wasser nicht auspumpen, sei es mithilfe von Pferden, Göpelwerken, manuell oder später mit Dampfmaschinen. Deren Anwendung war aber sehr kostspielig. Und so kam das Wasser von selbst heraus. Und wenn es selbst herausfließt, dann warum es nicht gleich dazu zu nutzen, um auf diesem Wasser Bote mit Kohle auf den Weg schicken? So hat man das auch gemacht“ erklärt Roman Chytry.

 

Roman Chytry, Mitarbeiter im Museum des Kohlebergbaus in Hindenburg
Foto: Dariusz Panza

 

Nach der endgültigen Fertigstellung des Hauptschlüssel-Erbstollens erwies sich das Konzept seiner Nutzung als unrentabel, was auf die Entwicklung des Straßen- und Schienennetzes in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts zurückzuführen ist. Des Weiteren wurden die flachen Kohlevorkommen in der Königin-Luise-Grube erschöpft. Die Bergwerke werden vertieft und immer weiter modernisiert. Das Königen- Lusien-Bergwerk wird mit der Guidogrube verbunden.

 

 

Sicherungen

Der Bergbau hatte auch seinen Einfluss in die Sprache: „Die Formulierung ‘Zur Schicht gehen‘ kommt aus dem Bergbau. Ein Bergman ging zur Arbeit, um eine Schicht Kohle zu fördern“, weiss Roman Chytry. Die Bergwerge wurden zuerst mit Sandstein und später mit Holz gesichert. Die Bergarbeiter selbst hatten anfangs überhaupt keine Schutzkleidung, weder Helm noch spezielle Schuhe. Als Warnsystem vor dem, was in der Luft schwebte und den Arbeitern lebensgefährlich werden könnte, diente ein Kanarienvogel. „Den Kanarienvogel hat man mitgenommen nach unten, dort hat er gesungen. Sobald er aufgehört hat zu singen, mussten sich die Bergleute zurückziehen. Denn gleich würde keiner singen und keiner arbeiten können. Die Reaktion des Vogels auf Sauerstoffmangel war schneller als die der Bergleute“.

 

 

Hartes, kurzes Leben

Der Arbeitstag eines Bergarbeiters war hart, in den Bergwerken arbeiteten auch Kinder. Während der Kriege und nach dem Zweitem Weltkrieg arbeiteten auch Frauen im Bergbau. „Ganz am Anfang arbeiteten nur ein paar Männer in einer Grube, mit der Entwicklung des Bergbaus wurden es immer mehr Menschen. Die Lebenserwartung eines Bergarbeiters betrug im 19. Jahrhundert kaum 40 Jahre. 1839 wurde in Preußen ein Gesetz verabschiedet, das ein Arbeitsverbot in den Gruben für Kinder unter neun Jahren enthielt“ weis Roman Chytry und fügt hinzu: „Das war unglaublich, wenn man heute darüber nachdenkt. Und was war mit dem Rest? Kinder bis 14 Jahre konnten ohne Einschränkungen unter Tage arbeiten. Bis 1839 haben in den Gruben auch ganz kleine Kinder gearbeitet“.

 

Umbruch/ Mechanisierung

Der Umbruch des 19. und 20. Jahrhunderts brachte eine weitere rasante Entwicklung mit sich. Als Druckluft und Strom untertage benutzt werden konnten, trat eine enorme Mechanisierung des Bergwesens ein. „Es war nicht mehr wie früher, dass eine Maschine in einem Bergwerk eingesetzt wurde und alle kamen, um sie sich anzuschauen, sondern überall gleichzeitig: erste Vortriebsmaschinen, Bohrmaschinen, Stollenvortriebsmaschinen. Es gab auch erste Maschinen, mit denen man die Kohle transportierte“ weis Roman Chytry. Das Jahr 1945 bildete auch im Bergbau Oberschlesiens eine Zäsur. Maschinen wurden abgebaut und in die Sowjetunion transportiert. Auch die Bergarbeiter wurden deportiert, um in den Bergwerken im Fernen Osten zu arbeiten und die Maschinen zu bedienen.

 

Das Museum des Kohlebergbaus in Hindenburg bietet untertage zahlreiche Attraktionen für seine Besucher an.
Foto: Dariusz Panza

Touristische Attraktion

Kohle aus Schlesien wurde in den späteren Nachkriegsjahren zur Exportware und der Bergbau erlebte einen Aufschwung. Nun wird der Bergbau in Schlesien langsam stillgelegt. Die gut erhaltenen und revitalisierten Bergwerke werden den Touristen zugänglich gemacht. Die Idee ist nicht neu. Bereits in der Zwischenkriegszeit wurde ein Teil der Königin-Luise-Grube, der Wilhelmstollen, als Lernwerkstatt für Schüler der Bergwerksschule umgestaltet. In den 1970ern waren erste Touristen untertage in Hindenburg, obwohl damals das Bergwerk die ganze Zeit noch Kohle geschöpft hat.
Außer einem kleinen Bergwerk gibt es heute in Hindenburg keine funktionierende Grube mehr. Die erhaltene Infrastruktur der restlichen Bergwerke wird vom Museum des Kohlebergbaus in Hindenburg betreut, Besuche sind das ganze Jahr über möglich. Sowohl Erwachsene, Familien mit kleinen Kindern als auch Schulklassen können hier viel von der Geschichte des Oberschlesischen Bergbaus lernen und viele Abenteuer untertage erleben.

Manuela Leibig

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