Hamoud Benjamin Gahl ist Journalist und Dozent für Content Marketing in Hamburg. Seine Vorfahren stammen aus Oberschlesien und im Frühjahr 2019 machte er sich auf den Weg in die Heimat seiner Vorfahren. Für das Wochenblatt.pl hat er seine Reise Revue passieren lassen.

 

Die Vorfahren von Hamoud Benjamin Gahl, oben rechts sein Urgroßvater Karl Schwede. Foto: privat

 

Mein Herz schlägt schneller. Vor mir ist das Haus Nummer 26 im polnischen Dorf Szydłowiec Śląski, das früher einmal deutsch war und Schedlau hieß. Ich habe das Haus meiner Großmutter Erika Gahl (geb. Schwede) in Oberschlesien gefunden. Hier hat sie bis Ende Januar 1945 mit ihrer Familie gelebt hat. Heute ist Montag, der 4. Februar 2019, ein sonniger, blauer Wintertag. Im Fenster neben der Eingangstür bemerke ich eine Bewegung hinter dem Vorhang. Vielleicht ist jemand zuhause? Ich nehme meinen Mut zusammen. Eine Klingel gibt es nicht, also klopfe ich gegen den Plastikbriefkasten und rufe erst auf Deutsch „Hallo“, dann auf Englisch „Hello“, dann auf Polnisch „Cześć!“. So hatte ich mir das vorgestellt, als ich zu meiner zehntägigen Reise nach Schlesien aufgebrochen war!

 

Vorbereitung – Januar 2019
An ihren Geburtstagen und zu Weihnachten hat meine Großmutter Erika oft von „der Flucht“ erzählt. Am 23. Januar 1945 war sie, 22-jährig, mit ihrer Mutter Emma, ihrer Schwester Helga und ihrem Bruder Georg auf Pferdefuhrwerken vor der russischen Armee nach Westen, in den Kern des zerfallenden Nazideutschland, geflüchtet. Ihr Bruder Erich war zu dem Zeitpunkt schon an der Ostfront in Russland gefallen. Und der Vater Karl – mein Urgroßvater – stellte sich zu diesem Zeitpunkt mit anderen alten Männern als letztes, heillos unterlegenes Aufgebot der deutschen Armee im so genannten „Volkssturm“ den russischen Panzern entgegen.

Gelandet ist meine Oma nach sechs Wochen Flucht durch den Winter mehr oder weniger zufällig im oberbayerischen Moosburg an der Isar. In dieser Kleinstadt bin ich aufgewachsen, heute lebe ich mit meiner Familie in Hamburg. Als meine Oma zur Flucht aufbrach, war mein Großvater Reinhold Gahl, der aus dem Nachbardorf Straßendorf (heute Stroszowice) stammte, wahrscheinlich schon in russischer Kriegsgefangenschaft.

Ich schreibe „wahrscheinlich“, denn so ganz genau weiß ich das alles, ehrlich gesagt, nicht. Für die Erzählungen meiner Großeltern über den Krieg, die Flucht und Schlesien habe ich mich als Kind und als junger Erwachsener nie sonderlich interessiert. Heute bin ich 42 Jahre alt, und jetzt interessiert es mich, wie sie gelebt haben. Leider kann ich meine Großeltern nicht mehr fragen, beide sind schon vor vielen Jahren gestorben. Deswegen habe ich mir vorgenommen, selbst auf die Suche zu gehen. Zehn Tage lang möchte ich im Februar 2019 durch Schlesien fahren und die Orte suchen, wo die Familien meiner Großeltern gelebt haben. Die Fahrt führt nach Krakau, Auschwitz, Oppeln, Falkenberg, Schedlau, Straßendorf und nach Lamsdorf, wo mein Urgroßvater Karl Schwede am 21. Januar 1946 in einem Internierungslager gestorben ist.

 

Krakau, 30.-31. Januar 2019
Anhaltspunkte und Unterstützung zur Vorbereitung meiner Reise habe ich viele bekommen. Vor allem meine Mutter Helga hat mich mit alten Fotos, Dokumenten sowie Orts- und Straßennamen versorgt. Alle schlesischen Ort haben mittlerweile natürlich polnische Namen, und im Internet ist es nicht schwer, die heutigen Namen herauszufinden. Als Ausgangspunkt der Reise habe ich mir Krakau ausgesucht. So ausgestattet fliege ich los.

Krakau liegt nicht in Schlesien, und ich habe keinen persönlichen Bezug zu der Stadt. Aber Krakau ist auf jeden Fall einen Besuch wert, lebendig, voller Geschichte und hervorragend erhalten. Das liegt daran, dass es dort keine Industrie gibt, sondern „nur“ jahrhundertealte Kultur. Deswegen hat es sich für die Nazis nicht gelohnt, die Stadt bei der Evakuierung 1945 zu zerstören. Das habe ich im Oskar Schindler Museum in Krakau gelernt. Und auch die Alliierten sahen keinen Grund, die strategisch bedeutungslose Stadt zu bombardieren. Ein Glücksfall für die Menschen, die damals dort lebten und für die Nachwelt!

Außerdem liegt Krakau nur knapp 70 Kilometer von Auschwitz entfernt, das ich auch besuchen will. Nach zwei Nächten in Krakau breche ich mit dem Mietwagen auf.

 

Auschwitz, 1.-3. Februar 2019
Auschwitz heißt heute Oświęcim. Es ist eine ganz normale Kleinstadt mit knapp 40.000 Einwohnern, einer Kirche im Ortskern und Jugendlichen, die rauchend an Bushaltestellen rumhängen und Musik hören. Aber im Unterschied zu anderen Kleinstädten sind hier während des Zweiten Weltkriegs eine Million Menschen in einer Vernichtungsfabrik, die heute ein riesiges Museum ist, ermordet worden.

Ich habe die „große Tagestour“ in deutscher Sprache gebucht: Vormittags drei Stunden durch das Stammlager Auschwitz I, am Nachmittag nochmal drei Stunden durch das nahgelegene Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau. Dort, wo sich früher die Verbrennungsöfen befanden, steht bis heute ein schöner Birkenwald, daher der Name. Am eindrücklichsten in Erinnerung bleibt mir der Raum mit den Haaren. Hier darf man aus Respekt vor den Opfern nicht fotografieren. Hinter Glas ist in dem Raum ein 20 Meter langer und zwei Meter hoher Wall aus menschlichen Haaren aufgetürmt. In ein paar Jahren werden diese Haare nicht mehr existieren, weil sie langsam zu Staub zerfallen. Sie wurden den Menschen abrasiert, nachdem man sie in den Gaskammern ermordet hatte. Die Körper der Ermordeten wurden dann in den Öfen im Birkenwald verbrannt, die Haare in deutsche Textilfabriken geschickt. Daraus wurden Pullover und Hosen gemacht, die sich andere Menschen wieder angezogen haben.

Ob es etwas mit meinen Großeltern und ihren Nachbarn gemacht hat, dass sie damals – wahrscheinlich ohne es zu wissen – nur wenige Kilometer von dieser Todesfabrik entfernt gelebt haben? Kann gut sein, ich weiß es nicht. Aber ich weiß, dass ich es wichtig finde, das selbst mit eigenen Augen gesehen zu haben. Nach zwei Nächten in Auschwitz fahre ich weiter nach Oppeln.

 

 

Fortsetzung folgt.