Mitten in Warschau gibt es seit Jahrzehnten eine große Lücke im Stadtbild. Am heutigen Pilsudski-Platz hatte mehr als 200 Jahre lang das Sächsische Palais gestanden, einstmals königliche Residenz Augusts des Starken. Heute setzen sich Aktivisten für den Wiederaufbau des Schlosses ein – und werden dabei ausgerechnet von der deutschlandkritischen Regierungspartei Prawo i Sprawiedliwość (PiS) unterstützt.

 

Am heutigeb Pilsudski-Platz ist von dem einstmals prächtigen Gebäude nur noch ein Rest des Säulrnganges zu sehen
Foto: Holger Lühmann

 

Das sächsische Erbe in Warschau ist immens. Neben dem Nobelviertel Saska Kepa auf der östlichen Weichselseite, das einstmals königlich-sächsisches Jagdrevier war, gibt es auch noch den Sächsischen Garten im Zentrum der polnischen Hauptstadt. Der Park gilt als einer der größten städtischen Erholungsräume – inmitten von Wolkenkratzern. Die 16 Hektar große Grünanlage lädt mit ihren barocken Skulpturen und Springbrunnen zu gemütlichen Spaziergängen und erholsamen Mittagspausen ein.

 

 

Nur noch ein Rest vom einstmals prächtigen Gebäude

 

Aus Sicht der Historikerin Aneta Chalus ist der Park jedoch nur unvollständig. Ihm fehle das ursprünglich dazugehörige Sächsische Palais, das direkt nebenan gestanden hatte. Vom einstmals prächtigen Gebäude ist heute aber nur noch ein Rest des Säulengangs zu sehen. “Es ist das einzige Teilstück, das die Nachkriegszeit überdauert hat“, erklärt die Historikerin. Heute befindet sich in dem 25 Quadratmeter großen Säulengang das Grab des Unbekannten Soldaten. Die permanente Bewachung des Ortes durch eine polnische Ehrengarde demonstriert die nationale Bedeutung der historischen Stätte. Bald jedoch könnte sich dieser Ort wieder einfügen in ein größeres Ganzes – zumindest wenn es nach der Initiative Pałac Saski 2018 geht. Die Aktivistengruppe will, dass die Leerstelle einem Wiederaufbau des Sächsischen Palais weicht.

 

 

Kommunalwahlen könnten Widerstand aus dem Rathaus beenden

 

Einer der Aktivisten ist Mateusz Matyszczyk. Trotz der schwierigen politischen Stimmung in Warschau ist der Germanist optimistisch: „Die Warschauer Stadtpräsidentin Gronkiewicz-Waltz positioniert sich wegen der hohen Baukosten gegen den Wiederaufbau des Schlosses, doch bald finden Kommunalwahlen in Polen statt, zu denen sie nicht erneut antreten will.“ Damit könnte der Widerstand aus dem Rathaus enden. Die Hoffnung der Aktivisten ruht nun auf den geschichtspolitischen Sprechern der Regierungspartei PiS. So ist etwa der Sejm-Abgeordnete Andrzej Melak einer der glühendsten Unterstützer des Projektes, auch wenn er sich finanzielle Unterstützung aus Sachsen erhofft – als Kompensation für die Zerstörung des Schlosses durch die Wehrmacht im Jahre 1944.

 

Mehr als 200 Jahre lang hat das Sächsische Palais in Warschau gestanden. Einstmals war es königliche Residenz Augustus des Starken. Foto: Muzeum Warszawy

 

 

Alles hängt von der polnischen Politik ab

 

Dabei rechnen Experten mit Baukosten im hohen dreistelligen Millionenbereich. Die Diskussion um einen möglichen Wiederaufbau ist allerdings nicht ganz neu. Pläne dafür liegen schon seit Jahren in der Schublade. Bereits Anfang der 2000er-Jahre hatte man den Wiederaufbau ins Visier genommen. In den Jahren 2006 und 2008 wurden sogar Grabungen durchgeführt, um das Terrain zu erkunden. Das Ergebnis der Bodenuntersuchung hat Archäologen und Statiker davon überzeugt, dass ein Wiederaufbau auf dem zum Teil erhaltenen Fundament möglich wäre.

Nun hängt alles von der polnischen Politik ab. Die Sächsische Staatskanzlei hat MDR SACHSEN auf Anfrage schriftlich mitgeteilt, dass der Freistaat das Bauprojekt in Warschau nicht mitfinanzieren könne, zumal man in Dresden von den Diskussionen nichts wisse. Es bestünden für Sachsen ohnehin keine Fördermöglichkeiten im Ausland.

 

 

Holger Lühmann