Wochenblatt – Gazeta Niemców w Rzeczypospolitej Polskiej

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Sunday, July 3, 2022

Bewegtes Leben

Auf dem Schloss Fürstenstein bei Waldenburg, das heute das drittgrößte Schloss Polens ist, lebt von Geburt an, also seit 1935, Doris Stempowska. Die Geschichte des Schlosses und deren Einwohner haben Doris Stempowska ihr Leben lang geprägt.


Der Vater von Doris Stempowska war Hofstallmeister im fürstlichem Gestüt auf dem Schloss Fürstenstein. Die kleine Doris wohnte mit ihren Eltern in einer der Wohnungen für die Belegschaft des Schlosses. Noch heute erinnert sie sich an die sorglosen Kindertage: „Wir hatten es märchenhaft schön, wir konnten spielen, der Park war offen für uns, wir haben ja hier gewohnt. Auf dem Schlossplatz wurde uns auch erlaubt zu toben. Und wenn eines der Kinder im Sommer Geburtstag hatte, da konnten wir auf den Terrassen sein und Saft trinken. Die größeren Jungs haben ein Floß gebaut und haben uns Mädchen auf dem Teich hier im Park mit unseren Puppenwagen rumgefahren. Wir waren ja nicht viele Kinder, aber es war eine märchenhafte Kindheit. Wenn ich jetzt zurückdenke. Früher dachte man, das ist selbstverständlich“ lächelt die 87-Jährige.

Der Vater von Doris Stempowska war Hofstallmeister im fürstlichem Gestüt auf dem Schloss Fürstenstein.
Foto: privat

Kriegszeit
Mit Beginn des Krieges wurde die Realität trauriger. 1943 wurde das Schloss von den Nationalsozialisten eingenommen. Jüdische Gefangene wurden hier zur Arbeit gezwungen: „In den ersten Kriegsjahren ging es ja noch. Alle waren traurig, denn die Zeiten haben sich geändert. Aber der Umbruch kam 1943. Die Hitlerbaugesellschaft TOD ist hier eingetroffen, sie haben angefangen, das Schloss umzubauen. Direkte Pläne hat niemand von uns gehabt. Und seit 1943 wussten wir, dass wir, die fürstliche Belegschaft, von hier raus mussten. Aber die konnten uns nicht von einem Tag zum anderen aussiedeln, weil sie keine Wohnung für uns hatten. Niederschlesien wurde damals zum Luftschutzkeller von Deutschland, viele Ausgebombte fanden in Waldenburg und Umgebung eine Zuflucht. Komischerweise hatten wir keine Bombardierungen. Die feindlichen Flugzeuge lösten Fliegeralarm aus, wir haben sie gesehen, aber keine Bombe fiel“, erinnert sich Doris Stempowska.

Doris Stempowska wuchs in einer Wohnung für die Belegschaft des Schloss Fürstenstein auf.
Foto: privat

1945
Erst 1945 bekam die Familie eine Wohnung zugesagt, das weiß Doris Stempowska noch ganz genau. „Mein Vater hat die Nachricht erhalten, dass für uns die Wohnung in Bad Salzbrunn am 4. Mai zurecht steht. Es war die Sternstraße Nummer 5. Hier war schon Frontgebiet in Freiburg, niemand ist auf den Gedanken gekommen, die Wohnung zu besichtigen!“ Geflüchtet ist die Familie nicht, obwohl es im Februar mit dem Roten Kreuz-Zug möglich war, nach Bayern zu fliehen: „Meine Mutter hätte mit mir auch weggekonnt, aber mein Vater, und viele andere auch, war hier kriegsverpflichtet in den Flugzeugwerken. Und der durfte ja nicht weg. Und da sagten meine Eltern – wenn, dann zusammen. Und da sind wir hiergeblieben, wie Verschiedene andere auch.“ Die ersten russischen Soldaten, die das Schloss erreichten, baten nur um Wasser und Unterkunft. „Nachmittags am 8. Mai um 15 Uhr sind die Russen hier einmarschiert.“ Erst weitere Truppen der Roten Armee wurden der Belegschaft des Schlosses unangenehm, weiβ Doris Stempowska: „Eine Woche waren die Russen da, also bis zum 15. Mai. Und dann hieß es: wir müssen raus. In zwei Stunden mussten wir unsere Wohnung verlassen, so, wie alles steht. Und sie würden hier Quartier machen. Wie sich dann später herausstellte, haben sie kein Quartier gemacht. Ich denke – wie ich das heute verstehe – dass sie erstmal alles durchsucht haben. Der russische Geheimdienst hat ja gewusst, dass hier was gebaut wurde, und die unterirdischen Gänge und so.“

Im neuen Land
Die Familie kommt nach einer Woche zurück in ihre Wohnung. Mit der neuen Grenzziehung kommt ein großer Umschwung auf die deutschen Bewohner von Schlesien zu. Ab 1947 geht die 12-jährige Doris in eine polnische Schule in Bad Salzbrunn. Innerhalb eines halben Jahres lernt sie Polnisch. „Ich muss sagen, ich hatte gute Lehrer. Das kann ich nicht abstreiten. Manche sind erstaunt, nicht alle meine Bekannten hatten in anderen Schulen so viel Glück.“ Doris Stempowska weiβ ihre Lehrer zu schätzen: „Mich hat die Klassenlehrerin in die Klasse eingeführt. Ich hab kein Wort Polnisch gekonnt. Die Lehrerin hat den Kindern erklärt, wer ich bin und von wo ich herkomme. Ich habe mich hingesetzt und fertig. Und habe nichts verstanden. Aber die waren alle so freundlich gesinnt zu mir, also lag das an der Lehrerin, was sie so gesagt hat über mich.“

Im Schlosspark konnte die kleine Doris spielen.
Foto: privat

Zwischen Beruf, Familie und Minderheit

Die ganze Familie mütterlicherseits ist geflüchtet, die väterlicherseits wohnte in Teschen. Doris, die ein Einzelkind war, wuchs ohne Cousins und Cousinen auf. Später heiratete sie, bekam drei Kinder. Ihr Ehemann – ein deutschsprechender Pole aus dem Posener Gebiet, ehemaliger Gefangener eines NS Konzentrationslagers. 1967 war ein gemeinsamer Weggang in den Westen geplant, aber es klappte nicht. „Doch mein Mann hat keine Erlaubnis zur Ausreise bekommen, und da sind wir hiergeblieben. Ich habe zu Hause deutsch gesprochen, meine Mutter konnte nicht polnisch“, sagt Doris Stempowska. 1972 ergab sich eine weitere Ausreisemöglichkeit, dieses Mal vom polnischen Staat erlaubt. „Meine Mutter war todsterbenskrank, sie hätte nicht weggekonnt. Und die Kinder waren in der Schulzeit, eines vor dem Abitur. Und da wollte ich das nicht. Ich habe es einmal erlebt, dass man in die Schule kommt und alles ist anders, und das wollte ich ihnen nicht antun. Sie sollen ihre Ausbildung weitermachen, das war mir dann wichtiger“, erinnert sich die 87-Jährige, die heute schon achtfache Uhrgroßmutter ist.

Abitur
In den Gebäuden des Schlosses Fürstenstein wurde von der Polnischen Akademie der Wissenschaft ein Geophysisches Observatorium eingerichtet, in dem Doris Stempowska Arbeit findet. Sie ist schon eine erwachsene Frau, als sie die polnische Matura besteht: „Zuerst war ich Laborantin, und dann haben sie mich zur Geophysikerin gemacht. Dann musste ich in Krakau und in Ratibor Kurse mitmachen. In Ratibor ist auch eine Erdbebenwarte, die gibt es heute wohl noch. Und da waren auch viele ehemalige Angestellte von früher, Oberschlesier. Ab dieser Zeit war es eigentlich sehr angenehm hier. Ich hatte gute Arbeit gehabt, habe mein Abitur gemacht. Hätte auch vielleicht nach dem Abitur weitergemacht, aber meine Mutter war krank. Ich hatte Dienst, Schule, die kranke Mutter und Kinder, die selbst nicht viel machten, weil sie selbst lernten.“

Die kleine Doris mit ihren Eltern
Foto: privat

Deutsch erlaubt
In Niederschlesien war die deutsche Sprache nie wirklich verboten. 33.000 Deutsche sind in Waldenburg und Umgebung geblieben, viele waren Fachleute und arbeiteten in der Industrie. „Nach der Anerkennung der Friedensgrenze von der DDR gab es in den Witrinen überall deutsche Gewerkschaftsverbände, parallel zu den polnischen. Die Gewerkschaften haben sich darum bemüht, als Deutsche anerkannt zu werden. Es hat geklappt. Seit dem Herbst 1950 wurde bei uns Deutsch unterrichtet. Je nach dem Ort, wie viele Kinder da waren, gab es eine deutsche Klasse, wo viele Fächer auf Deutsch unterrichtet wurden“, erzählt die Zeitzeugin. Erst 1956, als erlaubt wurde, wegen Familienzusammenführung aus Polen auszureisen, haben viele Deutsche in Niederschlesien diesen Schritt aus finanziellen Gründen gewagt. „Doch man hörte immer noch Deutsch auf den Straßen. Wenn jemand aus Zentralpolen nach Waldenburg kam, wunderte er sich, was das sollte, ob das eine deutsche Stadt ist. Natürlich kam es vor, dass jemand behelligt wurde wegen der Benutzung der deutschen Sprache, aber erlaubt war es“, weiß Doris Stempowska.

„Bei unseren Auftritten ist es grundsätzlich wichtig, dass wir Werke unserer alten schlesischen Komponisten singen und aufführen.“

1957 DSKG Waldenburg
Später, im Herbst 1957, wurde die Deutsche Sozial Kulturelle Gesellschaft in Waldenburg offiziell im Gericht registriert. Doris Stempowska ist zwischen Beruf und Familienleben gerne hingegangen. 1988 schreibt sie sich als Mitglied ein: „Wenn man Mitglied ist, da hat man hier was gesagt, das könnte man hier besser machen, und da hat es sich ergeben, dass ich im Vorstand war, erst als Sekretärin“, sagt Doris Stempowska. 1992 gründet die DSKG Waldenburg einen Chor. Er ist in einer Notsituation entstanden. Die ehemaligen Waldenburger luden die DSKG zu einem Heimatabend zu sich nach Deutschland ein. Und da es kaum Mittel für so eine Reise gab, mussten die DFK Mitglieder vor Ort ein Lied singen, um als Programmgestalter die Reisekosten erstattet zu bekommen: „Wir haben recht und schlecht gesungen, vor der Reise noch provisorische Trachten genäht. Wir haben gesehen, wie das dort organisiert wird und da dachte ich, das kann man hier auch so machen. Und zur Weihnachtsfeier haben wir schon wesentlich besser gesungen“, lächelt Doris Stempowska bei der Erinnerung.

„Freundschaft“
Was einst in Not entstanden ist, lebt und entwickelt sich bis heute. Der Chor Freundschaft wird professionell betreut. Sie singen, wo sie eingeladen werden: bei kulturellen Veranstaltungen in der Region, in Kirchen, aber auch in Deutschland und Österreich: „Bei unseren Auftritten ist es grundsätzlich wichtig, dass wir Werke unserer alten schlesischen Komponisten singen und aufführen. So werden sie aufgeführt, geraten nicht ins Vergessen, und alle können hören, wie schön sie sind“, beteuert Doris Stempowska. Die DSKG Waldenburg organisiert jedes Jahr im Herbst das Chorfestival „Beati Cantores“ im Theater in Bad Salzbrunn, das Doris Stempowska ins Leben gerufen hat. Eingeladen werden Chöre aus Ober- und Niederschlesien, gerne auch aus Deutschland. Natürlich singt auch der Chor Freundschaft vor Ort.

Doris Stempowska
Foto: privat

Zusammenarbeit
Seit 2014 ist Doris Stempowska Vorsitzende der DSKG Waldenburg. Jeden Mittwoch trifft sie sich mit den Mitgliedern, plant etwas und wann es stattfinden wird, und nimmt an den Chorproben teil. Die von der DSKG Waldenburg organisierten Projekte richten sich auch an andere Minderheiten in der Region und an die Schulen, wie z. B. das Sommersingen. „Das ist äußerst wichtig, wir können uns ja nicht isolieren! Wir haben hier in Waldenburg eine Jüdische Gemeinde, wir haben Franzosen, also Polen, die aus Frankreich hergekommen sind, und noch verschiedene andere. Und da arbeiten wir zusammen, treffen uns, wenn eine Veranstaltung bei denen ist, da sind wir eingeladen, und umgekehrt. Wir laden zu jeder größeren Veranstaltung unsere Verwaltungsbehörden ein. Das ist ja angenehm, wenn man zusammenarbeitet“, erzählt Doris Stempowska.

Doris Stempowska, die langjährige Vorsitzende der Deutschen Sozial-Kulturellen Gesellschaft in Waldenburg, wurde im Juni 2021 mit dem Verdienstkreuz am Bande des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland gewürdigt.
Foto: Manuela Leibig

Ehrungen
Für ihre ehrenamtliche Tätigkeit, die zur deutsch-polnischen Versöhnung beiträgt, wurde Doris Stempowska schon viele Male ausgezeichnet. Um nur das Bronzene Verdienstkreuz der Republik Polen zu nennen oder das Verdienstkreuz am Bande des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland. „Ich muss offen und ehrlich sagen, für die Anerkennung bin ich dankbar. Aber alle unsere älteren Mitglieder waren erstmal froh, dass wir etwas machen konnten. Unser Engagement war selbstverständlich. Wir haben nie daran gedacht, eine Belohnung zu bekommen“, resümiert Doris Stempowska. Mit ihrem ehrenamtlichen Engagement, u. a. im Deutschen Freundschaftskreis in Waldenburg und der Wohltätigkeitsgesellschafft der Deutschen in Schlesien, half Doris Stempowska anderen Menschen, Anschluss zu finden: an die deutschen Sprache und Kultur.

Manuela Leibig

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