Kaum ein Baum hat die Menschen so sehr in seinen Bann gezogen, wie der aus Asien eingeführte Ginkgo (Ginkgo biloba). Holländische Seefahrer brachten ihn etwa 1730 aus Japan nach Europa mit. Nach Deutschland kam er etwa ab 1750. Seine eigentliche Heimat ist in China. Dort findet man den Ginkgo noch heute in Landesteilen südlich des Jangtsekiang als natürliche Population.

Der Ginkobaum an der Apotheke
Foto: Helmut Steinhoff

 

 

Dieser sommergrüne Baum wurde aber schon lange in Asien (China, Japan, Korea) als Zier-, Kult- und Tempelbaum angepflanzt. In Europa war er seit der Eiszeit ausgestorben und so waren die ersten Exemplare der Art, an deren Blätter ev. bereits schon die Dinosaurier knapperten, damals hier eine kleine Sensation. Botanisch ist die Art weder den Laubbäumen zuzuordnen, noch gehört sie zu den Nadelgehölzen, wenngleich er diesen offensichtlich näher steht. Man ordnet ihn in die eigene Klasse, die Ginkgoopsida (oder Ginkgophyta) als den einzigen heute noch zu findenden Vertreter ein. Interessant ist bei diesen Bäumen, die bis über 1000 Jahre alt werden können, auch die Zweihäusigkeit. Es gibt männliche und weibliche Exemplare. Ihr anfänglicher schlanker Wuchs ändert sich mit zunehmendem Alter und geht in eine weit ausladende Krone über, die 30-40 m hoch aufragen kann.

Schon der Dichter Johann Wolfgang von Goethe war vom Ginkgo und seinen Besonderheiten fasziniert und setzte ihm in einem Gedicht ein literarisches Denkmal, in dem er über die geteilten Blätter sinnierte, die eigentlich keine Blätter sind, sondern entwicklungsgeschichtlich eine eigene Form darstellen.
Aus den reifen Samen und aus Blättern und Wurzeln gewinnt man noch immer Produkte, die in der traditionellen Chinesischen Medizin Verwendung finden. In Europa setzt man Ginkgoprodukte besonders als Gesundheitspflegemittel, bei Durchblutungsstörungen, bei nachlassender Gedächtnisleistung oder zur Behandlung von Ohrgeräuschen ein.

 

 

Natur und Geschichte eines interessanten Ortes

 

Einen solchen Baum findet man im Dorf Pawlowitzke (Pawłowiczki), in der Woiwodschaft Oppeln, im Grundstück der Dorfapotheke „Pod Miłorzębem“. Ein mächtiger Baum mit gewaltiger Krone und dickem Stamm. Seine Äste hüllen weite Teile des Gartens in ihren Schatten. Wenn er sprechen könnte, er würde uns manches erzählen. Wie hat er seinen Weg hierher gefunden? Wir wissen es nicht genau, aber spannend ist heute für uns, die Geschichte zu erforschen.

 

Sicherlich ist es kein Zufall, dass er im Garten einer Apotheke steht. Die Apotheker in dieser Zeit mussten fast alle ihre Arzneimittel selbst herstellen und die Grundstoffe beschaffen, denn eine Pharmaindustrie, wie wir sie heute kennen, gab es damals noch nicht. Sie waren deshalb meist hervorragende Botaniker, denn beim Sammeln mussten die Pflanzen zweifelsfrei bestimmt werden.
Zwar war es damals in begüterten Kreisen auch Mode, seltene Bäume in die Gärten zu pflanzen, aber in diesem Fall wollte man sicherlich die Blätter des Ginkgos auch einmal medizinisch verwenden. Ginkgopräparate hätten damals bestimmt eine Alleinstellung der Apotheke in der Region gesichert. In den Blättern des Ginkgo sind u.a. durch die Bio-Photosynthese sogenannte Ginkgolide, die die Substanz Bilobalid, Flavonoide und auch Ginkgolsäuren enthalten. Mit diesen Stoffen schützt sich der Baum weitgehend gegen Krankheiten und Fressfeinde. Ein fachkundiger Apotheker kann aus den meisten von ihnen Auszüge, bzw. Drogen gewinnen, die uns bei einigen Krankheiten heilend helfen können. Als Tee darf man sie aber keinesfalls verwenden. Dies könnte sogar bedenklich für die Gesundheit sein.

Ein Teil des jetzigen Dorfes Pawlowitzke trug früher den Namen Gnadenfeld und wurde von der Herrnhuter Brüdergemeine gegründet. Die Herrnhuter Brüdergemeine (andere Namen: Unitas Fratrum; Evangelische oder Erneuerte Brüder-Unität; Böhmische Brüder; Moravian Church) ist eine aus der böhmischen Reformation herkommende protestantisch-pietistisch geprägte Glaubensbewegung, die sich besonders der Missionstätigkeit verschrieben hat und dazu auch eigenes Personal selbst ausbildet.
Im Jahre 1766 erwarb der Herrnhuter Ernst Julius von Seidlitz für seinen Sohn Friedrich von Seidlitz ein Gut, nahe bei dem Dorf Pawlowitzke, um hier eine Siedlung für die Herrnhuter Glaubensbrüder zu gründen, die den Namen Gnadenfeld erhielt. Mit Unterstützung des Preußischen Königs Friedrich II. wurde im Jahre 1779 die Brüdergemeine gegründet. Schnell setzte eine rege Bautätigkeit ein. Es entstanden Gemeindehaus, Schule, Bethaus, Schwestern- und Brüderhaus sowie die Wohnhäuser der Kolonistenfamilien auf einem regelmäßig angelegten Areal. Allerlei Gewerke wurden angesiedelt, wie Tischler, Müller, Bäcker, Brauer, Schnapsbrenner, Schmiede usw. Sogar einen Glockengießer gab es. Die Landwirtschaft war vorbildlich organisiert. Später kamen u.a. eine Post und ein Krankenhaus hinzu. Mit der beginnenden Industrialisierung erfolgte der Anschluss an das Eisenbahn- und Telefonnetz, um bereits vorhandenen kleinen Industriebetrieben Voraussetzungen für eine erfolgreiche Entwicklung zu bieten. So entstand ein vorbildliches, fast ideales Gemeinwesen, wie man es sonst nirgendwo fand und welches fast unabhängig von seinem Umfeld existieren konnte. Die ländliche Infrastruktur von Gnadenfeld war der in den großen Ballungszentren mindestens gleichwertig und damit der Zeit weit voraus.

 

Apotheker und Botaniker

Zur medizinischen Versorgung wurde um 1790 eine Apotheke in diese Struktur eingeordnet und der Apotheker übernahm anfangs auch die ärztliche Betreuung mit. Die verschiedenen ersten Besitzer verkauften bald wieder die Apotheke. Wir wissen heute nicht warum, aber eventuell war ihnen das Leben bei den Herrnhutern zu streng geregelt. Erst als die Apothekerfamilie Wetschky im Jahre 1800 dieses Geschäft übernahm, entwickelte sich hier eine Einrichtung, die nicht nur bei der fachkundigen, medizinischen Versorgung einen hohen Bekanntheitsgrad erlangte, sondern darüber hinaus waren alle Wetschkys auch als Botaniker bekannt. Besonders Max Wetschky (1844-1927) erlangte bei der Erforschung der schlesischen Pflanzenwelt einen Ruhm, der weit über die Region hinausreichte. Eine mehrere tausend Blatt umfassende Herbarsammlung zur Pflanzenbestimmung wurde von ihm angelegt und war später im Gnadenfelder Heimatmuseum archiviert. Über den weiteren Verbleib dieser wertvollen Sammlung nach 1945 ist als Folge der Kriegsereignisse leider nichts bekannt.
Heute wird angenommen, dass der Ginkgobaum im Garten der Apotheke von Christian Gottfried Wetschky entweder zur Jahrhundertfeier oder aus Anlass der Übernahme der Apotheke gepflanzt wurde. So steht der Baum noch heute da und erinnert an verlorene Zeiten. Was hat er nicht alles erlebt? Er ist auf den ersten Blick ein Prachtexemplar und sollte zu den ältesten Ginkgos in Mitteleuropa zählen. Zahlreiche namhafte Botaniker gingen einst bei den Wetschkys als Besucher ein und aus und haben ihn sicherlich immer wieder bewundert.

 

Gibt es für den Baum noch eine Rettung?

Aber mit Bäumen, ist es wie mit den Menschen – auch sie können krank werden und dieser Ginkgobaum leidet heute, denn die Fäule setzt ihm arg zu und höhlt den Stamm. Es wird also dringend ein baumkundiger Fachmann gesucht, der Hilfe bringen kann. Die Mittel und Möglichkeiten der jetzigen Besitzer des Grundstückes würde es weit übersteigen, wenn sie dies allein versuchten. Sie fühlen sich aber als Hüter eines wichtigen Zeugen der Ortsgeschichte und möchten, dass die Rettung möglich wird. Ob letztlich etwas gegen die Stammfäule unternommen werden kann, kann nur ein Fachmann entscheiden, aber die jetzt vorhandenen Schäden müssen begrenzt werden, wenn der Baum langfristig erhalten werden soll. Vielleicht ist die Krone behutsam auszuästen und sachkundig zurückzuschneiden, um den Winddruck zu vermindern? Stabilisierungsmaßnahmen, wie der Einsatz von Stammringen sind ebenfalls denkbar, um den Stamm zu entlasten, damit er auch bei Sturm weiter standhält.

 

Dieser Baum ist aber nicht nur als eine botanische Seltenheit schützenswert, sondern mit seiner Geschichte ist er auch ein historisches Denkmal in Polen.
In der dritten Generation der Besitzerfamilie wohnte und arbeitete hier der Erforscher der Flora Schlesiens, der Apotheker und Botaniker Max Wetschky, an den am Haus der Apotheke und auch im Ort leider noch keine Tafel erinnert.
So ist allein dieses Naturdenkmal im Garten des Grundstückes für alle Naturfreunde eine würdige Stelle, die mit seinem Namen verbunden bleibt. Für Natur- und Denkmalschutzbehörden sollte dies allein schon Grund genug sein, hier mit zu helfen und zu unterstützen.

 

Wer von den Lesern kann bei der Rettung des Baumes mit sachkundigem, guten Rat oder aber noch besser, mit Taten helfen? Nähere Auskünfte und Einzelheiten sind über die Redaktion des Wochenblatts.pl (Herrn Manfred Prediger) zu erfahren.

Helmut Steinhoff

 

Gedicht bitte im Kasten oder kursiv im Text
银杏
Gingo* Biloba
Dieses Baums Blatt, der von Osten
Meinem Garten anvertraut,
Gibt geheimen Sinn zu kosten,
Wie’s den Wissenden erbaut,

Ist es ein lebendig Wesen,
Das sich in sich selbst getrennt?
Sind es zwei, die sich erlesen,
Dass man sie als Eines kennt?

Solche Frage zu erwidern,
Fand ich wohl den rechten Sinn,
Fühlst du nicht an meinen Liedern,
Dass ich Eins und doppelt bin?

Johann Wolfgang von Goethe