Fast immer ist es eine Fahrt in den Tod. Über 7000 Juden aus Breslau und anderen schlesischen Orten werden in den Jahren 1941-44 in Vernichtungs- und Konzentrationslager deportiert. Am Odertorbahnhof, der einstigen Sammelstelle, erinnert nun eine Gedenktafel an die Opfer.

 

 

 

Der Odertorbahnhof (Wroclaw Nadodrze), Foto: Marie Baumgarten

 

 

 

Vier Störche kreisen lange über den Dächern des alten Backsteingebäudes, und die Sonne drückt sich wie gegen einen Widerstand durch die dichten Wolken. Es herrscht nur wenig Betrieb am Breslauer Odertorbahnhof (Wroclaw Nadodrze), den längst nicht mehr so viele Züge anfahren wie früher. Doch heute ist ein besonderer Tag und langsam füllt sich die Bahnhofshalle, in der die deutsche Vergangenheit bis heute konserviert ist, man braucht sich nur einmal umzusehen. Auf einer Wandfliese findet man sogar noch die Aufschrift „Ausführung  R. Schulze, Fliesen-Spezial-Geschäft Breslau 23“.

                                                                                 

 

 

Rita Kratzenberg entüllt die in polnischer, deutscher, englischer und hebräischer Sprache verfasste Gedenktafel für die deportierten Juden. Foto: Marie Baumgarten

15 Jahre lang gekämpft

An die deutsche Vergangenheit wird in der Bahnhofshalle nun auch eine Gedenktafel erinnern – an einen unrühmlichen Abschnitt der Geschichte. Die Tafel in polnischer, deutscher, englischer und hebräischer Sprache ist der jüdischen Bevölkerung gewidmet, die zwischen 1941 und 1944 aus Breslau und anderen schlesischen Orten von hieraus in Vernichtungs- und Konzentrationslager deportiert und ermordet wurde.

 

Insgesamt über 7000 Menschen, darunter auch Kinder und Greise sowie verdiente Persönlichkeiten aus dem damaligen Breslau: bekannte Künstler und Architekten, Professoren, hervorragende Ärzte und Unternehmer. Bis 1944 wurde die sehr aktive jüdische Gemeinde in Breslau, damals die drittgrößte Gemeinde Deutschlands, komplett aufgelöst.

 

Zur Einweihung sind Vertreter der Breslauer jüdischen Gemeinde gekommen, des städtischen Museums und des Rathauses sowie des schlesischen Museums Görlitz, der Bundeszentrale für politische Bildung und weitere Gäste, die von diesseits und jenseits der Grenze angereist sind.

 

Darunter auch Rita Kratzenberg vom Ammersee in Bayern, deren Großeltern bei den Deportationen umgekommen sind. 15 Jahre lang hat sie sich für die Gedenktafel eingesetzt: „Bisher gab es Gedenktafeln für einige berühmte Breslauer. Aber für die jüdischen Mitbürger gab es nichts. Deswegen habe ich dafür gekämpft, dass man auch den vielen nicht berühmten Menschen gedenkt. Das war mir sehr wichtig“, sagt die 75-Jährige und ist froh darüber, dass die deutsche Regierung das Vorhaben unterstützt. „Sonst wäre es sicher schwierig gewesen“, ist sie überzeugt.

 

 

 

 

Leben unter Hitler

Mit der niederschlesischen Hauptstadt ist Rita Kratzenberg eng verbunden, hier kommt sie 1942 zur Welt – damals gehört Breslau zum Deutschen Reich. Eine schwere Zeit für die Familie, denn der Vater und die Großeltern sind Juden. Hitlers Politik bekommen auch die Kinder zu spüren. Die Geschwister müssen den Judenstern tragen (Rita Kratzenberg ist dafür zu jung) und die Nachbarskinder rufen ihnen hinterher: Jude itzig, Nase spitzig, Nase tulpig o wie ulkig.  „Meine Schwester erzählt heute noch, wie erniedrigend das für sie war“, sagt Rita Kratzenberg.

 

 

 

Die Eingangshalle des Odertorbahnhofs am 13. April 2018 , dem Tag der Einweihung der Gedenktafel. Foto: Marie Baumgarten

 

Deportation

Am schlimmsten trifft es die Großeltern. Anfangs ist der Großvater noch überzeugt, dass die Familie nichts befürchten müsse, er habe schließlich das Eiserne Kreuz, eine deutsche Kriegsauszeichnung. Doch dann müssen sie sich in dem Sammellager Grüssau (Krzeszów) melden, werden von da in das Sammellager in der Graupenstraße gebracht und schließlich zum Odertorbahnhof. „Meine Mutter hat sie dort gesucht und Schreckliches erlebt.

Vor dem Bahnhof versammelten sich Schaulustige und tuschelten: Die kommen nicht weit, die werden gleich vergast. Und sie hat gesehen, wie die SS mit den Juden umgegangen ist, geschlagen und getreten haben sie sie. Ganz schrecklich!“, erinnert sich Rita Kratzenberg an die Erzählungen ihrer Mutter. „Sie hat ihr ganzes Leben lang darunter gelitten, dass sie die Schwiegereltern nicht retten konnte.“

 

Die Familie vermutet heute, dass die Großeltern in ein Arbeitslager nach Izbica im Südosten Polens deportiert wurden und dort umkamen. Dokumente, die das belegen, gibt es nicht. Nach der Abfahrt vom Odertorbahnhof  verliert sich jede Spur.

 

Dass nun eine Gedenktafel an das Schicksal ihrer Großeltern u

nd der vielen anderen Breslauer Juden erinnert – für Rita Kratzenberg eine Genugtuung. „Aber das wichtigste ist“, sagt sie, „ der Jugend klarzumachen: Ihr müsst aufpassen, dass solche schändlichen Vergehen, Verfolgungen und Diskriminierung sich nicht wiederholen.“

 

Die Gedenktafel kann man seit dem 13. April in der Eingangshalle des Breslauer Odertorbahnhofs finden.

 

 

Marie Baumgarten

 

Fotos: Marie Baumgarten

 

Über dieses Thema berichtet auch das TV-Magazin Schlesien Journal: