Mit Dr. Hans-Gert Pöttering, dem Vorsitzenden der Konrad-Adenauer-Stiftung und Präsidenten des Europäischen Parlaments a.D., der in Oppeln sein neues Buch vorstellte, sprach Rudolf Urban über Europa, die deutsch-polnischen Beziehungen und die kulturelle Vielfalt.

 

 

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Herr Dr. Pöttering, politisch waren Sie immer mit der Europäischen Union (EU) verbunden. Sie waren von 1979 bis 2014 Abgeordneter der Europäischen Parlaments (EP), standen zwischen 1997 und 2007 der Fraktion der Europäischen Volksparteien im EP vor und waren von 2007 bis 2009 Präsident des Parlaments. Was heißt für Sie also Europa?

 

 

Europa bedeutet, dass sich auf unserem Kontinent Staaten und Menschen zusammengefunden haben, die entschlossen sind, den Weg in die Zukunft gemeinsam zu gehen. Sie haben diese Entschlossenheit, weil sie die Geschichte Europas kennen, die Kriege, die Not, den Tod, die Verbrechen. Kluge Staatsmänner und -frauen sind der Meinung, dass wir uns in Europa und in der Europäischen Union auf gemeinsame Werte besinnen müssen, weshalb für mich Europa eine Wertegemeinschaft bedeutet, die auf der Grundlage der Menschenrechte, der Freiheit, der Demokratie, des Rechts und des Friedens basiert. Und wir sind hoffentlich auch immer verbunden durch die Prinzipien der Solidarität. Das macht für mich das heutige Europa aus, das es zu verteidigen gilt und in eine gute Zukunft im 21. Jahrhundert zu führen.

 

Sie haben gesagt, es gilt Europa zu verteidigen. Heute steht aber die EU am Scheideweg mit dem angedrohten Grexit, dem Brexit und der Flüchtlingskrise, die es zu meistern gilt. Durch diese akuten und aktuellen Probleme besinnen sich viele Mitgliedsstaaten der EU heute nicht mehr auf die Gemeinschaft, sondern auf die nationalen Interessen. Müssen wir also mit der EU, wie sie heute aussieht, abschließen?

 

Nein, selbstverständlich nicht! Es ist in politischen Gemeinschaften wie der EU ähnlich wie im ganz normalen, auch persönlichen Leben – ein Auf und Ab. Nichts bleibt so, wie es ist. Niemand will auch dorthin, wo wir waren, sondern wir wollen gemeinsam in eine gute Zukunft gehen.

Doch es stellen sich in jeder Generation neue Herausforderungen. Diese sind in der Gegenwart die Flüchtlingskrise, es ist auch der Terrorismus und es sind Fragen der Wirtschaft und der Währung, auf die wir Antworten finden müssen. Darauf kann man eine verzagte Antwort geben, wie „das Glas ist halb leer“. Dann wird man allerdings schnell scheitern. Ich sage deshalb immer, das Glas ist halb voll und daraus schöpfen wir Zuversicht, dass wir aufgrund des bisher Erreichten – was unglaublich viel ist – auch die schwierigen Herausforderungen der Gegenwart und Zukunft bewältigen werden.

 

 

Natürlich darf man die Herausforderungen nicht klein reden, man darf nicht naiv sein. Aber man muss sie für bewältigbar halten und man muss der Überzeugung sein, dass wir das schaffen. Und wir schaffen es, wenn wir Mut haben, wenn wir wissen, was wir wollen und wenn wir entschlossen sind, die Probleme zu lösen.

Eines ist für mich aber ganz klar: Kein Land der Europäischen Union kann diese Herausforderungen allein lösen. Wir müssen es gemeinsam tun und ich hoffe, um zumindest auf den angesprochenen Brexit zu kommen, dass Großbritannien ein Teil der EU bleibt, weil wir mit Großbritannien stärker sind als ohne.

 

 

 

Kommen wir zu den deutsch-polnichen Beziehungen. Beide Länder feiern in diesem Jahr das 25. Jubiläum des Nachbarschaftsvertrages. Doch es sieht so aus, als ob das Verhältnis beider Staaten, vielleicht auch wegen der aktuellen europäischen Probleme, einen Riss bekommt. Wie sehen Sie als Mann Europas die deutsch-polnischen Verhältnisse in der Zukunft?

 

 

Für mich gehört es zu den Wundern dieser Zeit, dass Polen und Deutschland heute so gute Partner sind. In vielen Bereichen kann man von Freundschaft sprechen, was sicher davon abhängt, welcher politischen Orientierung man angehört. Aber die Grundbeziehungen zwischen Polen und Deutschland werden und müssen unabhängig davon sein, wer gerade in Warschau und Berlin regiert. Regierungen kommen und gehen, die Opposition von heute ist die Regierung von morgen und umgekehrt. Da ist in allen Ländern so und das ist guter demokratischer Brauch.

 

 

Meine Empfehlung ist: Wenn es einmal Irritationen gibt – so im menschlichen wie auch politischen Leben – muss man im Dialog bleiben und sich nicht als Gegner sehen, sondern das Gemeinsame hervorheben. Das ist auch die Wirklichkeit im deutsch-polnischen Verhältnis: Was uns verbindet ist unendlich viel mehr, als was uns trennt. Und wenn wir dieses Bewusstsein haben, ist es eine gute Grundlage immer wieder auch für Kompromisse und einen gemeinsamen Weg.

 

 

Rudolf Urban

 

Das komplette Interview samt polnischer Übersetzung gibt es ab diesem Freitag in der Printausgabe des Wochenblatts Nr 18 (1256).