Die Vergrößerung von Oppeln war ein heisses Thema im vergehenden Jahr

365 Tage des Jahres 2017 sind fast vorbei und jeder Tag brachte etwas Neues, auch im Leben der Deutschen in Polen. Mal freute man sich über Jubiläen und Jahrestage, mal musste man befürchten, die Lage im Land ändert sich nicht zu Gunsten der Minderheit. Über all diese Dinge haben wir in den letzten 50 Ausgaben unserer Zeitung berichtet und wollen nun das zu Ende gehende Jahr einmal Revue passieren lassen.

 

Januar

Der Jahresanfang brachte zunächst eine traurige Gewissheit mit sich – die von der Oppelner Stadtverwaltung angestrebte Vergrößerung um zwölf Ortschaften umliegender Gemeinden wurde zur Gewissheit. Unterschriftensammlungen, Demonstrationen, Proteste und auch Hungerstreiks brachten letztendlich kein positives Ende für die eingemeindeten Orte. Sie wurden zum Teil des neuen “Großen Oppeln”. Dass bei diesem Prozess auch Rechte der Deutschen Minderheit mit Füßen getreten wurden, schien nicht besonders ins Gewicht zu fallen und die Stadtoberen machten sich nichts aus Protestschreiben, Klagen vor Gerichten sowie der Petition der Deutschen Minderheit an die PETI-Kommission des Europäischen Parlaments. In unserem Interview sagte Stadtpräsident Arkadiusz Wiśniewski gar: “Von Verstößen gegen irgendein Gesetz kann keine Rede sein. Die Grundannahme des Projekts war nicht eine Veränderung von nationalen Proportionen, sondern soziale und wirtschaftliche Aspekte.” Dabei schien er zu vergessen, dass mit der Veränderung der nationalen Proportionen durch die Eingemeindung, die Deutschen in den ehemaligen Ortschaften nun keinen Anspruch mehr haben auf zweisprachige Ortsschilder oder Deutsch als Hilfssprache im Oppelner Rathaus haben, was die nach Außen hin sichtbarsten Zeichen der Minderheitenrechte in Polen sind.

 

Da Wiśniewskis Plan letztendlich aufgegangen ist und er seit dem 1. Januar 2017 Herr über ein größeres Oppeln ist, gab er sich aber gegenüber der Deutschen Minderheit versöhnlich, stellte sowohl zweisprachige Informationstafeln als auch konkrete Fördergelder in Aussicht und sagte, die deutsche Geschichte der Stadt werde bei den 800-Jahr-Feierlichkeiten keineswegs stiefmütterlich behandelt. Viel verwirklicht wurde nicht…


 

Februar

Auch einen Monat später gehörte die Stadterweiterung Oppelns immer noch zu den Top-Themen. Nicht nur Vertreter der Deutschen Minderheit, Kommunal-, Regionalpolitiker und die, die in Warschaus Machtzentrale sitzen, haben sich damit auseinandergesetzt. Auch Bundeskanzlerin Angela Merkel sprach die Situation in Oppeln gegenüber ihrer Amtskollegin Beata Szydło in Warschau an.

 

Für die Deutschen in Polen war aber nicht nur das von Bedeutung, sondern auch die Tatsache, dass sich die Bundeskanzlerin Zeit genommen hatte, um Vertreter der Organisationen der Minderheit zu einem persönlichen Gespräch in der Deutschen Botschaft zu treffen. Gesprächsthemen gab es dabei viele, die Zeit fehlte allerdings, um alles zu besprechen. Und so konzentrierten sich VdG-Chef Bernard Gaida, der Vorsitzende der Oppelner SKGD Rafał Bartek und Sejmabgeordneter Ryszard Galla vor allem auf das Bildungswesen für die Minderheit sowie ein Forschungszentrum der Deutschen Minderheit, das die Geschichte dieser Volksgruppe dokumentieren und publik machen sollte. „Wir haben auch in die Zukunft geschaut und dazu aus dem Koalitionsvertrag der CDU/CSU-SPD zitiert und die Hoffnung ausgedrückt, dass die Förderung nicht nur auf der jetzigen Ebene bleibt, sondern auch noch erweitert wird”, sagte nach dem Treffen Bernard Gaida.

 

Zum Abschluss dieses Gespräches gab es dann von den Deutschen in Polen für Angela Merkel auch noch ein kleines Geschenk, und zwar einen Fanschal der Miro Deutschen Fußballschule. Ob sie den einmal um ihren Hals legt und zu einem der Turniere der Fußballschulen kommt?

 

Doch nicht nur Angela Merkels Polenbesuch war für die Deutschen ein wichtiges Ereignis. Im Sejm wurde es laut um das geplante Gesetz zu Entkommunisierung des öffentlichen Raumes. Dabei sollten aber nicht nur sowjetische Symbole verschwinden, sondern auch solche, die mit einem anderen totalitären System verbunden sind. Und soweit es um die Zeit des Dritten Reiches klar ist, sollte die Gesetzesvorlage auch Denkmäler aus der Zeit des Ersten Weltkrieges betreffen, da es sich dabei um den sog. preußischen Militarismus handelte. Experten kritisierten diesen Schritt scharf, die Deutsche Minderheit bangte um die erst wenige Jahre vorher restaurierten Denkmäler für die Toten des Ersten Weltkrieges. Letztendlich ruderten aber die Politiker zurück und das Gesetz wurde in dieser Form nicht angenommen.


 

März

Nicht viel Positiveres gab es auch im März zu berichten, als innerhalb der regierenden Partei Stimmen laut wurden, man müsse die Wahlordnung für die Selbstverwaltungswahlen 2018 reformieren. Dabei sollte es aber nicht nur um ein paar kosmetische Änderungen gehen, sondern um eine grundlegend neue Form der Wahlen. Der größte Aufreger in den Reihen der Kommunalpolitiker war die Idee, dass Bürgermeister und Gemeindevorsteher nur zwei Mal hintereinander dieses Amt bekleiden dürften und die bisherigen Amtszeiten würden ihnen bereits angerechnet werden. Wer dachte, dass dieses Thema nach einer großen polenweiten Protestaktion nicht mehr weiter verfolgt werden würde, der täuschte sich. Seit Ende November arbeiten die Sejmabgeordneten verstärkt daran, die Wahlordnung neu zu konzipieren und die Kritik ist laut, es gehe weiterhin nur darum große Parteien, vor allem die PiS, auch in den Selbstverwaltungen zu stärken.

 

Der März war auch die Geburtsstunde der Fraktion “Deutsche Minderheit für die Selbstverwaltung” im Oppelner Stadtrat. Nachdem zwölf Ortschaften eingemeindet wurden, sind auch die von dort stammenden Gemeinderäte Mitglieder des Oppelner Stadtrates geworden. Zu dem bis dahin einzigen Vertreter der Deutschen Minderheit im Stadtrat Marcin Gambiec stießen vier weitere hinzu, sodass eine eigene Fraktion gebildet werden konnte. Ob eine Fraktion der Deutschen Minderheit auch nach der Selbstverwaltungswahl 2018 bleibt?

 

Was gewiss 2018 unverändert bleibt, ist das Vorzeigeprojekt des Bundes der Jugend der Deutschen Minderheit – das “Große Schlittern“. Junge Deutsche laden jedes Frühjahr ihre Altersgenossen aus der Mehrheitsbevölkerung sowie Kinder und Erwachsene in die Eishalle Toropol nach Oppeln ein, um gemeinsam nicht nur einen schönen sportlichen Tag zu verleben. Hinter der ganzen Aktion steht die Hilfe für bedürftige Kinder aus Kinderheimen der Region. Vor und während dem „Großen Schlittern“ wird nämlich für sie gesammelt und wer nicht nur selbst Spaß haben will, sondern auch Lächeln in die Gesichter der Kinder zaubern möchte, ist bei dieser Aktion des BJDM gut aufgehoben.


 

April

Wie viel weiß der Otto-Normalpole über die Minderheiten in Polen? Und wie kann man sie besser unterstützen? Das sind Fragen, die sich nicht nur die Deutsche Minderheit für sich selbst stellt, sondern auch die Oppelner Universität. Die Letztere hat in diesem Jahr ein Pilotprojekt in die Wege geleitet und die Oppelner Deutschen als Partner eingeladen. “Kulturmanager für Minderheiten” heißt der Studiengang, der im April vorgestellt wurde und im Oktober starten sollte. Die Idee dahinter war: Studenten sollen nicht nur theoretisches Wissen über Minderheiten erwerben, sondern auch Praxiserfahrungen sammeln und mit Experten in dieser Thematik ins Gespräch kommen. Oppeln als Sitz der wichtigsten Organisationen der Deutschen Minderheit eignet sich hierbei besonders gut, weshalb es nur natürlich war, dass die Hochschule die Deutschen mit ins Boot geholt haben. Was sich gut angehört hat, traf aber letztendlich nicht ins Schwarze. In diesem Studienjahr haben sich nur zwei Interessierte gemeldet, obwohl die Studienrichtung polenweit ausgeschrieben war und eben nicht nur auf die Deutsche Minderheit beschränkt werden sollte. Trotz des ersten Misserfolgs wird die Idee aber nicht aufgegeben. Was nicht ist, kann ja noch werden, heißt die Devise. Spätestens im Oktober 2018.

 

Der April stand auch im Zeichen von Glaube und Identität, denn diese beiden Begriffe wurden auf Schloss Groß Stein diskutiert. Politiker, Vertreter der Minderheiten und vor allem Geistliche aus Mittel- und Osteuropa sowie Asien kamen zusammen und debattierten über die Bedeutung des Glaubens für die Identität der Deutschen Minderheiten. Die Konferenz fand auf Anregung des damaligen Bundesbeauftragten für Aussiedlerfragen und nationale Minderheiten Hartmut Koschyk statt und soll, so die Teilnehmer der Konferenz, keine Eintagsfliege bleiben, sondern als Diskussionsplattform für die Zukunft dienen. Ein nächstes Treffen soll dann in einem anderen Land stattfinden, damit die Teilnehmer auch jedes Mal die Situation der jeweiligen Minderheit vor Ort erleben können.


 

Mai

Im Mai beschäftigte uns die Bundestagswahl, die im Herbst stattfinden sollte. Die Frage war natürlich, wer die größten Chancen auf einen Sieg hat und wer womöglich mit wem regieren werde. Damals haben wohl die meisten geahnt, dass man mit einer starken AfD-Fraktion im Bundestag rechnen muss, aber niemand hätte geglaubt, dass die Regierungsbildung nach der Bundestagswahl sich so schwierig gestalten würde. Für die Deutschen in Polen war dabei vor allem wichtig, wie offen die einzelnen Parteien den Anliegen der Deutschen im Ausland gegenüberstehen, weshalb der VdG auch konkrete Fragen stellte, um zu erfahren, mit welcher Gruppierung man denn über Themen wie Kultur- und Bildungsarbeit sowie Identität diskutieren könnte. Die Parteien ließen sich allerdings ziemlich Zeit mit einer Antwort und einige haben sich gar nicht gemeldet. Die Deutschen im Ausland sind wohl für die Bundespolitiker kein nennenswertes Thema?

 

Im Mai ist auch das Thema Stadterweiterung Oppelns nicht verklungen, mehr noch: Es ging nach einer gescheiterten Klage vor dem polnischen Verfassungsgericht nun auf EU-Ebene weiter. Nachdem sich die SKGD schon im Oktober 2016 dazu entschieden hatte das Europäische Parlament über eine Petition anzurufen, wurde die Stadterweiterung im Mai 2017 in einer Anhörung der PETI-Kommission erstmals auf EU-Ebene zur Sprache gebracht. Rafał Bartek, Vorsitzender der SKGD, und der Sejmabgeordnete der Deutschen Minderheit Ryszard Galla haben damals natürlich nicht geglaubt, dass sofort Schritte unternommen werden würden. Für sie war es wichtig, dass ein Zeichen gesetzt werde. Mittlerweile hat die PETI-Kommission entschieden, dass die Petition der Deutschen Minderheit zulässig ist, also untersucht jetzt die EU-Kommission den Fall Stadterweiterung Oppeln und die damit verbundenen Minderheitenrechte. Mit einer Entscheidung ist aber nicht schnell zu rechnen, denn die Brüsseler Mühlen mahlen extrem langsam.


 

Juni

Im Juni ging es endgültig mit den Jubiläumsfeierlichkeiten verschiedener Minderheitsorganisationen los. Während die meisten auf eine 20- oder 25jährige Tradition zurückschauen, feierten die Deutschen in Waldenburg  das Jubiläum ihres 70jährigen Bestehens. Während in vielen anderen Gebieten die Deutschen nach der Westverschiebung Polens ihre Heimat verlassen mussten, mussten die meisten Waldenburger zunächst bleiben, denn sie wurden als Arbeitskräfte im dortigen Bergbau gebraucht. Im Jahr 1957 konnten sie sich dann als Deutsche offiziell zur ersten sozial-kulturellen Gesellschaft im Nachkriegspolen zusammenschließen.

 

Im Juni machte auch ein Aufruf des polnischen Verteidigungsministers Antoni Macierewicz die Runde, die Woiwoden sollten nachprüfen, welche Ausländer und Mitglieder nationaler Minderheiten auf deren Gebiet wohnen. Zwar war offiziell der Grund, dass man diese Daten für einen besseren Schutz Polens vor etwaigen Terroranschlägen brauche, für die Minderheiten in Polen war es aber trotzdem ein Schlag ins Gesicht und ein möglicher Vorbote, dass sie nun unter besonderer Kontrolle stehen könnten.

 

Deutschland und Europa nahm im Juni auch Abschied von Bundeskanzler Helmut Kohl. Auch wenn er Deutschland durch die Zeit des Mauerfalls und der Wiedervereinigung geführt hatte, blieb seine Regierungszeit in Deutschland nicht ohne Kritik und schließlich wurde auch noch aufgedeckt, dass seine Partei, die CDU, jahrelang Spenden angenommen hatte, die nicht offiziell geführt wurden. Die Affäre der schwarzen Konten war geboren und das Ansehen des Kanzlers der Einheit litt viele Jahre darunter. Die Deutsche Minderheit in Polen nahm mit Helmut Kohl Abschied von einem Politiker, der sie und ihre Bemühungen in der Wendezeit entscheidend unterstützt hatte und unvergesslich bleibt das Transparent des DFK Himmelwitz bei der Versöhnungsmesse in Kreisau mit der Aufschrift “Helmut, Du bist auch unser Kanzler”.


 

Juli

Und es geht, wie versprochen, weiter mit Jubiläen, denn im Juli feierte die Stiftung für die Entwicklung Schlesiens ihr 25. Bestehen. Von Beginn an war ihre Aufgabe nicht nur die Basisfinanzierung der Tätigkeit der Deutschen Minderheit zu übernehmen, sondern dafür durch Vergabe von Krediten auch selbst Mittel zu erwirtschaften. Und diese Kredite dienten vor allem dem Aufbau der Regionen, in denen die Deutschen leben. Ziel war es, die Kommunen zu unterstützen und Firmen zu helfen, damit klar ist, dass Gelder aus Deutschland nicht nur den vor Ort lebenden Deutschen zu Gute kommen, sondern den Lebensstandard aller Bewohner heben sollen. Vor allem in den Anfangsjahren wurden aus den deutschen Mitteln über die Stiftung etliche Kilometer Wasser- und Abwassernetz gebaut, neue Gebäude in den Gemeinden sind entstanden oder alte Häuser renoviert. Mittlerweile, wie Stiftungschef Arnold Czech beim Jubiläumsempfang betonte, ist diese Institution nicht mehr nur auf Mittel aus Deutschland angewiesen, sondern konnte sich auch als Mittlerorganisation von EU-Geldern einen Namen machen. Einige Wochen nach dem Jubiläum konnte die Stiftung einen weiteren Erfolg verbuchen, und zwar wird sie nun für die Weiterentwicklung von kleinen und mittelständischen Unternehmen Gelder vermitteln.

 

Auch sportlich konnte die Deutsche Minderheit feiern, denn die Miro Deutschen Fußballschulen werden nicht nur immer beliebter – allein 2017 wurden fünf neue gegründet. Unter diesem Namen treten die nunmehr 13 Schulen bei internen Turnieren an-– auch bei Beteiligung ausländischer deutschsprachiger Mannschaften –  und eine Auswahlmannschaft der Besten kam bis nach Warschau, wo die kleinen Fußballer um den Pokal der Stadtpräsidentin von Warschau mitgekämpft haben. Zwar schafften sie es nicht aufs Treppchen, doch dabei sein ist alles. Und ganz nebenbei wird die Initiative Deutschlernen und Fußballspielen in einem weiter promotet.

 

Zum wiederholten Mal wurde es auch laut um eine direkte Bahnverbindung zwischen Breslau und Berlin. Einst fuhr der sog. „Fliegende Schlesier“ regelmäßig in die deutsche Hauptstadt, heute muss man mehrmals umsteigen und damit fragen sich viele, ob es denn nicht schneller und einfacher wäre sich ins Auto zu setzen. Die Idee einer direkten Bahnverbindung entstand in der Berliner SPD und der Zug soll – wenn er einmal fährt – Ferdinand Lasalle heißen, nach dem in Breslau geborenen Mitbegründer der Sozialdemokraten. Ob aber so eine ständige Verbindung zwischen Breslau und Berlin überhaupt entsteht, bleibt abzuwarten.


 

August

Ein ganz besonderes Jubiläum feierte in diesem Jahr der emeritierte Oppelner Bischof Prof. Alfons Nossol. Er wurde nicht nur 85 Jahre alt, sondern beging auch sein 60. Priesterjubiläum und den 40. Jahrestag seiner Bischofsweihe. Für die deutsche Minderheit in der Oppelner Region ist er von besonderer Bedeutung, war er es doch, der im Juni 1989 die deutschsprachigen Gottesdienste in der Region wieder eingeführt hatte, die damals zunächst nur auf dem St. Annaberg stattfanden. Darauf entwickelte sich dann die gesamte Minderheitenseelsorge im Bistum Oppeln, die in dieser Form die einzige in ganz Polen ist, obwohl auch außerhalb der Oppelner Diözese Deutsche leben. Alfons Nossol musste sich für die Unterstützung der Minderheit so manche Kritik und Anfeindung gefallen lassen und manch einer hinterließ ihm auf Mauern und Häuserfassaden einen Aufruf, er solle sich nach Berlin verziehen. Heute erkennt man den Weitblick Nossols an und der Erzbischof wird als Brückenbauer und Mahner der europäischen Einheit in Vielfalt gefeiert. Zuletzt erhielt er in Görlitz den Deutsch-Polnischen Brückepreis für sein jahrelanges Engagement. In einem ausführlichen Interview für das Wochenblatt erzählte Prof. Nossol über seine schlesisch-deutsche Herkunft, die schwierigen Umbruchszeiten in Polen und was für ihn heute Heimat, Vaterland und Europa bedeuten. Wer Erzbischof Nossol einmal selbst sprechen möchte, sollte ihn einfach in Groß Stein besuchen, wo der ehemalige Diözesanbischof seinen Alterswohnsitz hat.

 

Einen anderen Preis – den Kulturpreis Schlesien des Landes Niedersachsen – erhielt im selben Monat der Verein Pro Liberis Silesiae für seinen Einsatz um das deutsch-polnische Bildungswesen. Der Verein ist seit Jahren Träger von insgesamt drei Grundschulen und ebenfalls drei Kindergärten in Raschau (Gemeinde Tarnau), Oppeln und Goslawitz (Gemeinde Rosenberg), in denen nicht nur zweisprachig unterrichtet wird, sondern auch die Lehrmethoden von Maria Montessori angewendet werden, wonach es vor allem wichtig ist, dass das Kind viel selbst macht und die Welt erlebt. Die Vereinsleitung will sich trotz der Ehrung nicht auf ihren Lorbeeren ausruhen. Zwar werden keine neuen Schulen geplant, doch der Ausbau der jetzigen und vor allem ein immer besseres Angebot für die Kinder stehen immer im Mittelpunkt.

 


 

September

Lange wartete nicht nur Deutschland auf diesen Monat, denn die Ergebnisse der Bundestagswahl wurden mit Spannung auch in Europa und der Welt erwartet. Schließlich hatten wir es dann schwarz auf weiß: Die Union gewann, obwohl sie ein eher schlechtes Ergebnis eingefahren hat. Ähnlich niedrig fielen die Stimmen für die SPD aus, dagegen konnten die Liberalen einen Wiedereinzug ins Reichstagsgebäude feiern und auch die AfD hatte allen Grund zur Freude, denn nun sind ihre Politiker ein Teil des deutschen Parlaments. Die Frage war allerdings, wer nun mit wem regieren wird und diese bleibt auch bis über Neujahr bestehen, denn die jetzige Große Koalition regiert nur geschäftsführend und ob eine neue entsteht, werden die nächsten Wochen erst zeigen.

 

Für die Deutschen in Polen und generell die nationalen Minderheiten in der EU war aber der September aus einem anderen Grund wichtig – die Minority Safepack Initiative wurde in Polen offiziell vorgestellt. Was ist das denn? Es geht darum, dass alle nationalen Minderheiten innerhalb der Europäischen Union in den Ländern, in denen sie leben, gleiche Rechte und Pflichten haben. Jetzt werden Themen wie Bildung, doppelte Ortsschilder oder der Zugang zu Medien von Land zu Land anders geregelt und während in Rumänien die Deutschen z.B. vom Kindergarten bis zur Universität alles in Deutsch machen können, werden den Deutschen in Slowenien die letzten Schulen mit Deutsch als Unterrichtssprache geschlossen. Beim offiziellen Start in Polen haben Mitglieder des Vorstandes des VdG als erste ihre Unterschriften geleistet, ab da sind die Einwohner Polens – egal ob zur Minderheit oder Mehrheit gehörend – gefragt. Das Ziel ist klar: In der gesamten EU werden zumindest Eine Million Unterstützer gebraucht, damit sich die EU-Kommission mit dieser Angelegenheit auseinandersetzt. In Polen will der VdG zumindest 100 Tausend Unterschriften sammeln. Mehr zur Initiative lesen Sie auch in unserer Neujahrsausgabe.


 

Oktober

Wer kennt die Caritas nicht? Heute ist die häusliche Betreuung von Alten und Kranken ohne die Sozialstationen der Caritas nicht denkbar, ihre Anfänge liegen vor 25 Jahre hier in der Oppelner Region. Damals, als die Deutsche Minderheit an Fahrt gewonnen hatte, war es neben der wirtschaftlichen Hilfe für die Region durch die Stiftung für Entwicklung Schlesiens auch wichtig Hilfe den älteren und kranken Bewohnern der Region zu leisten, die oft in ihren Häusern allein geblieben sind, da die Kinder und Enkel entweder ins Ausland oder in eine andere Region gezogen sind, um sich ein besseres Leben aufzubauen. Mit Hilfe von Geldern aus der Bundesrepublik wurden in Groß Döbern die ersten Sozialstationen ins Leben gerufen. Heute helfen die Krankenschwestern in der ganzen Region rund 15.000 Menschen. Die hauptamtlichen und ehrenamtlichen Mitarbeiter, Helfer und Förderer der Caritas kamen im Oktober in Groß Stein zusammen, um gemeinsam auf das letzte Vierteljahrhundert zu schauen, aber auch einen Ausblick in die Zukunft zu wagen. Und in dieser wird wohl die Bedeutung der Sozialstationen noch weiter steigen.

 

Ein historisches Thema beschäftigte uns im Oktober und den vorhergehenden Monaten – die Reparationsforderungen Polens an Deutschland. Politiker der Regierungspartei PiS gehen davon aus, dass Deutschland bis heute keinerlei Reparationen und Entschädigungen infolge des Zweiten Weltkrieges gezahlt hatte und im Parlament wurde gar eigens eine Arbeitsgruppe gegründet, die die Höhe der Schäden ermitteln soll. Im Interview für unsere Zeitung hat zwar der Direktor des Breslauer Willy-Brandt-Zentrums Prof. Krzysztof Ruchniewicz erklärt, dass sowohl Reparationen als auch Entschädigungen nicht mehr richtig einzufordern sind und einige Wochen später haben wir auch klargestellt, dass die angeblich jahrzehntelang verschollenen Dokumente der Vereinten Nationen zu polnischen Reparationsforderungen ebenfalls keine Neuentdeckung sind. Das Thema wird in der polnischen Politik aber weiterhin hochgehalten und negative Emotionen gegen Deutschland geschürt.


 

November

Ein letztes Jubiläum im Jahr 2017 feierte im November der Bund der Jugend der Deutschen Minderheit. Als er vor 25 Jahren gegründet wurde, war er einer der größten Jugendvereine in Polen nach den polnischen Pfadfindern. Heute ist die Zahl der Mitglieder eher überschaubar und die Tätigkeit beschränkt sich eher auf Oberschlesien, aber die Aktivität der Jugend der Deutschen Minderheit ist keineswegs geschrumpft. Neben dem “Großen Schlittern”, das auch immer zum Ziel hat, Oppelner Kinderheime zu unterstützen, und dem Deutschen Weihnachtsmarkt auf dem Oppelner Ring veranstaltet der BJDM eine Reihe von kleineren und größeren Kultur- und Bildungsprojekten, oft in Zusammenarbeit mit anderen Organisationen, auch aus dem Ausland. Daneben gibt die Jugend auch ihre eigene Zeitschrift heraus, das “Antidotum”. Zum großen Jubiläum kamen in Oppeln heutige und frühere Mitglieder des BJDM zusammen, doch sie wollten nicht einfach feiern. Es ging auch um ein offenes Gespräch über die Zukunft der Jugendorganisation, die zwar- wie die Mitglieder selbst sagen – gern Hilfe annimmt, nicht aber bevormundet werden möchte. Ob nun nach dem Jubiläum ein neuer Schwung in den BJDM kommt, zeigt bestimmt das Jahr 2018.

 

Und was wäre ein Jahr in der Deutschen Minderheit ohne das Schlesienseminar, das traditionell auf Schloss Groß Stein vom Haus der Deutsch-Polnischen Zusammenarbeit und seinen Partnern veranstaltet wird. In diesem Jahr wurde vor dem Hintergrund der Flüchtlings- und Migrationsdebatte über die kulturelle Vielfalt Europas diskutiert. Dabei ging es aber nicht nur um die Flüchtlinge und ihre mögliche Integration, sondern auch die kulturelle Vielfalt der alteingesessenen Völker in Europa, die sich gegenseitig bereichern sollten. Das aber klappt nicht in jedem Land und die Ablehnung gegenüber Fremden generell wird in so manchen Staaten immer größer. Es bricht eine neue Zeit in Europa an, hat man das Gefühl.


 

Dezember

Gerade erst hat dieser Monat begonnen, und schon sollen wir im Rahmen eines Jahresrückblicks auf diesen zurückschauen. Was auf jeden Fall vom Dezember bleibt sind zwei politische Themen:

 

Zum Einen hat der Abgeordnete der Deutschen Minderheit Ryszard Galla bestätigt, dass an einer Partei der Deutschen Minderheit gearbeitet wird. Die Gründung stehe kurz bevor, da die Unterlagen nun vom Warschauer Gericht geprüft werden. Grund für die Parteigründnung waren Versuche der Regierungspartei PiS, die Wahlordnung in Polen so zu verändern, dass nur politische Parteien an ihnen teilnehmen könnten. In diesem Fall wäre die Deutsche Minderheit als Wählerwahlkomitee aus dem Spiel. Mittlerweile wurden die Änderungen abgeschwächt und an den Kommunalwahlen 2018 werden weiterhin neben Parteien auch Wahlkomitees antreten können. Die Partei wird also wohl zunächst auf Eis gelegt. Doch was man hat, das hat man!

 

Und vor einer Woche berichteten wir über einen kurzen Schlagabtausch im Sejm zwischen Ryszard Galla und der PiS- Abgeordneten Krystyna Pawłowicz, diese hat während einer Rede Galla zur doppelten Staatsbürgerschaft von Richtern dazwischengerufen der Abgeordnete solle nach Berlin verschwinden und er sei eine Schande. Ryszard Galla erwiderte, Polen müsse sich für ihn nicht schämen, für die Abgeordnete Pawłowicz aber schon. Dies machte polenweit die Runde, was aber im Grunde unkommentiert blieb, ist das eigentliche Anliegen Gallas, nämlich die Tatsache, dass polnische Richter, polnische Staatsbürger dieses Amt nicht werden ausüben dürfen, wenn sie noch eine weitere Staatsbürgerschaft besitzen. Wie viele Menschen es betrifft, weiß man zwar nicht genau, junge Menschen z.B. aus der Deutschen Minderheit werden sich aber zukünftig entscheiden müssen, ob sie Richter werden wollen, oder eher an ihrer doppelten Staatsbürgerschaft, also auch der Zugehörigkeit zu zwei Kulturen festhalten wollen.