Eine deutsch-polnisch-ukrainische Freundschaft. Ist das möglich? Drei Deutschlehrerinnen haben es geschafft. Mit Johanna Lemke-Prediger und Natalia Isaieva sprach Manuela Leibig.

 

Johanna Lemke-Prediger und Nataliia Isaieva in Oppeln. Foto: Manuela Leibig

 

 

Frau Lemke-Prediger, erzählen Sie uns, wie alles begann. Wie kam Ihr Kontakt nach Kiew zustande?

Johanna Lemke-Prediger (JLP): Zu DDR-Zeiten konnte man im Winter in den Hotels in der Sowjetunion ganz preiswert übernachten. Ich bin jeden Februar mit der jeweiligen Abschlussklasse meiner Schule in verschiedene Städte der Sowjetunion gereist, unter anderem war ich auch in Kiew. Und dort haben wir die Schule mit erweitertem Deutschunterricht von Nataschas Mutter besucht, sie hat dort Deutsch unterrichtet. Wir waren so begeistert! Das war kein Pseudofreundschaftstreffen, sondern das war wirklich Freundschaft mit Herz, zwischen Menschen. Nicht immer nur so verordnet von ganz oben.  Meine Schüler und ich waren im ständigem Kontakt mit den Lehrern und Schülern aus dieser Schule in Kiew.

 

 

Da war ja Natalia noch nicht auf der Welt.

JLP: Genau. Dann kam die Nuklearkatastrophe von Tschernobyl. Uns wurde gesagt, dass es nicht gefährlich ist, also sind wir das Jahr drauf wieder nach Kiew geflogen. Die Mutter von Natascha war nicht mehr da. Die Lehrer erzählten uns, sie liegt im Krankenhaus, ist schwanger und es ist fraglich, ob das Kind gesund zur Welt kommen kann, wegen der Nuklearkatastrophe. Die Wera meldete sich kurze Zeit später, das Kind ist nach 8,5 Monaten mit Gesundheitsschäden zur Welt gekommen, sie geht täglich mit Angst ins Krankenhaus, das Kind könnte es nicht überleben. Doch Natascha hat sich durchgekämpft.

 

 

Frau Lemke-Prediger, wie kam die Entscheidung Natalia zu unterstützen?

JLP: Der Entschluss kam, als wir hörten, dass die Mama schwanger im Krankenhaus liegt. In der Ukraine gab es damals eine große Armut, also haben wir Päckchen geschickt. Ich bin 1991nach Schlesien gekommen, um hier Deutsch zu unterrichten, hier bin ich auch bis heute geblieben. Als Natascha drei Jahre alt war, haben mein Mann und ich sie hierher geholt, sie kam mit ihrer Mutter, mit dem Zug. In Königshuld (Osowiec) gab es eine deutsche Ärztin, zu der sind wir mit Natascha gegangen. Die hat sie kostenlos behandelt, und sie an das Kinderkrankenhaus in Oppeln überwiesen. Es war praktisch eine kostenlose Behandlung hier, Medikamente hat sie bekommen und alles was sie brauchte. Ich habe gedacht, ich bekomme eine riesige Rechnung, aber nicht einen Złoty habe ich bezahlen müssen. Die Solidarität der polnischen Ärzte war ganz toll, die hatten auch ein Herz für solche tschernobylgeschädigten Kinder. Das Leben von Natascha ist nur ein kleines Beispiel, was diese Atomkatastrophe in einem Menschenleben angerichtet hat.

 

 

Wie ging es weiter?

JLP: Wir sind im intensivem Kontakt geblieben, Natascha wuchs, irgendwann hat sie ihre eigenen Briefe erstmals gemalt und dann geschrieben. Wir haben praktisch das Werden des jungen Menschleins erlebt, vom Kindergarten bis zu der bestandenen Lehrerprüfung. Wir sind ihre Familie. Und für sie gab es nur eins, ich werde Deutschlehrerin, wie meine Mutter. Der Briefkontakt ging immer hin und her, wir haben, hier aus der Ferne, ihren Magister gefeiert.

 

 

Natalia, kommen wir zu Ihnen. Wie nahmen sie den Kontakt zu Frau Lemke-Prediger wahr?

Wie gesagt, ich habe erstmals gemalt, und dann geschrieben, aber ich habe so viele Fehler im Deutschen gemacht! Meine Mama schaute sich das an, und hat die Fehler korrigiert, und ich habe es neu geschrieben. Als ich als Kind das erste Mal ans Telefon ging, und es rief jemand an, der kein Russisch und Ukrainisch sprach, da hatte ich Angst. Dann wurde es geläufiger, und ich habe mich auch getraut per Telefon zu sprechen

 

 

Nennen Sie Frau Lemke-Prediger Tante?

Nalaia Isaieva (NI) Nein, „pani“. Bei uns in der Ukraine ist Tante und Onkel nicht automatisch die Verwandschaft. Frau geht auch nicht, weil wir uns schon so lange kennen, also „pani“.

 

 

Was macht die Natalia für Sie so ganz besonders?

JLP: Weil sie sich so tapfer ans Leben gekämpft hat. Niemand hat so richtig geglaubt, dass sie es schaffen kann, und vor allem, dass sie so stark ist. Ich habe ihr schon gesagt: Du hast Sachen erlebt, das reicht für zwei starke Männer. In Polen sagt man so: Der liebe Gott schickt Dir nur so ein Kreuz, dass du tragen kannst, und sie hat zwei Kreuze. Es war das Baby, um das ich gezittert habe, dass es am Leben bleibt. Und so ist das bis heute geblieben, Natascha gehört zu unserer Familie. Und ich muss sagen, sie interessiert sich mehr für uns, wenn in Polen was passiert, ein Unglück, ist sie die erste die fragt, ob wir in Ordnung sind, so ein großes Herz hat sie.

 

 

Wie sind Sie auf die Idee gekommen Deutschlehrerin zu werden?

Mir gefällt es einfach mit Kindern zu arbeiten. Meine Mama ist Deutschlehrerin und Frau Lemke-Prediger auch, also hatte ich gute Vorbilder.

 

 

Natalia wie ist es für Sie Deutschlehrerin zu sein?

Es ist etwas kompliziert und interessant. Aber die Kinder sind so verschieden, sie bringen jeden Tag neue Ideen mit. Und da ich von der ersten bis zur elften Klasse unterrichte, wird es nie langweilig.

 

 

Natalia, wie ist die Einstellung zum Deutschunterricht an Ihrer Schule in Kiew?

NI: Meine Schule ist die „Spezialisierte Schule mit erweitertem Deutschunterricht“, unsere Kinder lernen seit der ersten Klasse Deutsch, und können später eine DSD-Prüfung machen.

 

 

Wie ist es jetzt, wenn Sie beide den selben Fach – Unterrichten – haben?

NI: Frau Lemke-Prediger ist mein Vorbild als Lehrerin, sie hat immer so viele Ideen! Ich kann Sie immer um Rat fragen.

 

JLP: Ich unterstütze Natascha natürlich gerne, mit Ideen oder Methoden. Ich habe ihr z.B. die Adressen vom Weihnachtsmann, vom Christkind in Österreich, vom Osterhasen, da können die Kinder einen Brief schreiben, und jedes Kind bekommen auch eine Antwort.

 

 

Natalia, was ist Ihr größter Erfolg als Lehrerin?

NI: Frau Lemke-Prediger erzählte mir immer, was für erfolgreiche Projekte sie während ihrer Arbeit als Lehrerin hatte, ich wollte auch etwas besonderes auf die Beine stellen. Also entschied ich mich, genau wie meine Mutter vor über zehn Jahren, am Geschichtswettbewerb des deutschen Bundespräsidenten teilzunehmen. Das Thema waren in dem Jahr „Besondere Menschengruppen“, also Minderheiten. Ich habe mich mit meiner Gruppe von Schülern dem Thema der Geschichte der Deutschen Evangelisch-Lutherischen Gemeinde Sankt Katharina in Kiew angenommen, und auch den damaligen deutschen Pastor Ralf Haska, als einen der Aspekte, eingebunden. Wir haben in Zusammenarbeit mit dem Europagymnasium „Walther Rathenau“ aus Bitterfeld-Wolfen in Sachsen-Anhalt dieses religiös-politische Thema zu den Ereignissen während des Maidans behandelt. Unsere Tutorin war natürlich Frau Lemke-Prediger, wofür wir sehr dankbar sind.

 

JLP: Und ich habe es sehr gerne gemacht.

 

 

Die Arbeit wurde ausgezeichnet. Wie war Ihre Reaktion?

Es war erstmals ein Schock, denn es nehmen sehr viele Menschen an dem Wettbewerb teil. Und dann kam die große Freude. Auch in der Schule haben wir uns sehr gefreut, und mit einer Torte gefeiert.

 

 

Nun haben Sie Frau Lemke-Prediger Natalia von der Sommerakademie der Deutschen Bildungsgesellschaft erzählt, und es hat geklappt, Natascha konnte an der Schulung teilnehmen. Natalia, wie sind Ihre Eindrücke?

 

NI: Es war toll! Ich bin Frau Lemke-Prediger und der Frau Halek von der Deutschen Bildungsgesellschaft in Oppeln sowie dem Goethe-Institut Krakau sehr dankbar dafür, dass sie mir geholfen haben daran teilzunehmen. Ich habe viele neue Impulse  bekommen, wie ich meinen Unterricht noch vielfältiger und moderner gestalten kann. Und danach auch noch Frau Lemke-Prediger und ihren Mann besucht.