BU: Im Januar 1945 kommen in Miechowitz rund 300 Menschen ums Leben. Unter ihnen Pfarrer Johannes Frenzel – dargestellt von Pfarrer Marcin Paś.
Foto: Marie Baumgarten

 

 

Schlesien im Januar 1945. Der Einmarsch der Roten Armee bedeutet für die deutsche Bevölkerung Vertreibung und Tod. Jedes Jahr Ende Januar wird in Schlesien daran erinnert und den Opfern gedacht. In Miechowitz (Beuthen) hat man das auf eine unkonventionelle Art getan.

 

 

 

Vier Rotarmisten werfen eine Frau in NS-Uniform zu Boden. Sie schlägt hastig um sich, kreischt. Die Soldaten überwältigen sie mühelos, vergehen sich an ihr. Dann greift plötzlich ein russischer Offizier ein. Er ruft seine Männer zur Ordnung und untersagt das schäbige Verhalten, hilft der Frau auf die Beine. Ein Stück Menschlichkeit in einem unmenschlichen Krieg. Die Welt ist eben auch in den dunkelsten Stunden nicht nur schwarz-weiß. Das zeigt am vergangenen Samstag, dem 27. Januar, eine beeindruckende Nachstellung der Kriegshandlungen von 1945 in Miechowitz.

 

 

 

Unkonventionell und unvoreingenommen

Roland Skubała ist DFK-Vorsitzender von Peiskretscham (Pyskowice) und einer von über 120 Rekonstrukteuren, die an diesem Tag aus ganz Polen, aus Tschechien und der Slowakei in den Beuthener Stadtteil gekommen sind. „Wir dürfen nicht alle russischen Soldaten als Mörder und Vergewaltiger abstempeln. Es gab solche und solche“, sagt der Geschichtsliebhaber überzeugt, und das, obwohl die eigene Familie ein hartes Los getroffen hat. Skubała erzählt: „Bei Kreuzburg wohnte eine Cousine meines Opas. Ihr Mann war Förster. Er war kein Nazi, nur ein Beamter. Aber er trug eine Uniform mit dem Adler. Als die Russen kamen, wurde er an Ort und Stelle erschossen.“

 

Onkel Gerhard in Gleiwitz, der Bruder des Uropas, habe sich gemeinsam mit der Frau erhängt, um nicht in die Hände der Rotarmisten zu geraten. Ein anderer Teil der Familie sei vertrieben worden, berichtet er weiter. „Die heutige Rekonstruktion ist also mit der Geschichte unserer Familien verbunden. Für jede deutsche Familie hier in Oberschlesien war das Jahr 1945 eine Tragödie.

 

 

“Es ist uns umso mehr bewusst, woran wir hier teilnehmen“, sagt Skubała und will mit seiner Rekonstruktionsgruppe „Mergen“ aus Kattowitz unkonventionell und unvoreingenommen die Geschichte seiner Region vermitteln: „Der Geschichtsunterricht in der Schule ist nicht besonders spannend. Vielmehr nimmt er die Lust am Geschichteentdecken. Aber zu unseren Nachstellungen kommen Hunderte, wenn nicht Tausende Menschen“, sagt er.

 

 

 

 

Ein beklemmendes Gefühl

Auch in Miechowitz ist an diesem Tag das Interesse groß. Dass selbst Kleinkinder sich die Rekonstruktion ansehen dürfen, ist aber nicht ganz unproblematisch. Die Veranstalter appellieren an die Eltern und Erzieher, den Stoff im Anschluss zu besprechen.

 

Die Rekonstrukteure wollen weitestgehend die Kriegsereignisse so nachzeichnen wie sie tatsächlich waren. Wie ein Mantra verkünden sie über die Lautsprecher, dass Gewaltszenen zu sehen sein werden, die einige Menschen möglicherweise psychisch nicht verkraften. Außerdem sei Vorsicht vor Pyrotechnik geboten, die Schüsse und Explosionen simuliert.

 

Während der Rekonstruktion erläutert ein Historiker die Szenen, liefert Hintergründe.

 

So erfährt man, dass der russische Offizier, der sich für die Frau in NS-Uniform eingesetzt hat, kurz nach dem Vorfall erschossen wird. Unklar bleibt, ob von einem deutschen Scharfschützen, einem Hitlerjungen oder gar von den russischen Soldaten selbst. Die Rotarmisten jedenfalls geraten außer sich vor Wut. Ein Massaker beginnt. Sie zerren die Menschen aus ihren Häusern und töten sie – unter ihnen auch der Pfarrer. Das jüngste Opfer ist neun Jahre alt, die Ältesten sind 70 Jahre alt. Es kommen schätzungsweise 300 Menschen ums Leben.

 

Wer die Nachstellung des sogenannten „Verbrechens von Miechowitz“ einmal aus der Nähe erlebt, wird erahnen können, was Krieg bedeutet. Ein beklemmendes Gefühl. Und dass Krieg für viele Menschen in Syrien, dem Jemen und der Ukraine auch heute noch Alltag ist, wird einmal mehr unbegreiflich.

 

 

 

 

Intensive Vorbereitung

Seit September 2017 bereiten sich die Rekonstrukteure auf diese Nachstellung vor. „Es ist wie im Film. Man kann nicht „hurra“ schreien und loslegen. Jeder spielt hier seine Rolle“, erklärt Peter Adler von der Rekonstruktionsgruppe „Berliner Mauer“. Er trägt die Uniform eines Offiziers der Roten Armee aus der Zeit Ende des Zweiten Weltkriegs. Seine Kollegin Agnieszka Zawada von der Gruppe „Mergen“ trägt die Uniform einer Krankenschwester des Roten Kreuzes, die sie detailverliebt anhand von Fotos selbst genähnt hat. Nur die Armbinde mit dem Kreuz und die Mütze sind Originale.

 

 

Auch Roland Skubała freut sich über einige Originalrequisiten wie eine Schippe, ein Bajonett oder eine Feldflasche, die er auf dem Rücken trägt. Die Waffen sind Repliken. Ebenso wie der Feldmantel und die Feldbluse, die extra für die Nachstellung angefertigt wurden. „Wir wollen weder den Krieg glorifizieren noch irgendeine Ideologie verbreiten”, stellt Skubała klar und Peter Adler schiebt nach: „Mit dieser Rekonstruktion wollen wir vor allem der Opfer der Oberschlesischen Tragödie gedenken.“

 

 

Eine Rekonstruktion der Oberschlesischen Tragödie in Miechowitz wurde das zweite Jahr in Folge inszeniert.

 

 

Marie Baumgarten

 

 

Fotos: Marie Baumgarten