Leonie Ossowski war Autorin zahlreicher Erfolgsromane und Drehbücher. In all ihren Romanen machte sie auf soziale und gesellschaftliche Themen in Vergangenheit und Gegenwart aufmerksam. Sie wollte ihre Leser nicht nur unterhalten, sondern zum Nachdenken bringen. Am Montag (4. Februar) ist die Schriftstellerin mit 93 Jahren gestorben.

 

Leonie Ossowski
Foto: Sylwia Szulc

 

Als Tochter eines ehemaligen Gutsbesitzers, die eigentlich Jolanthe von Brandenstein hieß, wurde Leonie Ossowski am 15. August 1925 im niederschlesischen Ober-Röhrsdorf (heute Osowa Sień) geboren. 1945 musste ihre Familie das Gut nach mehr als 700 Jahren aufgeben, wurde nach Ende des Zweiten Weltkrieges nach Thüringen vertrieben und sie selbst floh später von dort nach Oberschwaben.
Ossowski verdiente sich ihren Lebensunterhalt u.a. als Fabrikarbeiterin und Verkäuferin. Nebenbei schrieb sie Kurzgeschichten. Jahrelang war sie Sozialarbeiterin und Bewährungshelferin gewesen, leitete eine Jugendgruppe im Gefängnis und gründete in den 70ziger-Jahren in Mannheim das legendäre Jugendzentrum “Die Kippe“. Anfang der 50er- Jahre bekam Ossowski von der DDR-Filmgesellschaft DEFA Aufträge für Filmdrehbücher. Dabei entstand auch eines ihrer bekanntesten Werke: “Stern ohne Himmel” (1956) über die letzten Kriegstage im Internat einer mitteldeutschen Kleinstadt. Das Stück wurde jedoch letztlich nicht verfilmt, sondern kam als Roman auf den Markt.

 

Das soziale Engagement war ihr besonders wichtig. Sie selbst betonte: “Ich habe Unterhaltungsliteratur geschrieben, aber meine Texte gehören nicht zu den Verdummungsromanen”. Besonders wichtig war ihr deswegen auch ihre mehrfach ausgezeichnete Schlesien-Trilogie, die nach einem Besuch in ihrem schlesischen Geburts- und Heimatort Röhrsdorf entstand. In der dreiteiligen Veröffentlichung „Weichselkirschen“ (1976), „Wolfsbeeren“ (1987) und „Holunderzeit“ (1991) schildert sie die dortige Kriegs- und Nachkriegsgeschichte mit viel Empathie für die polnische Seite, was ihr große und heftige Kritik der Vertriebenen-Verbände einbrachte. Zwei Jahre zuvor hatte sie sich zur Recherche in ihren Geburtsort aufgemacht, als es noch kaum Heimwehtouristen gab. Wie ihre Hauptfigur Anna wandelte sie sich dabei von der misstrauisch beäugten ehemaligen Schlossbesitzerin zu einer gern gesehenen Freundin, die Heimat nicht als Besitz betrachtet.

 

Ein Bestseller wurde der einfühlsame Jugendroman „Die große Flatter“, der 1979 mit Richy Müller als preisgekrönter Dreiteiler im Fernsehen zu sehen war. Mit ihren Texten habe sie immer etwas bewegen wollen. „Mein größter Wunsch wäre, dass unsere Gesellschaft nicht nur Geld und Kapital in den Vordergrund stellt, sondern vor allem die Menschen“, hatte Leonie Ossowski mal in einem Gespräch gesagt.

 

Ausgezeichnet unter anderem mit dem Adolf-Grimme-Preis (1980), dem Schiller-Preis der Stadt Mannheim (1982), der Hermann-Kesten-Medaille des PEN-Zentrums (2006) und dem Andreas-Gryphius-Preis (2014) hat sie sich mit ihren Romanen als »Dichterin der Menschlichkeit« einen Namen gemacht. Trotz Kritik der Vertriebenenverbände wurde sie 1981 mit Kulturpreis Schlesien des Landes Niedersachsen für ihr Werk „Weichselkirschen“ ausgezeichnet.

 

Michael Ferber