Michael Wieck wurde 1928 in Königsberg geboren. Über seine schwere Kindheit als Sohn einer jüdischen Familie berichtet der ehemalige Violinist im RIAS-Sinfonie-Orchester Berlin und im Radio-Symphonie-Orchester in dem Buch „Zeugnis vom Untergang Königsbergs“. Mit ihm sprach Uwe Hahnkamp.

 

Zur Lesung hat der Autor seinen Judenstern mitgebracht, den er als Junge tragen musste.

 

 

Herr Wieck, Wie erinnern Sie sich an Königsberg?

Wir wohnten in einem Vorort, in Hufen. Ich habe mich dort wohl gefühlt, bis Hitler kam und schrittweise wurde alles verboten, was auch ein Kind erfreuen konnte, etwa ins Kino gehen. Königsberg ist in meiner Erinnerung eine Stadt mit wunderschönen Gebäuden, vor allem das Schloss mit dem Schlossteich.

 

 

Was haben Ihre Eltern gemacht?

Meine Eltern waren Musiker und gründeten nach dem Ersten Weltkrieg das Königsberger Streichquartett. Später bekam es Spielverbot, da meine Mutter, die Bratschistin des Quartetts, als Jüdin nicht mehr öffentlich auftreten durfte. Der Vater konnte ins Orchester in Königsberg eintreten und uns mit dem Gehalt ernähren.

 

 

Wie waren Ihre Schulzeit und die Zeit danach?

Ich musste die deutsche Schule verlassen, und bin auf die jüdische Schule gegangen. So entging ich den antisemitischen Bemerkungen der Klassenlehrerin und fand Freundschaft bei den Menschen, bei denen ich Hebräisch lernte. Der Wechsel in die jüdische Schule war für mich ein Lebenswandel von erster Güte. Von der Schule bin ich mit 14 Jahren abgegangen, weil ein jüdisches Kind ab 14 keine Schule mehr besuchen durfte. Ich habe das Tischlerhandwerk gelernt bei einem Meister, der mich als alter deutscher Kommunist und Feind der Nazis sehr gut behandelte. Später, da war ich 15 oder 16, musste ich in einer Seifenfabrik – Gamm und Sohn – Säcke mit Soda zur Seifenherstellung mit zwei Zentnern Gewicht auf dem Rücken tragen. Ich gehörte zu den Wenigen, die mit dieser Last auch Treppen steigen konnten, darauf bin ich bis heute stolz. Wenn ich das nicht gekonnt hätte, hätte ich am Fließband stehen müssen.

 

 

Haben Sie sich damals mit Ihrer Identität beschäftigt?

Eher nicht. Ich galt als Gefangener und minderwertiger Mensch, das war eine Abstemplung, die war schwer genug. Man ging auf der Straße, trug einen Stern, man ging in die Fabrik, betätigte die Stechuhr – sich gleichzeitig zu überlegen, wer bin ich und wozu gehöre ich, das war noch nicht auf der Tagesordnung. Ich habe mich aber dem Judentum sehr nahe gefühlt, da ich eine zweijährige Ausbildung mit Hebräisch, in den Riten und im Vorlesen abgeschlossen habe. Nur als ich bemerkte, dass es die Frömmsten waren, denen das Schlimmste geschah, da bin ich sehr skeptisch meinem Glauben gegenüber geworden.

 

 

„Miasto utracone“ stellte Michael Wieck bei einem Autorengespräch am 14. April in Allenstein vor.

 

Wie haben frühere Freunde Sie behandelt? Gab es einen Wechsel?

Das kann man sagen, ja. Die Freunde sind auf die andere Straßenseite gegangen, um nicht grüßen zu müssen. Denn schon das Grüßen eines jüdischen Kindes konnte damals zum Nachteil gereichen – wer da Sympathie zeigte, konnte sofort ins städtische Gefängnis gebracht werden. Unbedingt sagen möchte ich aber, dass ich in jener Zeit, als ich mit dem Fahrrad unterwegs, immer mal Stückchen Kuchen oder so etwas bekam. Das waren meist polnische Arbeiter, die in einer ähnlichen Situation waren wie ich.

 

Sie haben einen Original Judenstern mitgebracht. Ist das Ihr eigener?

Das ist der Stern, den ich getragen habe, den hatte meine Mutter noch aufbewahrt. Er musste hier [zeigt auf seine Brust] getragen werden. Später hat ihn meine erste Frau zusammengeknüllt im Mülleimer gefunden, gebügelt und gut aufgehoben.

 

 

Wie haben Sie das Ende Königsbergs erlebt?

Nach dem Bombardement 1944 war Königsberg zwar ziemlich in Ruinen, aber nicht komplett zerstört. Ein großer Teil wurde nach dem Krieg systematisch angezündet. Königsberg wurde eingenommen, dann vom Militär regierte Stadt, später wurde es in Kaliningrad umbenannt. Zuerst wurden wir von den Nazis unterdrückt, jetzt mussten wir die strengen Gesetze für die deutsche Bevölkerung befolgen. Es interessierte niemanden, ob wir Juden waren oder nicht, wir waren Deutsche und damit verdächtig.

 

 

War Musik für Sie eine Überlebensstrategie?

Es ist die Musik gewesen, die uns über die schwierige Zeit geholfen hat. Ich liebe die Musik, hatte immer Geigenunterricht bei meiner Mutter. Musik war ein Anker, an dem wir uns festhalten konnten. Später, nach dem Krieg, ab 1952, als ich schon zwei Kinder hatte, konnte ich dank ihr als Violinist meine Familie ernähren.

 

 

Text, Fotos: Uwe Hahnkamp

 

 

Die deutsche Ausgabe „Zeugnis vom Untergang Königsbergs. Ein ´Geltungsjude´ berichtet“ ist im Verlag Beck erschienen (2. Auflage 2009). Ins Polnische übertragen von Magdalena Leszczyńska. „Miasto utracone. Młodość w Königsbergu w czasach Hitlera i Stalina“ ist im letzten Jahr im Verlag Ośrodek Karta erschienen.