Wochenblatt – Gazeta Niemców w Rzeczypospolitej Polskiej

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Monday, November 29, 2021

Dornröschen wachküssen – aber wie?

 

Schloss Steinort ist ein ganz besonderer Ort in Masuren: Es steht für die lange Geschichte der ostpreußischen Adelsfamilie von Lehndorff, es war Zeuge des Widerstandes gegen Hitler, es diente zugleich prominenten Nazis als Herberge und es war lange Jahre Sitz einer landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaft und Arbeitgeber für viele Menschen hier in der Region. Schloss Steinort ist ein kulturelles Zentrum in einem strukturschwachen Gebiet – und Chance auf Zukunft.

 

Ein Blick auf die Landkarte zeigt die besondere strategische Lage von Steinort: auf der Halbinsel zwischen dem Mauer-, dem Kirsaiten- und dem Dargeimersee gelegen, beherrscht das Schloss das Land ringsumher. Kein Wunder, dass der Bischof des Ermlands, Ignacy Krasicki, der einige Male dort geweilt hat, gesagt haben soll: „Wer Steinort hat, der hat Masuren“.

 

Schloss Steinort ist noch nicht wie Dornröschen 100 Jahre in Schlaf versunken. Aber es ist schon eine ganze Weile im Schlaf versunken. Auch, wenn viele Menschen daran arbeiten, es wieder wachzuküssen. Mit einem einfachen Kuss wird das Schloss allerdings nicht zu wecken sein, wie die Polnisch-Deutsche Stiftung zum Schutz von Kulturdenkmälern und die Lehndorff-Stiftung bereits feststellen konnten. Um das Schloss aus seinem Dornröschenschlaf zu wecken, ist viel Geld nötig. Vor allem aber ein tragfähiges Nutzungskonzept für das Gebäude und sein Umfeld. Um dieses Nutzungskonzept wird schon ein Dutzend Jahre gerungen – allmählich zeichnen sich Erfolge ab.

 

 

Geschichte auf einen Blick

Steinort, das „Tor Masurens“, gehörte mit den Ländereien zum Familiensitz derer von Lehndorff, die seit dem 15. Jahrhundert hier ansässig waren. Ein wesentlicher Teil des Geländes war Wald und in diesem Wald verliefen 300 bis 400 Jahre alte Eichenalleen. Es gehörte zur Tradition der Familie, jedem neu geborenen Kind eine Eiche zu pflanzen.
Auf dem anderen Ufer des Steinortsees liegt das Mausoleum der Familie, das 2018 einen neuen Dachstuhl erhalten konnte. Der evangelische Friedhof am Mausoleum wurde Ende August 2020 bei der deutsch-polnischen Werkstatt „Vergessene Friedhöfe in Masuren – Steinort“ aufwändig dokumentiert und inventarisiert.

 

Schloss Steinort – Geschichte im Panorama
Foto: Uwa Hahnkamp

Museale Nutzung

Zurück zum Schloss Steinort: Das Schloss war bis 1945 der Sitz der Lehndorffs.
„Wenn wir davor stehen, ist der linke Trakt aus dem 17., der mittlere aus dem 18., und der rechte aus dem 19. Jahrhundert“, beschreibt es der Vorsitzende der Polnisch-Deutschen Stiftung zum Schutz von Kulturdenkmälern Wojciech Wrzecionkowski. Im Gebäude des Schlosses befinden sich für Kunsthistoriker interessante und wertvolle polychrome Deckenmalereien, die zu einem großen Teil vor dem endgültigen Verfall gerettet werden konnten und sich derzeit in Dresden zur Konservierung befinden.

Auch wenn von der ursprünglichen Einrichtung so gut wie nichts mehr vor Ort erhalten ist, ließe sich aus dem geretteten Familienbesitz ein Museum oder ein Gedenkraum gestalten. So eine Gedenkraum könnte das Leben des ostpreußischen Adels erfahrbar machen.

 

Das Schloss war ideal für die Verschwürung gegen Hitler.

 

Ort des Widerstandes gegen Hitler

Ein weiterer wichtiger Teil der Geschichte ist der militärische Widerstand im Dritten Reich und die Beteiligung des letzten deutschen Schlossherrn Heinrich von Lehndorff am Attentat auf Adolf Hitler im Jahr 1944. Steinort liegt heute peripher, war früher aber historisch zentral gelegen. Denn es ist nicht weit nach Königsberg und gleichzeitig in der ehemaligen Sperrzone um das Führerhauptquartier in der Wolfsschanze. Der Ort des Schlosses war also ideal für die Verschwörung gegen Hitler. Allerdings, als idealen Ausgangspunkt empfand parallel auch einer der ranghöchsten Nazis das Schloss: Der deutsche Außenminister Joachim von Ribbentrop.

Er quartierte sich im Westflügel von Schloss Steinort ein, während die Familie im Ostflügel wohnte. Diese absurde Situation zwang die Lehndorffs zu einem Doppelleben, das Antje Vollmer in ihrem Buch „Doppelleben: Heinrich und Gottliebe von Lehndorff im Widerstand gegen Hitler und Ribbentrop“ (Die andere Bibliothek, Berlin 2010) dokumentiert hat.

 

Informationspunkt – Begegnung mit den Menschen von hier

Touristische und kulturelle Ideen

Aktuell fehlt dem Schloss vor allem eine touristische Infrastruktur, die das alles sichtbar macht. Es gibt im Ort Steinort zwar schon den Yachthafen, der in den letzten Jahren modernisiert wurde. Im Schloss selbst aber wäre ein Café sinnvoll, auch eine Einbindung in ein umfassenderes Hotelkonzept wäre interessant. „Das darf aber nicht blind, unter Zerstörung unwiederbringlicher Bausubstanz geschehen“, so Professor Wolfram Jäger, der die Polnisch-Deutsche Stiftung als Ingenieur berät und die Renovierung des Schlosses unter seinen Fittichen hat.

 

Informationspunkt seit 2019

Im bereits recht gut renovierten Ostflügel hat seit Herbst 2019 ein Informationspunkt geöffnet, der von jungen Leuten aus der Umgebung betreut wird, die Führungen durch das Schloss anbieten.
Kulturell ist Schloss Steinort ebenfalls attraktiver geworden. Ein wichtiger Startschuss war 2017 eine Ausstellung der Ethnologin Hannah Wadle zur Geschichte des Gebäudes nach 1945. Viele Aussagen von Zeitzeugen aus der Umgebung sind inzwischen auch im Internet zu finden und ebenso in die virtuelle Ausstellung aus dem Jahr 2020 zum Thema „Fenster“ eingeflossen. „Das Motto „Fenster“ hatte einen doppelten Sinn“, so Dr. Bettina Bouresh, die Vizevorsitzende der Lehndorff-Gesellschaft, die die neue Nutzung von Schloss Steinort vorantreibt: „Über die virtuellen Fenster bekommen Menschen einen Eindruck aus der Ferne. Und wer kommen wollte, konnte die Veranstaltungen des Kultursommers live vor Ort erleben.“

Dass das in Corona-Zeiten nicht einfach zu planen ist, ist auch 2021 zu spüren. Dennoch laufen die Planungen für den fünften Steinorter Kultursommer mit Terminen für den 20. Juli, dem Datum des Attentats auf Hitler, und für die intensive Festivalwoche vom 14. bis 21. August.

 

Dornröschen wachküssen

Es gibt also einige Ideen, auch in diesem Jahr, was alles in Schloss Steinort kulturell, historisch, museal und touristisch geschehen könnte. Hauptaufgabe bleibt weiterhin: das Gebäude muss renoviert und nutzbar gemacht werden, und das – kostet Geld. Zwar wurden die im letzten Jahr beim Norwegen Fonds beantragten Mittel nicht bewilligt. Aber das Konzept einer zukünftigen Nutzung des Schlosses Steinort hat den deutschen Bundestag so überzeugt, dass er nach der Bewilligung von einer halbe Million Euro für 2020 dieselbe Summe auch für 2021 zugesagt hat.
Es kann also weitergehen mit den nächsten, langsamen Schritten zum Aufwecken des Schlosses Steinort.

 

Text und Foto: Uwe Hahnkamp

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