Wochenblatt – Gazeta Niemców w Rzeczypospolitej Polskiej

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Thursday, May 26, 2022

Ein besonderes Tagebuch (+Video)

 

Nein, ein Märtyrer ist er nicht, hat sein Leben nicht hingegeben für die Sache, ist nicht den Heldentod gestorben. Wer Franz Pawlar gewesen ist, weiß heute in Oberschlesien kaum noch jemand. Autor Leszek Jodliński will das ändern und hat dafür gute Gründe.

 

Schloss Plawniowitz, das ehemalige Stammhaus der Familie Ballerstrem

 

Er war ein Mann von Charakter. Acht Sprachen hat er fließend beherrscht, seine Überzeugungen hat er stets entschieden vertreten. Seine Kritik am Nationalsozialismus hat ihn fünf Mal ins Gleiwitzer Gestapo-Gefängnis gebracht. Kein Fähnchen im Wind sein, das ist es, was wir auch heute noch von ihm lernen können.

Das zumindest sagt Autor Leszek Jodliński über den unbekannten Franz Pawlar, einen Pfarrer, der im Jahr 1935 seine Priesterweihe im oberschlesischen Plawniowitz empfangen hat. „Für mich ist er das Ideal eines Geistlichen.“ Wie sehr Jodliński den Pfarrer bewundert, merkt man ihm an. Ein enthusiastischer, wenngleich nicht zu lauter Ton liegt in seinen Worten. Er nennt Pawlar einen anonymen Helden Oberschlesiens, kein Denkmal erinnert an ihn, keine Straße ist zu seinen Ehren nach ihm benannt. Doch eines gibt es: ein Tagebuch. Das Tagebuch von Franz Pawlar.

 

Leszek Jodliński

 

Wo ist das Original?

Als ehemaliger Direktor des Museums in Gleiwitz ist Leszek Jodliński vielseitig kulturell und geschichtlich interessiert und so fällt ihm irgendwann Franz Pawlars Tagebuch in die Hände. Er liest darin, welch große und kleine Dinge Pawlar umtreiben, er liest von den Kriegswirren jener Zeit, aber auch von der engen Freundschaft zur Adelsfamilie Ballerstrem.

Während er Seite um Seite aufsaugt, wird ihm klar: Er möchte diesen beeindruckenden Mann und Pfarrer, den er durch die Tagebuch-Lektüre auch als einen begnadeten Schreiber kennenlernt, aus der Anonymität holen. Also hat Jodliński das deutschsprachige Original ins Polnische übersetzt und neu herausgegeben. Dabei sei angemerkt, dass mit „Original“ der ursprüngliche Text in Kopie gemeint ist. „Was mit dem Tagebuch passiert ist, ist unklar, es ist verschwunden“, sagt Jodliński.

 

 

 

Pikante Details

Ob dem Pfarrer so viel Aufsehen wohl recht gewesen wäre? Eine private Sache immerhin, so ein Tagebuch. Den wenigsten würde es wohl gefallen, würden ihre intimsten Gedanken an die Öffentlichkeit getragen. Noch eine andere pikante Sache kommt im Falle Pawlars hinzu: „Er nennt konkrete Personen mit ihrem vollständigen Namen, und die Art, wie er über sie schreibt, würde vielen von ihnen wohl die Schamesröte in Gesicht treiben“, sagt Jodliński.

Nun, es ist wahr, dass die meisten von ihnen nicht mehr leben, ebenso wenig wie Pfarrer Pawlar selbst. Doch drohenden Klatsch und Tratsch in den Städtchen und Dörfern fürchten womöglich auch die Hinterbliebenen und Nachkommen. Jodliński hat deshalb deren Einverständnis erbeten und nun anlässlich des 75. Jahrestages der „Oberschlesischen Tragödie“, gemeint sind die Schicksalsjahre der deutschen Oberschlesier nach dem Einmarsch der Roten Armee 1945, bereits eine zweite Auflage in polnischer Sprache herausgebracht.

 

 

Später Ruhm

Angesichts der Tatsache, dass es sich dabei um eine Übersetzung handelt, denkt Jodlińksi nun über eine deutschsprachige Neuauflage nach. Neben einer Fotokopie in Jodlinskis Archiv befinden sich zwei Abschriften in Benkowitz, Pawlars Geburts- und Sterbeort. Zwischen alten Fotos, die Pawlar in jungen Jahren zeigen, bewahrt Neffe Franciszek Korczuk sie in seiner Stube auf. Daneben alte Zeichnungen des künstlerisch begabten Pfarrers, aber auch Urkunden und Ausweise Pawlars, beispielsweise ein Dokument, aus dem hervorgeht, dass Pawlar nach dem Krieg die Kunstschätze aus dem Plawniowitzer Schloss, dem Stammhaus der Familie Ballerstrem, verwaltet hat. Der 73-jährige Franciszek Korczuk freut sich sehr über den späten Ruhm seines Onkels. „Er hat es verdient, er war ein wirklich guter und kluger Mann“, sagt er.

Text und Fotos: Marie Baumgarten

 

Franz Pawlar, geb. 1909 in Benkowitz, gest. 1994 in Benkowitz. Als Pfarrer wirkte er in Plawniowitz und Kranowitz. Der Nachdruck seines Tagebuches in polnischer Sprache ist unter www.azorywydawnictwo.pl erhältlich.

 

 

 

 

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