Wochenblatt – Gazeta Niemców w Rzeczypospolitej Polskiej

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Thursday, July 7, 2022

Ein Cosler Junge rettet die Schlesische Christmette

Kapelle in Bad Berka in der Weihnachtsnacht 1945 Foto: Josef Gröger
Kapelle in Bad Berka in der Weihnachtsnacht 1945
Foto: Josef Gröger

Friedensweihnacht, wie oft haben wir uns danach gesehnt. Nun ist sie eingetreten, schlimmer hätten wir sie uns kaum vorstellen können. Nach meiner Flucht aus Cosel/Oberschlesien, ich war gerade fünfzehn Jahre alt, bin ich nun in Bad Berka, einem bekannten Kurort im Kreis Weimar, angekommen.

 

Der Ort war voll mit Flüchtlingen aus dem Osten, Südosten und Evakuierten aus den westlichen Provinzen überfüllt. Unbeschreiblich ist die materielle Not der vielen Menschen, die kaum das Nötigste zum Überleben besaßen. Aber viel schlimmer war für all diese Menschen der Verlust der Heimat. Auch mich hatte es schwer getroffen, meine Eltern waren in Cosel geblieben, die ganze Familie auseinandergerissen. Hier fand ich meine Schwester und meinen jüngsten Bruder. Viele Monate hat es gedauert bis wir die ersten Überlebensnachrichten von den Eltern und den anderen Geschwistern erhielten.

 

Suche nach religiösem Halt

 

Für viele war der Kontakt zur Kirche ein bedeutender Faktor in dieser Zeit der Not und Heimatlosigkeit. Für die Katholiken war es in dem überwiegend protestantischen Gebiet natürlich sehr schwierig ein Gotteshaus zu finden. Zum Glück gab es am Waldesrand der Kurstadt eine kleine hölzerne Kapelle, in welcher der katholischer Gottesdienst mit einem Geistlichen aus Weimar gefeiert werden konnte. Die Adventszeit nahte und zu den Gottesdiensten an den Sonntagen kam als Vertretung für den erkrankten Pfarrkurat Schneider aus Weimar ein alter Pfarrer, der aus Ostpreußen vertrieben wurde. Aber wie es auch bei vielen anderen Vertriebenen war, konnte er diesen gewaltigen Einschnitt in sein Leben nicht verkraften. Die Gottesdienste hatten immer stärker den Charakter einer Karfreitagsliturgie und die Stimmung unter den Gemeindemitgliedern drohte zu kippen.

 

So fanden sich einige Personen, die bereit waren, an der Vorbereitung und Durchführung des Weihnachtsfestes mitzuarbeiten. Da ich in dieser Zeit meine Lehre als Elektriker in Weimar fortführen konnte, entschloss ich mich, eine Lichterkette aus Skalenlämpchen für die beiden Tannen vor der Kapelle zu bauen. Schwieriger war aber die Stromversorgung für die Kapelle zu bekommen, aber auch das Problem war lösbar. Nun brauchten wir auch noch Brennholz für den Ofen, damit wir auch äußerlich eine warme Atmosphäre bekamen.

 

Kein Weihnachten ohne Transeamus

 

Auch ging es noch um die Ausgestaltung der Weihnachtsmesse, Weihnachtslieder wurden zum Teil handschriftlich vervielfältigt und immer wieder wurden wir an ein lateinisches Weihnachtslied, das in der Heimat gesungen wurde, erinnert. Es war das „Transeamus usque Bethlehem“, ein Weihnachtspastorale, das in Schlesien zu den Glanzstücken der Kirchenchöre gehörte. Ein Weihnachtsfest ohne die Aufführung dieser Komposition, war undenkbar. Bald waren wir uns einig, kein Weihnachten ohne Transeamus, aber auch kein Transeamus ohne Chor. Wir waren überrascht, dass dieses schlesische Weihnachtslied in der Bearbeitung von Joseph Schnabel, der ehemals Domkapellmeister in Breslau von 1805 bis 1831 war, in Thüringen kaum bekannt war. Da fiel mir ein, dass unter den wenigen Habseligkeiten, die ich aus Cosel mitnehmen konnte, mein „Schott Messbuch“ war. Da die Texte deutsch und lateinisch gedruckt waren, hatten wir jetzt den Inhalt des Weihnachtsevangeliums, das als die Geschichte der Hirten und der Engel im Transeamus vertont war. Zwar besaßen wir jetzt den Text aber noch keine Noten. Zum Glück gab es einen alten Herrn, der aus dem Ruhrgebiet evakuiert war und eine besondere musikalische Begabung besaß. Da er mitunter an einem Harmonium den Kirchengesang begleitete, baten wir um seine Mithilfe. So sangen wir ihm den Text vor und er schrieb die Noten. Es war ein mühseliges Unterfangen, aber am Ende hatten wir die Noten und den Text des Transeamus und nun übte ein kleiner Chor diesen weihnachtlichen Gesang.

 

Christmette mit Heimatgefühl

 

Der Heilige Abend war nun da. Schon am Vormittag haben wir den Ofen angeheizt und die Lichterkette an den beiden Tannen installiert. Als kurz vor Mitternacht die Menschen im tiefen Schnee zur Christmesse in die Kapelle kamen, wurden sie schon von weitem durch die beleuchteten Christbäume begrüßt. In der warmen Atmosphäre der Kapelle erklangen nun die bekannten Weihnachtslieder. Nachdem die Epistel verlesen wurde, begannen die Männerstimmen aus unserem improvisierten Chor mit dem Transeamus und der Text aus dem Weihnachtsevangelium drang in die Herzen der Menschen. Dann stimmten die hellen Frauenstimmen mit dem Gloria ein, bis zum Schluss sich beide Stimmen vereinten. Es war für die Vertriebenen wie ein Gruß aus der Heimat.

 

Die Weihnachtsmesse in Bad Berka 1945 war ein Höhepunkt für die katholische Gemeinde, zugleich aber wohl auch die Geburtsstunde für das Transeamus in Thüringen, das in den nächsten Jahren in vielen katholischen Kirchen zur Aufführung gelangte und heute zu einem festen Bestandteil der weihnachtlichen Musik, nicht nur im sakralen Raum, gehört.

 

Josef Gröger

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