Wochenblatt – Gazeta Niemców w Rzeczypospolitej Polskiej

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Tuesday, October 4, 2022

Ein trauriger 1. September

Am 1. September trat eine Verordnung des Bildungsministers in Kraft, die die Anzahl der Stunden für Deutsch als Minderheitensprache von drei auf eine pro Woche reduziert. Der Vorsitzende des Verbandes deutscher Gesellschaften, Rafał Bartek, hat an die Schulleiter, aber auch an die Kommunen appelliert, die Zahl der Deutschstunden zu erhöhen.

„Das neue Schuljahr 2022/2023, das am 1. September beginnt, wird das erste Jahr in der Geschichte des freien Polens nach 1989 sein, in dem die Kinder polnischer Staatsbürger deutscher Nationalität systematisch diskriminiert werden“, beginnt Rafał Bartek seinen Brief und erinnert daran, dass die deutsche Minderheit nach der Entscheidung des Bildungsministers die Rücknahme dieser Regelung aus dem Rechtsverkehr angestrebt hat. Bislang hat die Regierung jedoch nicht ihren Willen bekundet, diese Entscheidung zu ändern.

Der erste Schultag bedeutet für viele Kinder ein Ende von mehr als einer Stunde Deutsch in der Wiche.
Foto: Skyler H/picabay.com

Unannehmbare Situation
Die am 4. Februar 2022 in Kraft getretene Verordnung des Ministers für Bildung und Wissenschaft, mit der der Umfang von Deutsch als Minderheitensprache von drei auf eine Stunde pro Woche reduziert wird, hat zur Folge, dass rund 50.000 Kinder, die Deutsch als Minderheitensprache lernen, diese Sprache nicht mehr nach den bisherigen Regeln und mit voller Finanzierung aus dem Staatshaushalt erlernen können. Der Grund für diese Entscheidung sei, wie Regierungsvertreter bekräftigen, eine fehlende Symmetrie in den polnisch-deutschen Beziehungen, insbesondere im Hinblick auf den Unterricht der polnischen Sprache in Deutschland unter ähnlichen Bedingungen wie der deutschen Sprache in Polen. 
„Unserer Meinung nach ist es inakzeptabel, dass, anstatt nach diplomatischen Lösungen zu suchen, diskriminierende Lösungen gegen Kinder als Instrument für schlecht durchdachte politische ‚Verhandlungen’ eingeführt werden“, betont Rafał Bartek und fügt hinzu: „In einer Situation, in der Sprachkenntnisse eine soziale Schlüsselkompetenz und für Minderheitengemeinschaften eine Voraussetzung für das Überleben ihrer Kultur und ihres Kulturerbes sind, lösen solche Maßnahmen nicht nur nichts, sondern zerstören direkt die Errungenschaften vieler Generationen von Bürgern der Republik Polen.“

Situation in den Gemeinden
Der Vorsitzende des VdG wendet sich in dieser Situation auch an die Kommunen in ganz Polen, die beschlossen haben, die Kosten für den Unterricht von Deutsch als Minderheitensprache an ihren Schulen zu übernehmen. „Nach den Informationen, auf die wir zugreifen konnten, gibt es in ganz Polen 37 Gemeinden, in denen solche Entscheidungen getroffen wurden. Wir danken Ihnen für Ihr klares Signal in Ihren Gemeinden, dass Kinder an erster Stelle stehen und dass Sie Diskriminierung und Stigmatisierung aus nationalen Gründen nicht zulassen“, heißt es in dem Schreiben. 
Diese Gemeinden sind jedoch nur ein Teil der Kommunen. Andere haben entweder nicht auf den Fragebogen des VdG geantwortet oder mitgeteilt, dass an ihren Schulen ab dem 1. September nur noch eine Stunde Deutschunterricht pro Woche stattfinden wird. Zu diesen Gemeinden gehören nicht nur „Mehrheitsgemeinden“, in denen die Minderheitensprache überhaupt nicht oder nur an einzelnen Schulen unterrichtet wurde. In der Woiwodschaft Oppeln werden Gemeinden wie Klein Strehlitz, Rosenberg, Pawlowitzke, Landsberg oder Zülz keine zusätzliche Deutschstunde finanzieren. In der Woiwodschaft Schlesien ist der Kreis Ratibor ein gutes Beispiel dafür. Dort beschloss lediglich die Gemeinde Groß Peterwitz, eine zusätzliche zweite Deutschstunde zu organisieren. Der VdG-Vorsitzende appelliert daher: „Ich ermutige die Gemeinden, die noch keine Entscheidung getroffen haben, dies zu tun; es ist nie zu spät, die bestmöglichen Bildungsperspektiven für künftige Generationen offen einzufordern.“
Auch unsere Redaktion hat E-Mails verschickt, in denen die Gemeinden, in denen nur eine Stunde Deutschunterricht pro Woche stattfindet, gefragt wurden, warum sie sich nicht entschieden haben, diesen Unterricht selbst zu unterstützen. Bis zum Redaktionsschluss dieser Ausgabe hatte noch keine der Gemeinden geantwortet.



Rudolf Urban

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