Wochenblatt – Gazeta Niemców w Rzeczypospolitej Polskiej

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Friday, October 22, 2021

Ein wichtiger Ort auf der Kulturkarte Europas

Wie kam es zur Unterzeichnung der deutsch-polnischen Verträge und welche Rolle spielte anfangs auch der Ort Lubowitz? Darüber sprachen am vergangenen Samstag Teilnehmer einer Konferenz, die im Eichendorffzentrum in Lubowitz stattgefunden hat.

 

In den Geburtsort des Dichters kam u. a. Dr. Uwe Kaestner, der in der Zeit der politischen Wende in Europa im Bundeskanzleramt gearbeitet und mit Horst Teltschik die Verträge mit Polen mitverhandelt hatte. Er erinnerte u. a., dass erste Gespräche zu einem Vertrag mit Polen bereits begonnen hatten, als noch die Polnische Vereinige Arbeiterpartei an der Macht gewesen war. „Das erste Treffen im Januar 1989 war nicht nur durch das Wetter eingetrübt, sondern auch durch misstrauische Zurückhaltung Ernest Kuczas (einer der polnischen Unterhändler, Anm. d. Red.). Teltschik lockerte die Stimmung durch Biografisches auf: Seine Geburt in Teltsch (Telč), Flucht der Sudetendeutschen nach Bayern, schwieriger Neubeginn dort. Kuscza berichtete von seiner Geburt und Kindheit in Ratibor, Umsiedlung nach Halle, Aktivität des Vaters als kommunistischer Gewerkschafter, Rückkehr nach Polen bei Beginn des Nazi-Terrors. Dieser Gesprächsanfang begründete persönliches Vertrauen und ermöglichte späteres Einvernehmen“, sagte Uwe Kaestner.

Große Schritte konnten dann aber erst gemacht werden, als nach den halbfreien Wahlen in Polen die Regierung von Tadeusz Mazowiecki gebildet wurde.

 

„Neuer Impulsgeber war Außenminister Krzysztof Skubiszewski. Als Christ und Völkerrechtler trat er von Anfang an für deutsch-polnische Aussöhnung ein. Er sah eine deutsch-polnische ‚Werte- und Interessengemeinschaft‘“,

 

meinte Uwe Kaestner und betonte, dass der erste Vertrag über das Fortbestehen der Grenzen nach nur wenigen Wochen Verhandlung unterzeichnet wurde.

 

Beispiel für andere

 

Online zugeschaltet war u.a. der frühere polnische Botschafter in Deutschland Janusz Reiter.
Foto: B. Gaida

 

Bis zum Nachbarschaftsvertrag hingegen dauerte es länger, sollte er ja alle möglichen Bereiche abdecken, darunter auch den Status der deutschen Minderheit in Polen sowie der Polen in Deutschland, aber auch Wirtschaft- und Kulturbeziehungen und vieles mehr. Seine Unterzeichnung dann im Jahr 1991 war eine politische Sensation, meinte Janusz Reiter, ehemaliger polnischer Botschafter in Bonn, der online an der Konferenz in Lubowitz teilgenommen hat. „Es ist der Versuch, die gemeinsamen Werte, Ziele und Visionen zu dokumentieren, die dann die nächsten Generationen realisieren werden“, sagte Reiter zum Vertrag, unterstrich aber auch, dass mit dem Vertrag die Probleme nicht kleiner wurden:

 

„Wo mehr Berührungspunkte entstehen, und so ist es ja mit den deutsch-polnischen Beziehungen, da gibt es auch mehr Reibungsfläche, was aber ganz normal ist. Ich habe aber gemerkt, dass dieser deutsch-polnische Nachbarschaftsvertrag im Ausland, vor allem außerhalb Europas, als Beispiel für gute Beziehungen angeführt wird“.

 

Derselben Meinung ist auch der ebenfalls online zugeschaltete ehemalige polnische Premierminister Jak Krzysztof Bielecki: „Als ich einmal in Korea war, sah ich, wie eindringlich dieser deutsch-polnische Vertrag analysiert wurde, um aus ihm für die eigenen nachbarschaftlichen Beziehungen zu schöpfen.“ Der Vertrag bleibe bis heute aktuell, wobei vieles daraus noch realisiert werden muss. Die Zukunft, so Bielecki, liege aber nicht in weiteren bilateralen Verträgen sondern in der Europäischen Union.

 

Die Teilnehmer diksutierten auch mit Jan Krzysztof Bielecki, die früheren polnischen Premierminister.
Foto: Bernard Gaida

 

Vergessenes Lubowitz

Im zweiten Teil der Konferenz lag der Schwerpunkt auf dem Eichendorffzentrum. Dieses wurde bereits in der Kohl-Mazowiecki-Erklärung von 1989 genannt: „Beide Seiten werden sich darüber verständigen, die Gedenkstätte für Gerhart Hauptmann auszubauen und eine Gedenkstätte für Joseph von Eichendorff einzurichten und beide für Besucher zugänglich zu machen.“ In seinem Referat jedoch zeigte der VdG-Vorsitzende Bernard Gaida auf, dass dieser Ort sehr schnell zu Gunsten von Kreisau, wo die Versöhnungsmesse stattgefunden hatte, an Bedeutung verloren hat und diese bis heute nicht wiedererlangen konnte:

„Daher schlage ich hier auch vor, dass wir uns auf den Punkt der Erklärung der Regierungschefs rückbesinnen und mit vereinten Kräften, also auch mit Partnern aus Deutschland, dem Zentrum zu mehr Bedeutung verhelfen“.

 

Vorschläge, wie sich das Zentrum in Zukunft aufstellen könnte, lieferte Leszek Jodlinski vom Kuratorenrat. Seiner Meinung nach müsste Lubowitz ein moderner Ort der Kunst sein, in dem Eichendorff selbst natürlich eine wichtige Rolle spielen werde, sich die Tätigkeit aber nicht nur auf sein Werk beschränkt.

 

Leszek Jodliński sprach über Perspektiven für das Eichendorffzentrum als moderne Begegnungs- und Kulturstätte.
Foto: Bernard Gaida

 

„Der Ort müsste auch den Oberschlesiern selbst wieder nähergebracht werden und da wir nahe der tschechischen Grenze sind, könnte es ein Begegnungszentrum sowohl für Polen und Deutsche als auch für Tschechen sein und damit ein wichtiger Ort auf der europäischen Kulturkarte werden“, meinte Jodlinski.

 

Rudolf Urban

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