Es ist eines der traditionsreichsten, bekanntesten und meist fotografierten Bauwerke Allensteins: das Hohe Tor. Besucher der Stadt sollten eine Besichtigung unbedingt auf ihre Liste setzen, findet Rafał Bętkowski, Regionalhistoriker vom Museum der Moderne in Allenstein. Mit ihm sprach Uwe Hahnkamp.

 

Rafał Bętkowski
Foto: Uwe Hahnkamp

 

Herr Bętkowski, wie kommt es dass man das Hohe Tor auch das Obertor nennt?

 

Das Tor entstand bei der Erweiterung der Stadt Allenstein in der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts am nördlichen Ende der Stadt als Oberes Tor – daher Obertor. Hohes Tor, weil es durch seine Lage und seine vier Stockwerke unter den umliegenden Gebäuden hervorragte. Auf vielen Panoramabildern und später Photographien der Stadt ist es markant zu sehen und wiederzuerkennen. Heute ist es das einzige erhaltene Stadttor.

 

Welche Funktionen hatte das Tor im Laufe der Zeit?

Anfangs war es ein normales Tor zur Verteidigung, gut bewacht und über Nacht geschlossen, so dass Reisende nur durch die kleine Pforte direkt daneben kommen konnten. Gegen Ende des 18. Jahrhunderts war der Tagesrhythmus derselbe, angepasst an die in der Stadt lagernden Garnisonen. Das Tor diente zum Erheben von Zöllen und zur Abschreckung von Deserteuren. Gleichzeitig war es Magazin der Garnison. Ab Mitte des 19. Jahrhunderts war es Untersuchungsgefängnis, später Polizeigefängnis. Nach dem Ersten Weltkrieg befanden sich dort Unterkünfte für junge Frauen, Anfang der 30er Jahre war es als „Haus der Jugend“ Sitz der nationalsozialistischen Jugendorganisationen. Als Hotel diente es auch, vor allem nach dem Zweiten Weltkrieg für die Polnische Tourismusorganisation PTTK. Bis heute existiert das Hotel, aber neben dem Hohen Tor im Gebäude der ehemaligen Gefängnisverwaltung. Wichtig war aber, dass das Hohe Tor immer eine Funktion hatte.

 

 

Wieso war das so wichtig?

 

Anlagen der historischen Stadtbefestigung wie das Hohe Tor wurden im 19. Jahrhundert als Hindernis des Fortschritts angesehen. Bedroht waren sie durch geplante Erweiterungen von Städten. In Thorn verschwanden damals zum Beispiel sechs der neun Stadttore. Allenstein verdankt den Erhalt „seines“ Stadttors den Preußen: Dank Friedrich II. und seinen Garnisonen war es Depot, Friedrich Wilhelm IV. ließ es renovieren und machte es zum Gefängnis, und Wilhelm II. setzte sich Anfang des 20. Jahrhunderts persönlich dafür ein. Auch den Zweiten Weltkrieg überstand das Hohe Tor ohne Schaden, es brannte allerdings innen komplett aus.

 

 

Wie sieht die Situation heute aus?

 

Was nicht gelungen ist, ist die Renovierung des Hotels, also der früheren Gefängnisverwaltung. Der Ziegelbau wurde isoliert, verputzt und hell gestrichen, das passt überhaupt nicht zum Hohen Tor. Eine andere Änderung waren die Reinigung und Renovierung des Hohen Tors im Jahr 2003. Plötzlich war die Patina, der in langen Jahren angesammelte Schmutz, nicht mehr da. An den neuen Glanz musste ich mich erst einmal gewöhnen [er lacht]. Doch das war ein sehr positiver Schritt.