Vor 80 Jahren, in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938, gab es im Dritten Reich die Reichspogromnacht, die sich gegen die jüdische Bevölkerung richtete. Aus diesem Anlass sprach auf Einladung der Stiftung „Borussia“ in Allenstein Frau Professor Ruth Leiserowitz vom Deutschen Historischen Institut in Warschau zum Thema „Eingesperrt im Spritzenhaus. Die Reichspogromnacht in Ostpreußen“.

 

Der Vortrag über die Progromnacht fand im Mendelsohnhaus statt.
Foto: Uwe Hahnkamp

 

Frau Professor Leiserowitz beschäftigt sich seit Jahren mit dem Thema „Juden in Ostpreußen“. Aus Dokumenten und Aussagen von Zeitzeugen rekonstruiert sie Geschichten aus dem Alltag der jüdischen Bevölkerung. Das Thema ihres Vortrags stammte aus den Erinnerungen von Leo Direktor, der als Kind in Goldap seinem am 10. November verhafteten Vater Essen ins Gefängnis bringen wollte. „Das konnte aber nicht stimmen, da Goldap damals kein Gefängnis hatte. Die Recherche zeigte dann, dass die jüdischen Männer ins Spritzenhaus gesperrt worden waren“, erklärt Ruth Leiserowitz.

 

Das Spritzenhaus stand auf dem Marktplatz in Goldap, die Maßnahmen gegen die Juden geschahen also unter den Augen aller Bewohner. Außerdem wurden die Verhafteten nach einigen Tagen wieder freigelassen. „Normalerweise verschwanden Häftlinge in Gefängnissen aus dem Blick der Einwohner einer Stadt – und meist für länger“, so Ruth Leiserowitz. Ebenso überrascht ein Bericht über Joseph Cohn, einen Rentner aus Gumbinnen. Er spazierte am 10. November, an dem sich andernorts im Deutschen Reich niemand auf die Straße traute, zum Bahnhof, fuhr mit dem Zug die 40 Kilometer nach Goldap und ließ sich auf der Suche nach seinem Verwandten freiwillig ins Spritzenhaus sperren.

Maßnahmen gegen Juden hingen also auch im unter Gauleiter Erich Koch antisemitischen Ostpreußen von lokalen Personen ab. Zwei Jahre nach der eher sanft für sie verlaufenen Pogromnacht mussten die Juden Goldaps die Stadt verlassen, weil der Bürgermeister als erster eine judenfreie Gemeinde haben wollte. Im damaligen Kreis Schirwindt stellte sich hingegen Landrat von Bredow am 9. November in Wehrmachtsuniform und mit gezogener Pistole vor die Synagoge des Ortes und rettete sie so vor der Zerstörung – ohne spätere dienstliche Konsequenzen für ihn. Menschen wie ihn gab es damals leider zu wenig.

 

Uwe Hahnkamp