Vor vier Jahren ist bei dem Ort Niedrigwasser in einem See bei Garnsee (Gardeja) eine deutsch-hebräisch beschriftete Stele aufgetaucht. Gewidmet ist sie Rosa Mamlock. Heute will ihr Urenkel Michael Mamlock auf dem jüdischen Friedhof der Gemeinde Garnsee eine Gedenkstätte errichten. In das Projekt sollen auch Jugendliche einbezogen werden.

 

Ansicht von Garnsee auf einer Postkarte.
Foto: zu Verfügung gestellt von der Internationalen Medienhilfe e.V.

 

 

Im Sommer 2015 fanden bei der damals herrschenden Dürre Angler an einem See bei Garnsee einen Stein von seltsamer dunkler Farbe. Als sie bei einer ersten Untersuchung unbekannte Schriftzeichen entdeckten, benachrichtigten sie den Geschichtslehrer und Journalisten Ryszard Bartosiak. Der knapp hundert Kilogramm schwere Marmorstein entpuppte sich nach gründlicher Säuberung als Stele zu einem jüdischen Grab. Die Inschrift lautete „Rosa Mamlock, geb. Ilzig, geb. 25. Mai 1850, gest. 15. Oktober 1920“.

 

Blick über den Kaminsee/Jezioro Kamień auf den Hügel des früheren jüdischen Friedhofs und heutigen Sportplatz in Garnsee/Gardeja.
Foto: Uwe Hahnkamp

 

 

Jüdische Geschichte in Garnsee

Seine durch die Stele angestoßenen Recherchen zum Leben der jüdischen Einwohner fasste Ryszard Bartosiak im November 2015 für den „Kurier Kwidzyński“ in seinem Artikel „Das Geheimnis von Rosa Mamlock“ zusammen. Unter anderem erkundete er die Lage des damaligen Friedhofs der jüdischen Gemeinde. Er befand sich auf einem kleinen Hügel in der Nähe des Kamin-Sees nordöstlich des Ortszentrums. Von diesem Hügel gibt es heute nur noch Fragmente, ein Teil davon wurde beim Bau des Sportplatzes Ende der 60er-Jahre eingeebnet, auf dem verbliebenen Teil wurde in den 70er-Jahren ein Begegnungsraum unter anderem für Diskotheken errichtet. Gräber sind dort keine mehr zu finden.
Die Forschungen zum jüdischen Leben in Garnsee wären nur ein Beitrag zur lokalen Geschichte geblieben, hätte nicht die Historikerin Doktor Gabriele Bergner Bartosiaks Artikel zufällig im Internet entdeckt. Sie ist mit Michael Mamlock befreundet und sucht seit vielen Jahren nach Informationen zu jüdischen Familien, die in Garnsee gewohnt haben, und vor allem zur Familie Mamlock. Unter anderem zeigte sich nach Prüfung zugänglicher Dokumente, dass die auf der Stele erwähnte Rosa Mamlock die Urgroßmutter von Michael Mamlock ist. Auf ihren Spuren besichtigten Gabriele Bergner und Michael Mamlock im Sommer 2017 das Gelände des früheren jüdischen Friedhofs in Garnsee und nahmen Kontakt mit der Gemeinde auf. Denn in Kooperation mit den lokalen Behörden soll im Rahmen des Projekts „Gardeja Memorial“ der Mamlock-Stiftung ein Denkmalfriedhof am Ort des ehemaligen Friedhofs entstehen und an die früheren jüdischen Bürger erinnern.

 

Blick über den Kaminsee/Jezioro Kamień auf den Hügel des früheren jüdischen Friedhofs und heutigen Sportplatz in Garnsee/Gardeja.
Foto: Uwe Hahnkamp

 

Projekt für junge Menschen

Das Projekt „Gardeja Memorial“ hat dank der Mamlock-Stiftung im deutschsprachigen Raum bereits ein Echo gefunden. In Polen ist es jedoch auch bei Menschen, die in einem ähnlichen Bereich arbeiten, kaum bekannt. Magdalena Lemańczyk, die Regionalkoordinatorin des Verbandes der deutschen sozial-kulturellen Gesellschaften in Polen (VdG), kennt Garnsee zwar, aber in einem anderen Kontext: „Gemeinsam mit der Gemeinde und Insassen des Gefängnisses in Marienwerder (Kwidzyn) kümmert sich die Deutsche Minderheit in Marienwerder um einen dortigen evangelischen Friedhof. Das zeigt die Offenheit des Gemeindevorstehers für solche Projekte und das ist ganz wichtig bei derartigen Kooperationen.“ Dabei war sie gerade Anfang März mit der Jugendbeauftragten des VdG, Beata Sordon, auf der Suche nach einem Ort für eine Jugendbegegnung in diesem Jahr in Nordpolen und hat gemeinsam mit ihr lokale jüdische Friedhöfe besichtigt. Beata Sordon: „Jugendliche aus Schlesien, aus der deutschen Minderheit vor Ort und einer weiteren Minderheit sollen sich treffen und sich gemeinsam um einen Friedhof kümmern.“ Eine schöne Ergänzung also zu der Initiative der Mamlock-Stiftung, zumal beide Projekte junge Menschen ansprechen.

 

 

Denn bei dem Projekt der Mamlock-Stiftung ist auch ein deutsch-polnischer Dokumentarfilm vorgesehen, außerdem sollen die Gemeinden Garnsee und Marienwerder das Projekt didaktisch begleiten und Material für Schulen erarbeiten. Eine gute Idee, findet Joanna Mieszczyńska aus Allenstein. Sie ist in der Woiwodschaft Ermland-Masuren eine von zwei Botschafterinnen des Warschauer Museums der Geschichte der polnischen Juden POLIN und beschäftigt sich im Alltag viel mit Schulprojekten zur lokalen jüdischen Geschichte in der Region. „Es ist wichtig, diese Geschichte so genau wie möglich zu zeigen“, meint sie, „besonders interessant wird es, wenn die Schüler selber forschen.“

Für Schüler aus Garnsee ist im Mai dieses Jahres eine günstige Gelegenheit dazu. Dann sollen weitere Grabsteine aus den beiden Seen in der Nähe des Friedhofs in Garnsee geborgen und gesichert werden. Damit die aufgetauchte Geschichte für die Zukunft erhalten bleibt.

 

 

Text: Uwe Hahnkamp

Fotos: zur Verfügung gestellt von der Internationalen Medienhilfe e.V.

 

 

Das Projekt „Gardeja Memorial“ wird vom Auswärtigen Amt der Bundesrepublik Deutschland und vom polnischen Ministerium für Kultur befürwortet und unterstützt.
Weitere Informationen gibt es auf der Internetseite der Mamlock-Stiftung www.mamlock-foundation.com.Wenn die Gedenkstätte errichtet ist, können für alle Grabsteine Patenschaften zum Erhalt der Gedenkstätte übernommen werden.

 

• Ansicht von Garnsee auf einer Postkarte

von Uwe Hahnkamp
* 01,02 Blick über den Kaminsee/Jezioro Kamień auf den Hügel des früheren jüdischen Friedhofs und heutigen Sportplatz in Garnsee/Gardeja