Die guten Zeiten für Osteuropa gehen nun zu Ende. Grund ist die sinkende Konsum- und Exportdynamik, mangelnde Arbeitskräfte und Kürzungen bei EU-Fördermitteln, sagen Experten des Instituts für Osteuropäische Geschichte (IOG) in Wien. Noch im vorigen Jahr sei die wirtschaftliche Lage in Osteuropa viel besser mit einem BIP-Wachstum um 4,7 Prozent gegenüber 2,4 in der gesamten EU gewesen, schreibt die Frankfurter Allgemeine Zeitung in Anlehnung an eine Prognose des Wiener IOG. Jetzt aber werde sich dieser Unterschied beim Wachstumstempo verändern, so die FAZ.

 

Fotos: Avij (talk)/Wikipedia

 

 

„Die meisten mittel- und osteuropäischen Länder haben die Spitzenkonjunktur bereits hinter sich”, sagte IOG-Volkswirtschaftler Vasily Astrov der FAZ. Die Ausnahme ist die Slowakei, wo das Wachstumstempo aufgrund der neuen Betriebe der Automarke Jaguar beschleunigen werde, ein besonders starker Rückgang soll hingegen in Rumänien stattfinden. Zu den Ursachen der prognostizierten Wachstumsabschwächung zählen die Wiener Ökonomen die sinkende Dynamik bei privatem Konsum und Exporten sowie den Fachkräftemangel. Zudem wird laut FAZ eine Abhängigmachung der EU-Fördergelder von der Einhaltung der Rechtsstaatlichkeit und der Bereitschaft zur Aufnahme von Flüchtlingen vor allem die Länder der Visegrád-Gruppe treffen.

 

 

23 Prozent weniger!

„Obwohl einige Länder unablässig über ,Brüssel‘ schimpfen, sind ihre Investitionen weitgehend von EU-Mitteln abhängig”, heißt es in der FAZ. Die Artikelverfasser berufen sich dabei auf Berechnungen des Wiener Analysezentrums Erste Group Research, wonach der Bruttoanteil der EU-Mittel an privaten Investitionen in Polen und Rumänien bei elf Prozent liegt. Eine noch größere Rolle spiele das Geld aus Brüssel in der Wirtschaftspolitik der Regierungen: „In Polen und Tschechien werden jeweils bis zu 30 Prozent der staatlichen Investitionen aus der EU finanziert, in Rumänien und der Slowakei erreicht diese Zahl jeweils 50 Prozent und in Ungarn liegt sie noch höher! Leider werden die guten Zeiten mit dem Inkrafttreten des neuen Finanzrahmens 2021-2027 vorbei sein. Statt 146 Milliarden Euro netto wie im vorangegangenen Zeitraum sollen die vier Länder der Visegrád-Gruppe dann nur 112 Milliarden Euro bekommen, also um 23 Prozent weniger Geld!” Diese Kürzungen könnten, so die FAZ, auch den Handel dieser Länder mit Deutschland beeinflussen.

 

 

Milliardenumsätze

Die Handelsumsätze Deutschlands mit Polen, Tschechien, Ungarn und der Slowakei erreichten letztes Jahr fast 280 Milliarden Euro und damit mehr als die mit China als dem größten Einzel-Handelspartner (knapp 190 Milliarden Euro), erinnert die FAZ. Nach Angaben des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK) in Berlin sind innerhalb der Visegrád-Gruppe ca. 14.000 deutsche Unternehmen aktiv, die dort insgesamt rund eine Million Mitarbeiter beschäftigen, und die deutschen Direktinvestitionen beliefen sich im Jahr 2015 auf 95 Milliarden Euro. Die enorme Bedeutung der Visegrád-Gruppe für die deutsche Wirtschaft sei, wie Volker Treier vom DIHK für die Deutsche Welle in Berlin sagte, der breiten Öffentlichkeit nicht bekannt. Daher wolle der DIHK verstärkt über den Handel mit diesen Staaten informieren.

 

 

Johann Engel