Coradia iLint, der weltweit erste Null-Emissions-Zug mit Brennstoffzellenantrieb, eine innovative Produktion der französischen Firma Alstom, hat am 17. September seinen regulären Dienst im deutschen Nahverkehr aufgenommen, und zwar zwischen Bremervörde, Cuxhaven und Buxtehude im Bundesland Niedersachsen sowie Bremerhaven (Land Bremen).

 

Der Coradia iLint
Foto: FelixM/Wikipedia

 

 

Seinem Aussehen nach unterscheidet er sich nicht von anderen Zügen, die von einer Diesel- oder Elektrolokomotive gezogen werden. Der Unterschied verbirgt sich in seinem Antrieb. Es ist nämlich der weltweit erste Null-Emissions-Zug mit einem Brennstoffzellenantrieb, der flüssigen Wasserstoff aus den Tanks auf dem Dach der Lokomotive in elektrische Energie umwandelt, welche die beiden Elektromotoren mit Strom versorgt. Dieser Antrieb stößt nur Wasserdampf in die Atmosphäre aus. Damit gilt er als die sauberste Alternative gegenüber anderen Lösungen im Eisenbahnwesen, das ohnehin als eines der umweltfreundlichsten Transportmittel angesehen wird.

 

Besonders leise Fahrt

Der Zug ist ferner mit zwei großen Akkumulatoren ausgestattet, welche die kinetische Energie aus dem Bremsvorgang wiedergewinnen. Ein zusätzlicher Vorteil des Coradia iLint ist die außerordentlich leise Fahrt: Der Zug bewegt sich fast geräuschlos. Die französische Firma Alstom sieht den emissionsfreien Coradia iLint zudem als eine saubere Alternative zu Schienenbussen und Regionalzügen mit einer Elektrolok. Trotzdem rümpfen Umweltschützer die Nase und kritisieren die Lösung. Das Argument: Reiner Wasserstoff als Treibstoff für die Brennstoffzelle kommt nicht spontan in der Natur vor und man muss ihn aus Wasser mit großem Energieaufwand erzeugen, wobei die Energie ja nicht unbedingt aus erneuerbaren Quellen käme. Als Reaktion auf diesen Vorwurf erklärte Alstom, dass in einer ersten Phase die Coradia- und Lint-Wagensätze den als industrielles Nebenprodukt entstehenden Wasserstoff verbrauchen sollen. Nach Niedersachsen soll dieser mit Gastankwagen aus den nahegelegenen Niederlanden transportiert werden. Später soll der Wasserstoff in einer derzeit im Bau befindlichen Anlage in Bremervörde erzeugt werden. In weiterer Zukunft soll die zur Erzeugung von reinem Wasserstoff benötigte Energie aus Windkraftwerken kommen, teilte der Alstom-Konzern mit.

 

„Perfekte Investition”

Das Hauptproblem mit einer umfassenden Nutzung von Null-Emissions-Zügen sind momentan die zu wenigen Tankstellen, an denen die Tanks mit reinem Wasserstoff befüllt werden können. Im Land Hessen, das ebenfalls ein Inverkehrbringen von Coradia-iLint-Zügen plant, soll eine solche Tankstelle im Industriepark Höchst in der Nähe der größten Stadt dieses Bundeslandes, Frankfurt am Main, entstehen. Der in Niedersachsen eingesetzte Coradia iLint fährt in den Farben des regionalen Verkehrsunternehmens Elbe-Weser GmbH (EVB), im Moment aber sind nur zwei Vorserien-Wagensätze in Betrieb. Ab Ende 2021 soll der französische Alstom-Konzern weitere 14 Wagensätze bereitstellen. Die Bestellung dafür beläuft sich auf rund 81 Millionen Euro. Der niedersächsische Wirtschafts- und Verkehrsminister Bernd Althusmann sieht es als eine „perfekte Investition“. Dass sie tatsächlich in vielfacher Hinsicht perfekt ist, können sogar die größten Gegner der Idee nur schwerlich leugnen. Die anfangs erwähnten zwei Tanks für flüssigen Wasserstoff können insgesamt 180 Kilogramms des Treibstoffs fassen. Ihre Befüllung unter Druck an einer Spezialtankstelle in Minden nimmt nur eine Viertelstunde in Anspruch.

 

140 Kilometer pro Stunde

Ein vollgetankter Coradia iLint kann eine Strecke zwischen 800 und 1000 Kilometern Länge bei einer Höchstgeschwindigkeit von 140 Stundenkilometern zurücklegen. Mittlerweile hat auch Nordrhein-Westfalen und damit der bevölkerungsreichste Teil Deutschlands, der auch am stärksten industrialisiert (mit weitgehend dominierender Schwerindustrie) und verstädtert ist, ein Interesse an solchen emissionsfreien Zügen geäußert. Ebenso übrigens die reichen Bundesländer Baden-Württemberg und Hessen. Und man kann sich sicher sein, dass auch weitere deutsche Länder wie etwa Bayern, Sachsen, Saarland, Brandenburg, Hamburg oder Berlin schrittweise denselben Weg gehen werden. Darüber hinaus ist Alstom inzwischen auch mit anderen europäischen, aber auch nordamerikanischen Staaten im Gespräch. Mal will dorthin Züge in einem Paket mit Wagensätzen, Wartungsdienst und Energieversorgung liefern.

 

Johann Engel