Wochenblatt – Gazeta Niemców w Rzeczypospolitej Polskiej

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Tuesday, May 24, 2022

„Fake News“ von vor einem Jahrhundert

 

Wer glaubt, dass Streiks und „Fake News“ sowie die Medien erst seit kurzem dazu genutzt werden, gesellschaftliche Stimmungen und politische Kämpfe zu formen, der irrt gewaltig. Bereits vor hundert Jahren zeigte Wojciech Korfanty, wie man mit den Medien umgehen und den Lauf der Dinge gestalten kann. Nun aber eins nach dem anderen…

 

Die Umstände für die Durchführung militärischer Aktionen, wie sie seit Monaten vorbereitet wurden, waren nun außerordentlich günstig. Im Plebiszitgebiet gab es keine organisierten und zentral befehligten Selbstschutzeinheiten der Oberschlesier, die den Anschluss des Plebiszitgebiets an Polen nicht wollten. Die britischen Truppen wurden nach Großbritannien gerufen, weil sich die Lage in Irland destabilisiert hatte und die Unabhängigkeitsbestrebungen der Iren unterdrückt werden mussten. Die Kontrolle über das Industriegebiet wurde von den Franzosen übernommen. Diese wiederum begannen – gemäß einem ungeschriebenen Abkommen mit Korfanty –, den östlichen Teil Oberschlesiens zu verlassen. Die Front war damit bereits für militärische Operationen geräumt.

Jahre später schrieb Korfanty in seiner Zeitung „Polonia“, dass die polnische Regierung und insbesondere Jozef Pilsudski einen bewaffneten Angriff auf Oberschlesien nicht billigten.
Foto: Wikipedia

 

Anheizen der Stimmung

Als er die Situation sah und die Kriegsmaschinerie in Bewegung setzen wollte, entschied sich Wojciech Korfanty vor genau 100 Jahren, am 30. April 1921, zum Streik. Bergleute waren immer ein leicht zu manipulierendes Material, wenn man sie im politischen Kampf einsetzen wollte. Ein Streik würde es einfacher und unmerklicher machen, die Streitkräfte zu mobilisieren und einen möglichen Aufstand auszulösen. Um einen Streik zu provozieren und die Stimmung in der Bevölkerung anzuheizen, war es jedoch notwendig, sie irgendwie dazu zu drängen. Nicht ohne Grund hatte Korfanty Zeitungen aufgekauft. In seiner eigenen deutschsprachigen „Oberschlesischen Grenz-Zeitung“ ließ er die Information drucken, dass bereits beschlossen worden sei, Polen nur noch die Verwaltungsbezirke Pless, Rybnik und die östlichen Teile von Kattowitz zuzugestehen. Das war natürlich falsch, denn in Wirklichkeit war das nur einer der Vorschläge, denn die alliierte Kommission wollte erst noch zusammenkommen, um die verschiedenen Vorschläge zu diskutieren und eine Entscheidung zu treffen. Doch die „Fake News“ heizten die Stimmung wirkungsvoll an. Und genau das war der Punkt…
Am 1. Mai 1921 erschien im „Goniec Śląski“ auf Anweisung von Wojciech Korfanty eine völlig erfundene Information, wonach deutsche Industrielle ihre Betriebe zerstören würden, um sie nicht an die Polen zu übergeben. Die Nachricht dürfte natürlich für soziale Empörung gesorgt haben. In dem Artikel wirft Korfanty die Fackel ins Pulverfass mit der Frage: „Wollt ihr der Zerstörung all dessen, was die Grundlage eurer Existenz darstellt, ruhig zusehen? Wollt ihr zulassen, dass eure Kinder und Frauen in Armut und Hunger gestürzt werden?”

 

Korfanty’s Dilemmas

Am selben Tag, dem 1. Mai 1921, überquerte Wojciech Korfanty ungehindert die Grenze und kam nach Sosnowitz. Er wusste, dass es in den folgenden Tagen zu einem Blutvergießen kommen könnte, deshalb brachte er seine Familie nach Posen, damit sie sicher war. In Sosnowitz befand sich die Kommandozentrale, d. h. das Hauptquartier des Plebiszitverteidigungskommandos. In der Zentrale fanden hektische Gespräche mit der polnischen Regierung statt. Jahre später schrieb Korfanty selbst in seiner Zeitung „Polonia“ in der Ausgabe vom 09. Mai 1931 im Artikel „Träume und Ereignisse“, dass die polnische Regierung und insbesondere Jozef Pilsudski einen bewaffneten Angriff auf Oberschlesien nicht billigten. Wahrscheinlich war einer der Hauptgründe die Sorge der polnischen Regierung um ihr Image auf der internationalen Bühne. Schließlich befand sich die wiedergeborene Republik Polen im Krieg mit der Tschechoslowakei um das Teschener Schlesien. Während dieser Kämpfe wurde Cäsar Haller von Hallenburg, der Bruder von General Józef Haller, getötet. Erst im März waren der Krieg mit den Bolschewiken beendet und der Vertrag von Riga geschlossen worden, der die Bestrebungen der Ukraine, einen eigenen Staat zu gründen, begrub. Der Vertrag von Riga löste in Europa große Empörung aus, weil Polen mit dem Abschluss dieses Vertrages faktisch eine Regel der europäischen Länder brach, die Bolschewiken nicht als rechtmäßige Autorität anzuerkennen und mit diesem Vertrag faktisch indirekt die internationale Subjektivität von Rotrussland anerkannte. Erst kurz zuvor war General Lucjan Żeligowski in Litauen einmarschiert und hatte die Region Vilnius besetzt. Eine bewaffnete Besetzung Oberschlesiens würde einen Bruch des Versailler Vertrages bedeuten und Polen wäre das erste Land gewesen, das den Friedensvertrag gebrochen hätte. Unter solchen Umständen wäre Polen zu einem Aggressorstaat geworden.

 

In seiner eigenen deutschsprachigen „Oberschlesischen Grenz-Zeitung“ ließ er die Information drucken, dass bereits beschlossen worden sei, Polen nur noch die Verwaltungsbezirke Pless, Rybnik und die östlichen Teile von Kattowitz zuzugestehen. Das war natürlich falsch.
Foto: Archiv

Maschinerie kommt in Gang

Ernste Befürchtungen hatte auch Premierminister Wincenty Witos, der nach der Sitzung des Ministerrats am 2. Mai anordnete, die Situation zu beruhigen. In seinen Memoiren („Moje wspomnienia“, Bd. 2, Paris 1964, S. 416) schrieb er sogar, dass er Korfanty befohlen hatte, mit den harten Streikaktionen aufzuhören und einen Aufstand zu vermeiden – auch wenn die Fakten dem widersprachen, da die Regierung etwas anderes tat als sie nach außen hin zeigte. Vielleicht ging es Jahre später darum, das Gesicht zu wahren und das Odium eines Aggressors zu entfernen? Es ist schwierig, solche Widersprüche zu beurteilen. Tatsache ist, dass einige Gegner einer bewaffneten Aktion glaubten, dass die beste Demonstration des Polentums ein Generalstreik wäre und keine Notwendigkeit eines Blutvergießens bestünde.

Wojciech Korfanty wusste, dass die Maschinerie bereits angelaufen war. Es wurden jedoch keine wirklichen Schritte unternommen, um die Aggression zu stoppen, was vielleicht beweist, dass Ministerpräsident Witos in seinen Memoiren eher nicht als Aggressor erscheinen wollte und die Regierung es vorzog, Korfanty in der öffentlichen Meinung als Initiator und Diktator erscheinen zu lassen. In einem Gespräch mit Ministerpräsident Witos am 2. Mai 1921 war Wojciech Korfanty offen und ließ per Fernschreiben den Schlüsselsatz senden: „Im Moment bin ich ein Sklave der Vorfälle. In dieser Situation bin ich gezwungen, Verantwortung zu übernehmen… ich bin nicht mehr der Herr der Lage. Der Beschluss der Kommission hat meinen Einfluss und meine Autorität völlig untergraben. Das Wichtigste ist nun, dass keinerlei Schatten auf Polen fällt, diesen Aufruhr zu unterstützen”.

Korfanty selbst spricht in seiner Unterredung mit dem Ministerpräsidenten ganz offen über einen „Aufruhr“. Es ist allerdings bekannt, dass nach außen hin der Eindruck entstehen sollte, dass es sich um einen Aufstand des schlesischen Volkes handelte, der ganz von unten kam und nicht von der polnischen Regierung kontrolliert wurde. Tatsache war jedoch, dass die Vorbereitungen für eine militärische Aktion monatelang gedauert hatten und vom Generalstab der polnischen Armee kontrolliert und koordiniert worden waren. Im Stab gab es nun einmal viele „Falken“. General Stanisław Szeptycki, Chef der Heeresinspektion Nr. IV in Krakau, dem formal die Leitung des Plebiszitverteidigungskommandos unterstellt war, war sogar bereit, direkt in Oberschlesien einzumarschieren und einen weiteren Krieg zu riskieren, doch die Diplomaten hielten ihn davon ab, worüber er selbst offen schrieb (Szeptyckis Brief vom 28. Februar 1923 an die Dritte Abteilung des Generalstabs in Warschau mit dem Titel „Geschichte meiner Position zum 3. oberschlesischen Aufstand“, veröffentlicht in: „Przegląd Zachodni“ 1971, Nr. 2, S. 163).

Am 2. Mai 1921 kamen alle Fabriken in Oberschlesien zum Stillstand. Der Generalstreik war eine Mobilisierung für einen bewaffneten Kampf…

Waldemar Gielzok
Vorstandsvorsitzender der Deutschen Bildungsgesellschaft und Erforscher der schlesischen Geschichte

 

Z okazji 100-lecia plebiscytu na Górnym Śląsku i wybuchu tzw. III powstania śląskiego w najbliższych numerach znajdą Państwo wybrane artykuły poświęcone tej tematyce autorstwa Waldemara Gielzoka. Wszystkie teksty zostały wcześniej opublikowane w języku polskim na profilu facebookowym autora.

Im Zusammenhang mit dem 100. Jahrestag des Plebiszits in Oberschlesien und des Ausbruchs des sog. III. Schlesischen Aufstandes werden wir zu diesen Themen in den kommenden Ausgaben von Waldemar Gielzok verfasste Artikel veröffentlichen. Die Texte erschienen zuvor in polnischer Sprache auf dem Facebook-Profil des Autors.

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