Mit einer Gedenkstunde hat in Berlin die Bundesregierung am 20. Juni 2018 den Gedenktag für die Opfer von Flucht und Vertreibung begangen. Bundeskanzlerin Merkel betonte in ihrer Ansprache, dass Flucht sowohl zur deutschen Geschichte als auch zu Gegenwart gehöre und sie unterstrich die Wichtigkeit der deutschen Minderheiten in für die Erinnerungskultur.

 

An der Podsiumsdiskussion im Bundesinnenministerium nahm als Zeitzeugin Renate Zajączkowska (2. v.l.), Vorsitzende der DSKG Breslau, teil. Foto: Bernard Gaida/facebook.com

 

Seit Langem kritisiert Innenminister Horst Seehofer Bundeskanzlerin Angela Merkel für ihre Asyl- und Flüchtlingspolitik. Mitte Juni eskalierte der Streit zwischen den Unionsparteien um die Zurückweisung von Migranten an der deutschen Grenze. Seehofer will sie im nationalen Alleingang abweisen, Kanzlerin Merkel eine europäische Lösung. Zugleich warnte er Merkel davor, ihn wegen eines möglichen Alleingangs zu entlassen. Das gab Anlass für Spekulationen, ob der Innenminister und die Kanzlerin wie geplant an den Feierlichkeiten zu dem Gedenktag für die Opfer von Flucht und Vertreibung in Berlin gemeinsam teilnehmen würden.

Sie taten es.

 

Nicht gleichzusetzen: Flucht damals und heute

„Flucht und Vertreibung gehören zu unserer deutschen und europäischen Geschichte. Wir wollen die Erfahrungen der Geflüchteten, der Vertriebenen und der deutschen Minderheiten hören, ihre Kultur und ihre Erinnerung pflegen. Wir wollen daraus lernen. Denn Flucht mit all ihren Facetten und Folgen gehört auch zur deutschen und europäischen Gegenwart“, sagte die Bundeskanzlerin in ihrer Rede, wobei sie unterstrich, dass man die heutige Flucht aus Syrien oder Afghanistan aus vielerlei Gründen nicht mit der damaligen Vertreibung, etwa aus Ostpreußen oder Schlesien, gleichsetzen könne. „Aber die Fluchterlebnisse, der Heimatverlust, die Gefahren und Angstgefühle, sie ähneln sich“, so die Kanzlerin. Sie halte den Gedenktag für die Opfer von Flucht und Vertreibung deshalb für wichtig, um neues Leid durch Leugnung, Verdrängung und Nichtbeachtung zu verhindern. Die Stimmen der deutschen Heimatvertriebenen der Kriegs- und Nachkriegszeit und der Menschen, die heute auf der Flucht sind, sollen an diesem Tag gleichermaßen gehört werden, so die Kanzlerin.

 

Beim Gedenktag für die Opfer von Flucht und Vertreibung waren auch Bundeskazlerin Angela Merkel und Bundesinnenminister Horst Seehofer dabei. Quelle: Phoenix

 

 

Minderheiten verbinden Europa

„Für uns steht der Gedanke von Versöhnung, Verständigung und Verstehen im Mittelpunkt“, unterstrich die Kanzlerin und schlug damit eine Brücke zu den deutschen Minderheiten. „Indem wir die vor Ort lebenden deutschen Minderheiten unterstützen, schärfen wir zugleich den Blick dafür, wie viel uns in Europa miteinander verbindet.“ Das freute besonders den Vorsitzenden des Dachverbandes der deutschen Minderheit in Polen, Bernard Gaida, der zu diesem Anlass nach Berlin gereist war. „So ein Bekenntnis ist eine große Unterstützung für uns, denn so werden wir nach außen sichtbar.“
Vor den eigentlichen Gedenkfeierlichkeiten im Schlüterhof des Deutschen Historischen Museums in Berlin hat es eine Podiumsdiskussion im Bundesinnenministerium gegeben. Eine besondere Rolle kam der Vorsitzenden der deutschen Minderheit in Breslau Renate Zajączkowska zu, die als Zeitzeugin aus ihrem Leben erzählt hatte.

Berichte wie von Renate Zajaczkowska werden in der geschichtlichen Aufarbeitung immer wichtiger, besonders in Hinsicht darauf, dass es die Erlebnisgeneration bald nicht mehr geben wird. Aus diesem Grund sind auch die Mitarbeiter des Hauses der Deutsch-Polnischen Zusammenarbeit zu dem Gedenktag nach Berlin gereist und nahmen einige Alumni des Projektes “Archiv der erzählten Geschichte” mit, einer Initiative, die gerade die Erlebnisse der ältesten Generation für die Nachwelt erhalten soll.

Der Gedenktag für die Opfer von Flucht und Vertreibung wird in Deutschland seit dem Jahr 2015 jährlich am 20. Juni zeitgleich mit dem Weltflüchtlingstag der Vereinten Nationen begangen. An dem Tag wird der weltweiten Opfer von Flucht und Vertreibung und insbesondere der deutschen Vertriebenen gedacht.

 

Marie Baumgarten