Das Leben von vier bemerkenswerten Persönlichkeiten aus Katscher zeigt, wie in jüngster Vergangenheit Christen in großer Not Haltung und die Menschenliebe bewahrten. Nach Arnold Hitzer, dessen Leben in der vorhergehenden Ausgabe dargestellt wurde, stellen wir als zweiten Albrecht Schönherr, einen evangelischen Theologen, vor.

 

 

Albrecht Schönherr Foto: politische-bildung-brandenburg.de

 

 

 

Albrecht Schönherr war ein deutscher evangelischer Theologe und wurde am 11. September 1911 in Katscher als Sohn eines Katasterbeamten geboren. Eigentlich stammte die Familie aus dem Erzgebirge. Im Jahre 1917 erfolgte ein Umzug von Katscher nach Neuruppin (Land Brandenburg), wo Verwandtschaft wohnte. Nach dem Tod des Vaters im Ersten Weltkrieg wuchs er hier als Einzelkind bei der Mutter unter den strengen Augen der Verwandtschaft (fünf „Lehrerin-Tanten“ und drei „Lehrer-Onkels“) auf und natürlich war er ein guter Schüler, der sogar einmal eine Klasse übersprang und mit 17 Jahren bereits das Abitur schaffte. Sein Theologie-Studium absolvierte er in Tübingen und Berlin, legte 1933 sein Erstes Examen ab und erhielt eine Anstellung als Vikar in Potsdam.

 

 

Der Bekennenden Kirche trat er 1934 bei und entscheidend für seine konsequent gelebte, christliche Geisteshaltung wurden die Begegnungen mit Dietrich Bonhoeffer (1906-1945), u.a. bei Predigerseminaren. Der Bekennenden Kirche waren alle selbständigen Amtshandlungen untersagt, trotzdem legte Schönherr vor deren Prüfungsausschuss 1936 die Zweite Theologische Prüfung ab und wurde 1936 in Berlin durch den bereits suspendierten Generalsuperintendenten der Kurmark Otto Dibelius (1880-1967) ordiniert. Dies wurde von der evangelischen Kirchenleitung als illegaler Akt angesehen und er verlor seine Anstellung als Studentenseelsorger an der Universität Greifswald. Nur mühsam kam er auf einer Pfarrstelle in der ländlich-entlegenen Kleinstadt Brüssow, im nördlichsten Winkel der Uckermark unter. Nach dem Kriegsdienst in der Wehrmacht kehrte er 1946 verwundet aus amerikanischer Gefangenschaft zurück und war ab 1946 zunächst Domdechant und Superintendent am Brandenburger Dom. Danach übernahm er als Generalsuperintendent den Amtsbezirk Eberswalde.

 

 

Der Kirche den Spielraum zu verschaffen

 

Als Verwalter des Bischofsamtes im Ostteil Berlins und in Brandenburg gelang es ihm, die kirchliche Einheit mit Westberlin im geteilten Land vorerst zu wahren, jedoch die Spannungen nahmen zu. Ein Ausweg bot sich über den Bund der Evangelischen Kirchen in der DDR an, als deren Vorsitzender er 1969 gewählt wurde. Diese organisatorische Trennung schaffte die Voraussetzungen für die Verhandlungen 1978 mit der SED-Führung unter Honecker, um der Kirche den Spielraum zu verschaffen, den sie benötigte. Verhandlungsdoktrin war: Mehr kirchliche Autonomie gegen Konfrontationsverzicht. Von 1972 bis1981 war er der Bischof für den Ostteil von Berlin und Brandenburg, ehe er aus Altergründen in den Ruhestand wechselte.

 

 

Heute ist seine Zusammenarbeit mit der Staatsführung und der Staatssicherheit in der DDR manchmal umstritten und besonders von Leuten, die selbst keine Repressalien im Kommunismus erdulden mussten. Schönherr handelte in diesen Zeiten nur so, wie das die Mitglieder der Bekennenden Kirche in der Nazi-Zeit taten: Keinen politischen Kampf führen, sondern um weitgehende, uneingeschränkte Glaubensfreiheit ringen! Er suchte in der Opposition nach Freiräumen für kirchliche Arbeit und wollte mit seiner Kirche für die Menschen da sein. Das war keine ideologische Anpassung und er selbst sagte zu diesem Thema: „Wir sind dort gefragt, wo wir sind, das kann man sich nicht aussuchen. Die Kirche sollte sich weder auf sich selbst noch einen Feind fixieren.“ Diese Haltung war gewaltlos, verlangte jedoch sich gegebenenfalls einzumischen. Der Gebrauch des Wortes Feind verdeutlicht den Standpunkt und, dass dazu auch Mut erforderlich war!

 

 

Der Funke der Revolution

 

Schönherr und seine Mitstreiter waren sich bewusst, dass sie permanent ausgespäht und überwacht wurden und man nach Anlässen suchte, sie zu verurteilen. Nicht alles konnte erreicht werden, aber letztlich haben die ausgehandelten Möglichkeiten doch Voraussetzungen für die friedliche Revolution 1989 in der DDR geschaffen. Deren Ausgangspunkt, die Nikolaikirche in Leipzig, war schon Jahre vorher ein Treffpunkt und geistiges Zentrum der oppositionellen Bewegungen. Die Kirche konnte hier den Menschen Schutz und Freiräume bieten, bis schließlich der Funke der Revolution auf das Volk übersprang.

 

Albrecht Schönherr ist am 9. März 2009 in Potsdam verstorben und bleibt bei vielen Christen unvergessen.

 

 

Helmut Steinhoff