In der Geschichte Schlesiens war es seit jeher so, dass die deutsche und polnische Sprache aufeinandertrafen und viele Menschen sogar beide Sprachen gleich gut beherrschten. In dieser Tradition wollen die Organisationen der Deutschen Minderheit in Polen die Zweisprachigkeit in der Region wieder stärken.

 

 

Karolina Trela unterrichtet deutsch im Kindergarten Leschnitz. Motivierte LehrerInnen wie sie sind für eine gelingende Zweisprachigkeit entscheidend. Foto: privat

 

 

Karolina Trela unterrichtet Deutsch in einem Kindergarten in Leschnitz (Lesnice) – vier Stunden in der Woche für Kinder zwischen zwei und sieben Jahren. Damit die Kleinsten nicht überfordert werden, umfasst eine Unterrichtsstunde zwei Mal 15 Minuten, für die Größeren 30 Minuten am Stück. So die Vorgaben. Doch für Karolina Trela ist es wichtig, auch in den vielen Pausen nicht ins Polnische zu wechseln. „Das wäre unnatürlich“, sagt sie. Einige Kinder beherrschen die deutsche Sprache bereits, doch viele sprechen gar kein deutsch. Es gilt, die unterschiedlichen Sprachniveaus auszugleichen. Karolina Trela nimmt es gelassen. „Ich spreche die ganze Zeit deutsch mit ihnen, nur wenn sie etwas nicht verstehen, erkläre ich es noch einmal auf Polnisch. Das nehmen die Kinder sehr gut an.“

 

 

Karolina Trela ist selbst zweisprachig aufgewachsen und empfindet es als große Bereicherung, in beiden Sprachen zu Hause zu sein. Deshalb möchte sie die deutsche Sprache auch an ihren Sohn Filip weitergeben. „Den Filip erziehen wir nach der Methode  „eine Person – eine Sprache“. Ich spreche deutsch mit ihm, die anderen sprechen mit ihm in schlesischer Mundart oder auf Polnisch. Er übersetzt jetzt einfach alles – er spricht beispielsweise zuerst mit dem Papa was auf Schlesisch, dreht sich dann  zu mir um und übersetzt mir das, weil er denkt, dass ich das nicht verstehe – das ist aber der Sinn der Sache.“

 

 

 

Eltern zufrieden

Der Kindergarten in Leschnitz, in dem sie arbeitet, ist zwar von der Definition her kein zweisprachiger Kindergarten, doch die Kinder behutsam in eine Zweisprachigkeit hinzubegleiten, so wie Karolina Trela es mit ihrem Filip lebt, ist das Konzept. Dabei wird die Einrichtung vom Haus der Deutsch-Polnischen Zusammenarbeit (HDPZ) aus Oppeln und Gleiwitz unterstützt. Denn auch das HDPZ hat sich zum Ziel gesetzt, die Zweisprachigkeit in Schlesien zu stärken, unter anderem durch das Projekt „Bilingua – Einfach mit Deutsch“. Der Leschnitzer Kindergarten ist seit drei Jahren in dieses Projekt eingebunden und profitiert so von Fortbildungen und neuen Lehrmaterialien. „Wir können stolz darauf sein“, freut sich Karolina Trela und sagt, dass sie auch von den Eltern immer wieder positive Rückmeldungen erhalte. „Erst seitdem Sie da sind, spricht mein Kind wieder deutsch“, habe ein Elternpaar berichtet, dessen Kind nach dem Umzug von Deutschland nach Schlesien so eingeschüchtert gewesen sei, dass es nur noch polnisch sprechen wollte.

 

 

 

Dachverband organisiert Workshop

Solche Erfolgsgeschichten sind auch ein positives Signal für das HDPZ. Mit gut geschulten und vor allem motivierten Lehrern wie Karolina Trela lässt sich im Bereich Zweisprachigkeit viel erreichen.

Das sieht auch der Dachverband der deutschen Minderheit (VdG) in Oppeln so – er  hat deshalb gemeinsam mit dem Institut für Auslandsbeziehungen (ifa) am 21. August einen Workshop zum Thema frühkindliche Zweisprachigkeit organisiert und hier die Organisationen, Vereine und Verbände der deutschen Minderheit sowie Akteure aus der Bundesrepublik zusammengebracht. „Wir stellten bei dem Workshop unter anderem fest, dass es  eine Menge von Institutionen und Organisationen gibt, die sowohl Fortbildungsangebote, Stipendien, Lehrmaterialien und Projekte für Deutschlehrer anbieten. Diese werden auch von vielen Lehrern wahrgenommen, aber wir haben die Befürchtung, dass sie nicht an alle Lehrer und nicht in allen Gebieten gleichermaßen gelangen, wo man sie wirklich gebrauchen könnte“, erklärt der Bildungsbeauftragte des Dachverbandes VdG Ryszard Karolkiewicz und sagt weiter: „Unsere weiteren Maßnahmen sollen sich also darauf konzentrieren, erst mal den tatsächlichen Bedarf unter den Lehrern zu ermitteln und dann die bestehenden Fortbildungen, verfügbare Ressourcen und geplante Projekte an die richtigen Zielgruppen heranzuführen. Für eine qualitativ gute sprachliche Betreuung braucht man im Kindergarten – wohlgemerkt vor allem im Kindergarten! – die besten Lehrer, die die deutsche Sprache sehr gut beherrschen und dabei auch wissen, wie man sie an die Kinder effektiv vermittelt.“

 

 

Von der Stadt unterstützt

 

Doch das allein reiche nicht aus, findet man bei der Deutsche Bildungsgesellschaft aus Oppeln (DBG), die die deutsche Sprache in Schlesien durch Fortbildungsangebote für Lehrer stärken will: „Zweisprachigkeit braucht aber auch eine überlegte und zielgerechte Bildungspolitik seitens der Selbstverwaltung.“

 

Leschnitz hat Glück. In der Stadt leben viele Deutsche, unter ihnen auch der Bürgermeister, und so kommt es, dass Deutschlehrer für den Kindergarten vom Rathaus bezuschusst werden. „Der Zuschuss macht es mir möglich, meinen Deutschunterricht viel besser zu gestalten“, sagt Karolina Trela. So konnte sie die Zeit aufbringen, ein eigenes Lehrbuch zu erstellen. Es steht als PDF im Internet zur Verfügung und werde auch von anderen Deutschlehrern genutzt, berichtet Karolina Trela. Und hier sieht sie das Problem: Denn obwohl es viel Lehrmaterial für Deutsch gebe, fehlen Materialien gerade für Kleinkinder. „Es gibt bereits Lernprogramme wie „Hans Hase“ oder „Deutsch mit Socke“ vom Goethe-Institut, aber sie sind nie so wirklich für Kinder im Kindergarten geeignet. Die meisten fangen ja von Null an, und manches was drinnen steht, ist den Kleinsten einfach nicht so leicht zu vermitteln, sie merken sich das einfach nicht“, sagt Karolina Trela, die in ihrer Arbeit mit den Kindern viel auf Lernen durch bewegen und singen setzt. „Ich will für meine Kinder nur das Beste“, sagt sie.

 

Marie Baumgarten

 

 

Wie Kinder von der Grenzregion profitieren

Die Sächsische Landesstelle für frühe nachbarsprachige Bildung (LaNa) ist eine Einrichtung, die im Auftrag des Sächsischen Staatsministeriums für Kultus tätig ist und sich für die frühzeitige Heranführung der Kinder in den sächsischen Grenzregionen an Sprache und Kultur der Nachbarländer Polen und Tschechien, beginnend in den Kitas, engagiert. Mit der Leiterin Regina Gellrich sprach Marie Baumgarten

 

Regina Gellrich. Foto: privat

 

 

Frau Gellrich, auf der Internetseite www.nachbarsprachen-sachsen.eu kann man lesen: „Die sächsischen Grenzregionen zu den europäischen Nachbarländern Polen und Tschechien sind besondere Lernorte. Hier erleben Kinder von klein auf die Nachbarsprachen Polnisch bzw. Tschechisch im Alltag. Sie können sich hier die Sprache und Kultur ihrer Nachbarn in der unmittelbaren Begegnung und in der Interaktion mit Muttersprachler/innen erschließen.“ Wie genau sieht die Interaktion mit Muttersprachler/innen aus? Welche Rolle spielt dabei die Sächsische Landesstelle für frühe nachbarsprachige Bildung?

Die Nachbarsprachen Polnisch bzw. Tschechisch sind inzwischen im Alltag in den sächsischen Grenzregionen angekommen. Unsere polnischen bzw. tschechischen Nachbarn kommen zu uns einkaufen, nutzen touristische und kulturelle Angebote, sie arbeiten hier, z. T. wohnen sie inzwischen auch mit ihren Familien bei uns. Und umgekehrt reisen wir Deutschen ins Nachbarland. Die Kinder hören und sehen damit an den verschiedensten Orten die Nachbarsprachen, lernen Muttersprachler kennen, vergleichen Erlebtes mit dem zu Hause, erfahren (interkulturelle) Gemeinsamkeiten und Unterschiede. Und in den Kitas und Schulen gibt es zunehmend auch Kinder mit polnischer oder tschechischer Muttersprache, mit denen sie gemeinsam spielen und lernen. Auch polnische oder tschechische Pädagogen arbeiten bereits in einzelnen sächsischen Kitas und betreuen die Kinder. Das alles ist ein riesiges Potenzial für eine mehrsprachige Erziehung aller Kinder in den Grenzregionen. Unser Ziel als Landesstelle ist es, dieses Potenzial zu heben, es sichtbar zu machen und die Eltern und Kita-Pädagogen dafür zu begeistern und zu befähigen, es in ihrer alltäglichen Bildungsarbeit für die Kinder zu nutzen.

 

 

Sind mit den Grenzregionen nur die Städte gemeint, die direkt an der Grenze liegen? Was ist mit Rest-Sachsen? In Leipzig, wo es beispielsweise eine Filiale des Polnischen Instituts gibt, ein Poniatowski-Restaurant und eine Slawistik, gibt es kein Angebot für nachbarsprachige Bildung. Gibt es keinen Bedarf oder hat das andere Gründe?

In der Tat fokussieren wir unsere Aktivitäten bewusst auf die sechs sächsischen Grenzlandkreise (Landkreis Görlitz, Bautzen, Sächsische Schweiz-Osterzgebirge, Mittelsachsen, Erzgebirgskreis, Vogtlandkreis) bzw. die vier Euroregionen mit sächsischer Beteiligung (Euroregionen Neisse-Nisa-Nysa, Elbe/Labe, Erzgebirge, Egrensis). Es geht darum, dass sich die Kinder von klein auf ihr Lebensumfeld in der Grenzregion mit den sprachlichen und (inter-)kulturellen Besonderheiten erschließen. Das bietet beste Voraussetzungen, von Klein auf Offenheit gegenüber anderen Kulturen und Sprachen zu fördern. Hieraus ergeben sich auch spezifische Methoden der nachbarsprachigen Bildung – z.B. die grenzüberschreitende Zusammenarbeit von deutschen und polnischen bzw. tschechischen Kitas oder der grenzüberschreitende Fachkräfteaustausch – die bei weiterer Entfernung von der Grenze, wie z. B. von Leipzig aus, nicht ohne weiteres umsetzbar sind.

 

 

Wie genau unterstützen Sie die Kitas?

Wir fungieren als Schnittstelle zur sachsenweiten Vernetzung aller für die Thematik der frühen nachbarsprachigen Bildung relevanten Akteure aus Wissenschaft, Praxis, Politik und Verwaltung. Wir führen ihre unterschiedlichen Kompetenzen und Ressourcen zusammen und entwickeln gemeinsam mit ihnen Instrumente für die Qualifizierung der Bildungsarbeit vor Ort in den Kitas. So haben wir z. B. eine Informationsplattform www.nachbarsprachen-sachsen.eu bereit eingestellt, auf der wir für Eltern, Kita-Pädagogen und weitere Akteure alle uns verfügbaren Informationen zum Thema frühe nachbarsprachige Bildung zur Verfügung stellen. Das geht von methodischen Anregungen über Finanzierungsfragen bis hin zu einem umfangreichen Materialpool mit Spiel- und Lernmaterialien.

Und wir unterstützen die Kitas in Kooperation mit anderen Einrichtungen, wie dem Deutsch-polnischen Jugendwerk oder dem Deutsch-Tschechischen Koordinierungszentrum Tandem, bei der Finanzierung grenzüberschreitender Kita-Aktivitäten.

 

 

Wie viel zweisprachige Kitas gibt es in Sachsen?

Aktuell gibt es in den sechs sächsischen Grenzlandkreisen 64 Kitas, die ein Angebot zur Sprach- und Kulturvermittlung bzgl. Polnisch oder Tschechisch unterbreiten und/oder eine Partnerschaft zu einer Kita im Nachbarland pflegen.

 

Sie haben am 21. August an dem Workshop „Frühkindliche Bilingualität“ in Oppeln teilgenommen. Sind die Herausforderungen und Probleme bei der frühkindlichen Zweisprachigkeit in Kindergärten in Sachsen andere als in Schlesien?

Ich habe den Eindruck gewonnen, dass es viele Parallelen in den Themen gibt, die die am Workshop teilnehmenden Akteure der deutschen Minderheit in Polen und uns in den sächsischen Grenzregionen im Kontext der zweisprachigen Erziehung von klein auf bewegen. Dazu gehört z. B. die Frage, wie wir den Eltern, Pädagogen und der breiten Öffentlichkeit am  wirkungsvollsten den großen Wert, den eine zweisprachige Erziehung für die Kinder hat, vermitteln können. Oder welche Instrumente am geeignetsten sind, um das ja schon vielfältig vorhandene Wissen und die Erfahrungen aus vielen guten Projekten bündeln und allgemein zur Verfügung stellen zu können, damit nicht jeder wieder das berühmte Fahrrad neu erfinden muss. Hierzu haben wir in der LaNa in den zurückliegenden Jahren bereits einige Maßnahmen erfolgreich umgesetzt – so z. B. unsere Informationsplattform www.nachbarsprachen-sachsen.eu, unseren Nachbarsprachkoffer oder unsere Materialbibliothek. Diese habe ich beim Workshop vorgestellt und sie trafen auf großes Interesse. Ich denke, dass wir auch in Zukunft voneinander und miteinander lernen können.

 

 

Haben Sie selbst eine zweisprachige Erziehung genossen oder erziehen zweisprachig? Welche Erfahrungen haben Sie damit gemacht?

Ich selbst bin leider nicht zweisprachig aufgewachsen. Aber ich bin in Zittau im Dreiländereck groß geworden und meine Eltern sind mit uns Kindern oft, soweit dies damals möglich war, in unsere Nachbarländer gefahren und haben uns die Schönheiten unserer Dreiländerregion näher gebracht und uns zu Offenheit und Achtung vor der anderen Sprache und Kultur erzogen. Dies habe ich an meine Töchter weitergegeben:

Als Elterninitiative haben wir bereits 1998 eine Kita-Partnerschaft zu einer Kita im benachbarten Hradek n. N. (Grottau) in Tschechien aufgebaut und unsere Kinder einmal pro Woche in die Partner-Kita gebracht, während umgekehrt tschechische Kinder in der Zittauer Kita betreut wurden. Dazu gab es spielerische Nachbarsprachlernangebote und auch gemeinsame Ausfahrten und Feste beider Kitas. Dieser frühe und unmittelbare Kontakt mit der tschechischen Sprache hat bei meiner Tochter vor allem dazu geführt, dass sie nicht nur ein Sprachgefühl entwickelt hat, sondern vor allem auch immer wieder eine recht gute tschechische Aussprache bescheinigt bekommt. Inzwischen hat meine Tochter im bilingual-binationalen deutsch-tschechischen Bildungsgang am Friedrich-Schiller-Gymnasium Pirna sowohl das deutsche als auch das tschechische Abitur abgelegt. Und die ältere Tochter hat ihr Auslandssemester in Krakow absolviert und spricht sehr gut Polnisch.

 

 

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