Teilnehmer der Minderheitenwallfahrt auf dem St. Annaberg 2018
Foto: R.Urban

Mehr als zweitausend Gläubige aus Oberschlesien, anderen Regionen des Landes und dem Ausland kamen am vergangenen Sonntag zum St. Annaberg, um dort gemeinsam mit dem Bamberger Erzbischof Ludwig Schick die Minderheitenwallfahrt zu feiern.

 

 

Im Vorfeld der Wallfahrt war hinter vorgehaltener Hand die Sorge zu hören, dass sie wohl nicht mehr so gut besucht werden würde und es auch als Zeichen des Wandels in der deutschen Minderheit zu sehen sei. Ihre Mitglieder sind es nämlich – neben den Roma, die in diesem Jahr wegen einer Trauer nicht zu Wallfahrt gekommen waren, und Vertretern schlesischer Bewegungen – die den Großteil der Pilger am St. Annaberg ausmachen. Die Sorge schien allerdings unberechtigt und in der Lourdes-Grotte versammelten sich mehr als zwei Tausend Menschen.

 

Vor dem Beginn des Hochamtes kamen sowohl die Vertreter der Minderheit, als auch der Kirche und der deutschen Regierung zusammen.
Foto: R.Urban

 

Von nah und fern

Die einen hatten nur eine kurze Anfahrt, denn sie leben quasi am Fuß des Annabergs, wie Krystian Polanski, Chef des DFK in Gogolin. “Ich komme von Anfang an zu den Minderheitenwallfahrten, denn es ist für uns wichtig, dass wir unsere Traditionen Pflegen und sie an die folgenden Generationen weitergeben”, sagt er und Maria Koschny aus dem DFK in Kupp bei Oppeln fügt hinzu: “Es ist ein Ort, der unsere schlesische Kultur ausmacht. Es ist doch unsere Großmutter Anna, zu der man pilgern muss, denn dieser Berg ist das Herz unserer Erde”.

 

Andere nahmen einen viel weiteren Weg auf sich, um in ihrer alten Heimat mit der deutschen Minderheit zu feiern. So ist es seit einigen Jahren mit der Münchner Kreisgruppe der Landsmannschaft der Oberschlesier, deren Vertreter mit einer Fahne und in Tracht gekleidet immer für Aufsehen sorgen. “Damit wollen wir uns aber keineswegs in den Vordergund stellen. Uns ist es wichtig hier an diesem Berg, zu dem wir über viele Jahre gepilgert sind, nun gemeinsam mit allen Minderheiten für eine friedliche Zukunft zu beten”, sagt Norbert Gröner von der LdO München.

 

Einheit in Vielfalt

 

 

In diesem Jahr feierten die Pilger ihre Wallfahrt unter besonderer Leitung, denn nicht nur der Oppelner Bischof Andrzej Czaja zelebrierte traditionell den Festgottesdienst, sondern auch der Bamberger Erzbischof Ludwig Schick, der auch die Predigt hielt. Und im Sinne des Mottos der Wallfahrt – ” Die Gnade der Gemeinschaft sei mit euch allen” – sagte er zu den Versammelten: “Wir wollen alle in einer Einheit leben und vergessen gleichzeitig unsere Herkunft. Das ist aber unser Reichtum, den wir behalten sollten. Gebt euch nicht auf, lasst eure Kultur leben und gebt sie an eure Kinder und die nachfolgenden Generationen weiter”. Für Erzbischof Schick ist die Einheit nur durch Vielfalt erst vollkommen. “Gott achtet die Vielfalt der Menschen, der Ethnien, der Kulturen und Sprachen, er hat sie geschaffen. Und warum? Nicht damit die Welt ein Einheitsbrei ist, sondern eine bunte Vielfalt in Einheit”.

 

In seiner Predigt appelierte Erzbischof Schick aber auch, nicht nur die in einem Land angestammten Minderheiten zu achten, sondern auch Menschen, die sich nur zeitweise an einem Ort aufhalten. “Viele Polen arbeiten in Deutschland und anderen Ländern, auch Deutsche kommen nach Polen zur Arbeit. Wir sind eine immer vielfältigere globale Welt, in der es immer mehr Minderheiten und Mehrheit nebeneinander gibt. Wir müssen das erkennen und einander achten und lieben” sagte Erzbischof Schick, der in seiner Predigt auch vor politischen Themen nicht zurückschreckte. Dabei betonte er vor allem die Gefahr des Populismus, der nicht nur in Polen oder Deutschland sondern generell in der Welt auf dem Vormarsch ist, und von dem man sich nicht aufhetzen lassen solle.

 

Unterstützung für die Minderheit

 

 

Auf die Situation in der Politik kam zum Ende des Gottesdienstes auch der deutsche Botschaften in Warschau Rolf Nikel zu sprechen: Die Welt um uns ist unter Feuer. Lassen sie uns deshalb das Europa weiter bauen, damit wir handlungsfähig bleiben und unseren Platz in der Welt verteidigen”. Botschafter Nikel unterstrich aber auch im Hinblick auf die deutsch-polnischen Beziehungen, dass diese trotz Schwierigkeiten mithilfe des 1991 unterzeichneten Nachbarschaftsvertrages Realität geworden sind und beide Gesellschaften gemeinsam diesen Weg weiter gehen sollten. Gleichzeitig könne sich die deutsche Minderheit in Polen der weiteren Unterstützung seitens der Bundesregierung sicher sein.

 

Und diese scheint nötiger denn je, obwohl zur Bewahrung der eigenen Identität vor allem die Mitglieder der deutschen Minderheit selbst aufgefordert sind. An sie appelierte deshalb auch Bernard Gaida, Vorsitzender des Verbandes deutscher Gesellschaften, in seiner Ansprache in der Grotte: “Wir beten hier für unsere Volksgruppe um die Stärke, die auch aushalten lässt in schwierigen Momenten. Mit dieser Stärke bleiben wir wach für das, was neben uns geschieht, wir schauen nicht weg und machen den Mund auf, wenn es darauf ankommt. Gelegenheiten dazu gibt es genug. Denn natürlich kann man weghören, wenn die ohnehin wenigen Stunden Deutschunterricht noch begrenzt sein sollen. Geht aber auch anders. Natürlich kann man mitlachen, wenn Witze auf Kosten von Minderheiten gemacht werden. Geht aber auch anders. Dort, wo Menschen stark sind durch Empfindsamkeit, wo sie ihr Rückgrat spüren und sich nicht verbiegen lassen, wo sie den Mund aufmachen, wenn‘s drauf ankommt: Da wirkt Gott. Da ist sein Geist“. (die ganze Ansprache finden Sie auch HIER)

 

Friedensberg

Sowohl Botschafter Nikel als auch Erzbischof Schick unterstrichen auf dem St. Annaberg die bedeutung des Ortes. “Der Annaberg war ein Symbol des Konfliktes zwischen Deutschen und Polen, hier liegen nämlich die Toten der Kämpfe aus dem Jahr 1921. Aber hier wird auch seit Jahren durch die Minderheitenwallfahrt christliche Versöhnung gelebt. Damit ist er ein Mahnmal der Vergangenheit und eine Hoffnung für die Zukunft”, sagte Rolf Nikel. Erzbischof Ludwig Schick dagegen erinnerte an die Bedeutung der heiligen Anna selbst, die als Mutter der Famnilien, gemeinschaften und der Völker verehrt wird. “Und eine Mutter zeichnet sich dadurch aus, dass sie ihre verschiedenen Kinder zusammenhält, sie in Gemeinschaft bringt, sie wachsen und die Zukunft gestalten lässt. Erbitten wir das von der Mutter Anna und denken wir daran, dass die Einheit in der Vielfalt etwas schönes ist”.

 

Rudolf Urban