Wochenblatt – Gazeta Niemców w Rzeczypospolitej Polskiej

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Sunday, July 3, 2022

Geschichte der masurischen evangelischen Protestanten nach 1945

Mit Prof. Grzegorz Jasiński, Historiker und Experte für die Geschichte Masurens, sprach der masurische Sozialaktivist Dr. Alfred Czesla über die Geschichte und die Identität der evangelischen Protestantenin Masuren und Ermland nach 1945.

Herr Professor, in den letzten Jahren sind immer mehr Bücher über Masuren veröffentlicht worden. Sie selbst haben mehrere davon herausgebracht. Ich möchte Sie ganz direkt fragen: Worin unterscheidet sich Ihr neuestes Buch von Ihren früheren Büchern?
In diesem Buch geht es nicht nur um Masuren. Zwar betrifft es die Nachkriegssituation der dortigen deutsch-evangelischen Bevölkerung, die sich nach Kriegsende im polnischen Staat wiederfand. Es geht aber auch um polnische Katholiken und ihre Reaktionen auf Begegnungen mit Menschen anderer nationaler Überzeugungen und vor allem mit einer anderen Konfession. Es ist auch ein Buch über die Polnische Evangelisch-Augsburgische Kirche, die sich um Gläubige einer anderen Sprache und Nationalität kümmern musste. Darüber, wie sich das anfängliche Misstrauen langsam und nicht ohne Probleme in Vertrauen verwandelte.

Prof. Grzegorz Jasiński, Dr. phil., Historiker, geboren 1957, Experte für die Geschichte Ostpreußens und Masurens, insbesondere für die Geschichte des Protestantismus. Die Bibliografie wissenschaftlicher Arbeiten, deren Autor oder Mitautor er ist, umfasst über 300 in Polen und im Ausland veröffentlichte Publikationen. Er ist an der Universität Ermland-Masuren in Allenstein tätig.
Fotos: Mieczysław Wieliczko. Archiv des Retman-Verlags

Nach 1945 änderte sich die Lage der masurischen Protestantenradikal. Welche Hauptbereiche waren von diesen Veränderungen betroffen?
Zum einen verloren sie ihre Kirche, mit der sie seit 1525 verbunden waren. Die preußische Unionskirche durfte in Polen nicht tätig werden. Es herrschte ein praktischer Mangel an deutschen Geistlichen: Ein großer Teil war zuvor in der Armee gewesen und kehrte nicht mehr nach Ostpreußen zurück, mehrere Dutzend hatten ihr Leben verloren, andere waren von der Front geflohen, ein Dutzend weitere wurden 1945 zur Ausreise gezwungen. Alles in allem kam das protestantische Kirchenleben praktisch zum Erliegen, hier und dort gab es nur noch von Laien geleitete Hausgottesdienste.

Auf wessen Hilfe konnten die masurischen Protestanten, die den Krieg überlebt hatten, in jenen Jahren zählen?
Es waren die Geistlichen der polnischen Evangelisch-Augsburgischen Kirche (KEA), die über 100.000 Protestanten in Masuren und im Ermland in ihre Obhut nehmen mussten. Sie waren übrigensnicht allein, denn auch Priester der Evangelisch-Methodistischen Kirche kamen dorthin und kümmerten sich um die Protestanten im westlichen Teil Masurens. Doch die Arbeit der KEA war nicht einfach. Zum einen fehlten ihr aufgrund der Kriegszerstörungen Priester,zum anderen stieß sie bei den Polen als „deutsche Kirche“ auf Ablehnung. Deshalb konnte sie erst Ende 1945 ihre ersten Priester nach Masuren schicken. Unterdessen war dort bereits die polnische Kolonisierung im Gange.Die Katholiken begannen, den Protestantenmassenhaft die Kirchen wegzunehmen. Manche aus gutem Glauben, weil sie sie für verlassen hielten, andere ohne Rücksicht auf die ehemaligen evangelischen Gläubigen. Die schwachen und inkompetenten Woiwodschaftsbehörden waren trotz ihres oft guten Willens nicht in der Lage, hier Abhilfe zu schaffen. Auch das Gesetz war sehr unklar. Als die Situation 1947 legalisiert wurde, waren beide Seiten nicht ganz glücklich damit. Auch die Masuren selbst misstrauten den ersten polnischen evangelischen Priestern zunächst als ihrer Meinung nach Vertretern eines fremdenBesatzungsstaates. Doch recht schnell begann das Eis zu brechen. Die Priester, um nur die ersten zu nennen – Jan Sczech, Alfred Jagucki, Jerzy Sachs, Edmund Friszke Senior und Otto Wittenberg – setzten sich für die Bevölkerung ein und versuchten, die ihnen zur Verfügung stehenden schwedischen Hilfen an die Bedürftigen zu verteilen. Eine weitere Frage war die der Sprache. Die Masuren wussten, dass sie sich mit Polnisch als Amtssprache abfinden mussten. Sie wollten allerdings Deutsch als Kirchensprache beibehalten, als die Sprache, in der sie in ihrer Kindheit zu beten gelernt hatten. Die staatlichen Behörden verlangten jedoch die vollständige Einführung der polnischen Sprache in der Kirche. Der Klerus musste also manövrieren. Einerseits erlaubten sie einen begrenzten Gebrauch der deutschen Sprache, andererseits mussten sie einige der Gottesdienste und Rituale polonisieren.

 

Das Buch von Grzegorz Jasiński stellt die wichtigsten Probleme dar, mit denen die masurischen Protestanten nach 1945 zu kämpfen hatten. Sie bereichert unser Wissen über diese national-ethnische und religiöse Gemeinschaft erheblich. Dies ist bereits der 42. Band, der in der Reihe „Meine masurische Bibliothek“ erscheint. Foto: Mieczysław Wieliczko. Archiv des Retman-Verlags

Die politische Lage in Polen im Jahr 1956 veranlasste die masurischen Protestanten erneut zu versuchen, ihre Situation zu ändern. Man diskutierte vor allem über eineWiedereinführung der deutschen Sprache in den Gottesdiensten, die Rückforderung von Bauernhöfen und Kirchen und sowie Möglichkeiten einer Auswanderung nach Westdeutschland. Wie ist es für sie ausgegangen?
Wenn wir die Nachkriegsjahre betrachten, stellen wir fest, dass die masurische Gemeinschaft selbst in den schlimmsten stalinistischen Jahren immer wieder die deutsche Sprache in den Kirchen forderte. Buchstäblich auf jeder Konferenz, an der Gläubige teilnahmen, wurden solche Forderungen gestellt und Briefe (in polnischer und deutscher Sprache) an kirchliche und staatliche Behörden geschrieben. Nach 1956 schien es, als würden die Behörden der Einführung der deutschen Sprache in der Kirche zustimmen. Die Ablehnung erfolgte jedoch auf höchster Ebene – in einem Ausschuss des Zentralkomitees der PVAP in Warschau. Der Druck der Gläubigen ließ nach und die Abwanderung begann. Die masurische KEA-Diözese verlor dabei einen großen Teil der Gläubigen. Von der größten Diözese Polens wurde sie buchstäblich innerhalb weniger Jahre zu einer der kleinsten.

Und wie waren die Beziehungen zum polnisch-katholischen Umfeld?
Ich habe bereits die Frage der Besetzung von Kirchen erwähnt. Natürlich war es im Einzelfall unterschiedlich. In den sechziger Jahren gab es eine Art Waffenstillstand zwischen der katholischen und der evangelischen Kirche. Schlimmer verhielt es sich damit – wenn auch nur teilweise, das muss betont werden – auf Seiten der Katholiken, welche die Protestanten recht feindselig behandelten und beschimpften. Oft wurden in evangelischen Kirchen Fenster eingeschlagen. Dies wurde nicht als Schändung, sondern als „Beleidigung des Deutschtums“ betrachtet. Doch Ende der 1970er und Anfang der 1980er Jahre, nach der Wahl von Karol Wojtyla zum Papst, eskalierte die Auseinandersetzung. Der polnische Katholizismus, auch in dieser intoleranten Form, begann zu erstarken. Mit Wissen der ermländischen Bischöfe wurden evangelische Kirchen in Masuren gewaltsam besetzt. Um nur einige zu nennen: Hoverbeck (Baranowo), Friedrichshof (Rozogi), Puppen (Spychowo), Seehesten (Szestno), Alt Ukta (Ukta). Die staatlichen Behörden, die keinen Konflikt mit der katholischen Kirche eingehen wollten, reagierten nicht. Dies hat die Psyche der evangelischen Gläubigen und Geistlichen nachhaltig geprägt.

Hat sich die Situation der masurischen Protestanten in der Zeit nach der politischen Wende wirklich deutlich verbessert?
Zweifelsohne. Die Kirche ist die staatliche Aufsicht losgeworden. Sie konnte endlich ihre eigenen Angelegenheiten unabhängig regeln. Trotz der seit mehreren Jahren anhaltenden Abwanderung hat sich die Bevölkerungszahl in der masurischen KEA-Diözese stabilisiert und beläuft sich auf mehrere Tausend Menschen. Sie wird heute von Bischof Paweł Hause geleitet und 15 Geistliche arbeiten dort. Neue Kirchen wurden anstelle der weggenommenen gebaut und historische Kirchen werden renoviert, wo es nötig ist. Und vor allem ist die KEA zu ihrer früheren sozialen und karitativen Rolle zurückgekehrt. Den Kirchengemeinden sind Pflegeheime angeschlossen (das größte ist „Arka“ in Nikolaiken) und die Diakonie der Diözese Masuren ist sehr aktiv. Jedes Jahr wird mehreren Tausend Menschen auf verschiedene Weise geholfen und ihr Glaube spielt dabei keine Rolle. Die Protestanten sind auch im Kulturbereich aktiv; erwähnt sei hier nur die Masurische Evangelische Gesellschaft, die auch Mitherausgeber meines Buches ist.

Und wie sieht die evangelische Gemeinschaft in Masuren und im Ermland heute aus?
Hier kann ich mich auf die bisher einzige soziologische Untersuchung stützen, die vor einigen Jahren von Alfred Czesla durchgeführt wurde. Sie zeigt die masurischen Protestantenals prinzipienbewusste, eng mit der Kirche verbundene Menschen, die ein gewisses national-religiöses Ghetto verlassen haben, in dem sie sich nach 1945 unverschuldet wiederfanden. Diese Gemeinschaft setzt sich hauptsächlich aus älteren Menschen der lokalen deutsch-masurischen Bevölkerung zusammen. Sie betrachten sowohl ihre Religion als auch ihre Kirche als einen wichtigen Punkt ihrer Identität. Das Problem ist jedoch, dass sie oft gezwungen sind, ihre Heimat auf der Suche nach einem besseren Leben zu verlassen

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