Mit vielen Höhepunkten, aber auch mit neuen Akzenten und einem umfangreicheren Programm wurden die 68. Wangener Gespräche organisiert. Die Jury erntete viel Lob für die Wahl von Kerstin Preiwuß als Preisträgerin.

 

Nach der Preisverleihung in der Stadtbücherei im Kornhaus, v.l.n.r.: Kerstin Preiwuß, Beate Tröger, Vorsitzende der Jury, Stefanie Kemper (Maierhöfen), Dr. Tarlinski
Foto: Johannes Rasim

 

Die diesjährigen Wangener Gespräche, die am letzten Septemberwochenende in Wangen im Allgäu stattfanden, standen unter dem Leitwort „Jener Winkel der Erde lacht mir vor allem“. „Dieser Horaz-Spruch befindet sich über dem Eingang eines kleinen Hauses im Riesengebirge. In der Zeit des Nationalsozialismus diente dieses Haus als Zufluchtsort für Andersdenkende. Der damalige Besitzer, Gerhart Pohl, betrieb eine Art Vernetzung der Widerstandsgruppen und verhalf Verfolgten zur Flucht. Unter ihnen waren Juden, Vertreter von Widerstandsgruppen oder auch Schriftsteller, wie z.B. der Schriftsteller Johannes Wüsten“, erklärte Michael Schuster (Bernburg) in seinem Vortrag „Gerhart Pohls Fluchtburg und ihre Gäste in der Zeit des Nationalsozialismus“. In einem weiteren Vortrag unterzog Dr. Christian Greiff (Dießen am Ammersee) das Griechenlandbild von Gerhart Pohl und Erhart Kästner einer kritischen Betrachtung. Beide verband eine besondere Nähe zum Gerhart Hauptmann: Pohl als Vertrauten der letzten Lebensjahre und Kästner als persönlicher Sekretär von Juni 1936 bis Dezember 1937.

 

In weiteren Referaten sprach Dr. Gerhard Schiller (Selters im Westerwald) an Hand des Briefwechsels über die gegenseitige Einschätzung der drei Nobelpreisträger Gerhart Hauptmann, Thomas Mann und Hermann Hesse sowie in einem weiteren Vortrag über die Restaurierung und die Geschichte des Hirschberger Gnadenfriedhofs. Zum Abschluss der Referatsrunde stellte Dr. Piotr Tarlinski (Oppeln) in seinem Vortrag „Die oberschlesischen Lehrerseminare und ihr Einfluss auf die Liturgie der katholischen Kirche“ seine Habilitationsschrift vor.

 

 

Lesungen und Ausstellungseröffnung

Auch in diesem Jahr fanden während der Tagung mehrere Lesungen statt. So las der Schriftsteller und gefragte Publizist Marko Martin (Berlin) aus seinem Buch „Tel Aviv. Schatzkästchen und Nussschale, darin die ganze Welt“, Dr. Christian Greiff aus der Novelle von Gerhart Pohl „Wanderungen auf dem Athos“ und Mitglieder des „Arbeitskreises Archiv für Schlesische Mundart“ unter der Leitung von Friedrich-Wilhelm Preuß (Elmshorn) rezitierten Gedichte des Dichters Philo vom Walde. In dem wieder eingeführten „Literarischen Tee“ zur Beginn der Tagung, lasen Monika Taubitz und Anne Wachter (beide Meersburg) Lyrik und Prosa schlesischer Autoren, die in Wangen eine neue Heimat fanden.
Großer Aufmerksamkeit erfreute sich das „Literarische Gespräch“ mit Marko Martin, der vor zwei Jahren als Stadtschreiber in der Kulturhauptstadt Breslau tätig war. Im Fokus des Gesprächs standen seine Berichte aus Südostasien, Israel und Breslau. Auf die Eingangsfrage, ob Marko Martin in einem Jahr genau soviel Kilometer zurücklege, wie Goethe und Eichendorff in ihren Leben, sagte Martin: „Das vermag ich jetzt gar nicht zu sagen, aber da es oft Langstreckenflüge sind von etwa zehntausend Kilometern, kommt da schon einiges zusammen. Aber die Weltwahrnehmung misst sich nicht an Kilometern oder an Meilen. Das Unterwegssein ist noch lange kein Wert – entscheidend ist, wie man an einen Sachverhalt heran geht, was man mitnimmt und wie man ein Thema verarbeitet.“

Im Rahmen der viertägigen Tagung wurde im Giebelsaal der Badstube die Ausstellung „Natur, Stillleben, Architektur – Werke von Gerda Stryi-Leitgeb (1905-1992)“ eröffnet. In seinen einführenden Worten sagte Dr. Ulrich Schmilewski (Würzburg) u.a.: „Die 1905 in Kattowitz geborene Gerda Stryi wurde als 16-jährige 1921 in die Staatliche Akademie für Kunst und Kunstgewerbe Breslau aufgenommen und dort von Oskar Moll, Otto Mueller und Konrad von Kardorff unterrichtet. (…) Aus der Vorkriegszeit sind wegen Berufsverbot und Vertreibung fast keine Bilder erhalten, in den hier gezeigten Nachkriegswerken zu den drei Hauptthemen ihres Œuvres läßt sich eine künstlerische Entwicklung zu zunehmender Farbgebung und Farbintesität sowie einer immer ausgeprägteren Abstraktion erkennen. Und so bestechen ihre dem „expressiven Realismus“ zuordbaren Werke durch Leuchtkraft und Reduzierung auf das Wesentliche.“

 

 

Eichendorff-Literaturpreis an Preiwuß

Der Höhepunkt der alljährlichen Tagung ist die Verleihung des Eichendorff-Literaturpreises. In diesem Jahr ging die Auszeichnung an die in Leipzig lebende Schriftstellerin und Kulturjournalistin Kerstin Preiwuß. In der Begründung der Jury heißt es: „Kerstin Preiwuß gibt in ihren Werken Nachricht von vergessenen Orten, von brüchigen Leben, von Herkunft, Verlust und dem, was zu hoffen ist. (..) Sie verwandelt die Wahrnehmung und Denken in Worte und Sätze, die tragen und so das Fundament legen für ein Haus aus Sprache, in dem die Fenster weit offen sind – vor allem mit Blick für den Osten Europas.“ Bereits im Vorfeld erntete die Entscheidung der Jury viel Lob, wie z.B. seitens des Literaturkritikers Dr. Sebastian Kleinschmidt (Berlin).

In ihrer Laudatio sagte die Literaturkritikerin Beate Tröger (Frankfurt am Main) u.a.: „Man kann die Sprache nicht anzweifeln. Und doch muss man sie im Reden, erst Recht muss der Dichter sie im Schreiben immer neu finden. Wie aber findet man die Sprache, zum Beispiel für die Figuren in „Restwärme“ oder „Nach Onkalo“?

In Hinsicht auf einige Gedichte von Kerstin Preiwuß zog die Laudatorin Vergleich zu Friedrich Hölderlin, der mittels seiner Kunst das Handwerkliche nur derart zu überwinden vermag, „dass sich der Blickende und das Erblickte, der Dichter und das Bedichtete in einem kunstlosen Modus befinden“. Das Vermögen, „Lieder von kunstloser Kunstlosigkeit“ zu singen, das sieht Tröger auch in den Gedichten von Preiwuß artikuliert. Die Laudatorin folgerte: „Kunstlosigkeit bei Hölderlin oder auch Eichendorff ist aber dennoch eine andere als bei Kerstin Preiwuß. Das romantische Bild der Welt ist Literaturgeschichte, Geschichte. Denn die Welt ist eine andere geworden, hat ihre letzte Unschuld verloren, falls sie sie je hatte.“

 

 

Johannes Rasim