Heilsberg Ewa Huss Nowosielska auf dem Sommerfest mit Mateusz Gawroński. Foto: Uwe Hahnkamp

 

Gerade hat der Verband der deutschen Gesellschaften in Ermland und Masuren sein 25-jähriges Bestehen gefeiert. Er bietet den Rahmen für die Aktivitäten der deutschen Minderheit der Region, die konkrete Arbeit findet aber an der Basis statt. Ein Einblick in die Tätigkeit von drei Vereinen.  

 

 

Mittwoch Nachmittag, die erste Verabredung in einer Schule in Heilsberg. Das Lokal der deutschen Gesellschaft „Warmia“ im Untergeschoss ist etwas schwer zu finden. „Einfach dem Gesang folgen“, war der Hinweis von Ewa Huss-Nowosielska. Sie leitet den Chor der Gesellschaft, der mittwochs trainiert. Es ist aber sofort zu sehen, dass nicht nur gesungen wird. Einige Frauen sortieren gerade Photographien, in einer Ecke lagern Materialien für Handarbeiten, es sind Gespräche zum letzten Ausflug zu hören. „Wir waren in Frauenburg, Braunsberg und Cadinen.

 

Neben der aktiven Freizeit lernen wir so die Geschichte der Region kennen“, sagt Gerard Wichowski, der Vorsitzende der Gesellschaft. Es war ein verdienter Lohn für die Arbeit in der letzten Zeit. „Wir mussten unsere Habe aus- und wieder einräumen, weil unsere Räume renoviert wurden“, so Ewa Huss-Nowosielska. „In den frisch gestrichenen Zimmern haben wir jetzt aber noch mehr Schwung.“ Die Durchsicht des Archivs war ein guter Impuls für die Vorbereitungen zur 25-Jahr-Feier am 8. September. Dann freut sie sich auf den Besuch ihrer jungen Schützlinge.

 

 

Jugendarbeit in Heilsberg und Bartenstein

Von Heilsberg gingen nämlich zwei wichtige Initiativen der Jugendlichen aus. Eine Gruppe interessierte sich für Erste Hilfe, bildet jetzt einen großen Teil des Johanniter Hilfswerks in Polen (Joannici dzieło pomocy), der landesweite Vorsitzende ist Damian Kardymowicz von „Warmia“. Sie arbeiten mit eigenem Krankenwagen im Rettungsdienst, bilden Erste-Hilfe-Gruppen an Schulen in der Region aus und organisieren Wettbewerbe für Rettungssanitäter.

 

Das zweite Interesse war das Theater. Die erste Gruppe mit dem Künstlernamen „Hambondo“ brachte Jugendliche auch aus Mohrungen, Allenstein und Osterode zusammen, die Besetzung des neuen Theaters „Spiegel“ kommt fast nur aus Heilsberg. Ewa Huss-Nowosielska fördert sie mit Werkstätten mit Übungen zur deutschen Sprache, in Sprechen, Darstellung und Bühnenpräsenz. Das nächste Training steht Anfang August im Kalender. Das dort einstudierte Stück wird bei der Adventsfeier „Bethlehem der Nationen“ in Heilsberg aufgeführt.

 

 

 Bartenstein Dorota Ćwiklińska (geb. Niewęgłowska) auf einer Tanzwerkstatt. Foto: Uwe Hahnkamp

 

Auf dieser Feier zum Abschluss des gleichnamigen Seminars, das seit über 20 Jahren Anfang Dezember polnische, ukrainische und deutsche Jugendliche zusammenbringt, tritt immer auch die Regionaltanzgruppe „Saga“ aus Bartenstein auf. Das Aushängeschild der dortigen deutschen sozial-kulturellen Gesellschaft besteht in der dritten Generation – die ersten Tänzer sind inzwischen die Eltern von Kindern, die heute zur Gruppe gehören. Die Frau hinter dem Erfolg ist Danuta Niewęgłowska. Sie hat „Saga“ gegründet und trainiert und sorgte über all die Jahre für Disziplin und familiären Zusammenhalt. Apropos Familie: das Training hat sie vor einigen Jahren an ihre Tochter Dorota abgegeben, die mit und in „Saga“ aufgewachsen ist. Und der jüngste Teilnehmer der letzten Tanzwerkstatt der Gruppe war der inzwischen ein Jahr alte Enkel Filip, der von der ganzen Gruppe umschwärmt und betreut wird. Die Mitglieder von „Saga“ organisieren übrigens schon selber für jüngere Kinder attraktive Veranstaltungen im Verein. Der Staffelstab wird also weitergegeben.

 

 

Handarbeiten, soziales Engagement und Geschichte

Aktivitäten, die stark gefördert werden, sind Basteln und Handarbeiten. Denn dabei kommen drei Generationen zusammen, neue und traditionelle Gestaltungsmöglichkeiten treffen aufeinander, die älteren Mitglieder erzählen von Bräuchen und lokaler Geschichte. „Leider ist das im Moment nur eingeschränkt möglich“, seufzt die Vorsitzende Ewa Pyszniak, „bei uns ist die Renovierung der Räume noch nicht abgeschlossen.“ Doch dank der hervorragenden Vernetzung in der Stadt Bartenstein kommt der Verein gut über die schwierige Zeit. Zu diesen Kontakten trägt das soziale Engagement der deutschen Minderheit nicht wenig bei. Aus Deutschland gibt es immer wieder Transporte von Spenden, die verschiedenen Bedürftigen und Einrichtungen zugute kommen. Diesen Teil der Aktivitäten hat die Vizevorsitzende Jadwiga Piluk fest im Griff, so dass er reibungslos abläuft.

 

 

Dass gute Verbindungen zu lokalen Verwaltungen helfen, hat auch die Gesellschaft zur Pflege deutschen Kulturguts „Emil von Behring“ in Hohenstein in ihrer wechselhaften 25-jährigen Geschichte erfahren. Nach einigen Jahren der Flaute haben der Vorsitzende Leon Kuck und sein Stellvertreter Ryszard Eberhardt 2015 die Organisation übernommen. Sie setzen sich für Denkmäler und Friedhöfe aus dem Ersten Weltkrieg ein, das wichtigste Thema ist aber der Namensgeber des Vereins. „Wir haben mit der Stadt Hohenstein und dem Ort Hansdorf bei Deutsch Eylau, in dem Emil Behring, der erste Nobelpreisträger für Medizin, geboren wurde, im letzten Jahr in Hohenstein eine Konferenz zu dessen  100. Todestag organisiert“, sagte Leon Kuck auf der Jubiläumsfeier am 28. Juli. Dort war neben Hohensteins Bürgermeister Artur Wrochna denn auch eine kleine Delegation aus Hansdorf zu Gast.

 

Bei der Partnerschaft von Hohenstein mit der Gemeinde Ostercappeln (Niedersachsen) sind Vertreter der Gesellschaft involviert, auch mit dem wieder eingerichteten Deutschkurs, an dem auch Menschen aus der Stadt teilnehmen können, ist sie im öffentlichen Leben sichtbar. Ein Symbol für die Zukunft des Vereins ist der Lehrer dieses Kurses, der Germanist Dawid Śliżewski, ein in Deutschland geborener junger Angehöriger der deutschen Minderheit. Denn die Arbeit geht weiter: bereits am 25. August steht für die Gesellschaft „Emil von Behring“ die nächste Veranstaltung an. Dann wird in Mörken (Mierki) das von ihr instandgesetzte Denkmal für die Gefallenen des Ersten Weltkriegs ökumenisch geweiht.

 

 

Uwe Hahnkamp