CDU-Abgeordnete in Oberschlesien. Richard Urban (li.) im Gespräch mit Franz Ludwig Schenk Graf von Stauffenberg und Friedrich Schikorra aus Gleiwitz.
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Nach dem 4. Juni 1989, als in Polen die ersten halbfreien Parlamentswahlen stattgefunden und die Deutschen in Oberschlesien ihre erste deutschsprachige Heilige Messe nach 1945 gefeiert haben, ging es für die sich organisierende Minderheit weiter mit historischen Ereignissen. Eines davon, heute etwas vergessen, ist der erste offizielle Besuch einer Delegation der CDU-Bundestagsfraktion. Dieser fand am 18. Juni 1989 statt. Richard Urban, einer der Mitbegründer der Organisation der deutschen Minderheit in der Oppelner Region, erinnert sich:

 

Unser Sohn Norbert studierte zu dieser Zeit in Bonn und war auch in der “Schlesien Jugend” tätig, ähnlich wie seine Freunde Adrian Sobek (in Beuthen geboren) und Alfred Theisen (Wahlschlesier aus dem Rheinland). Sie haben irgendwie erfahren, dass eine Delegation der CDU/CSU-Bundestagfraktion eine Studienreise nach Warschau plant und haben den damaligen Chef der Delegation Josef Luster überredet, auch Oberschlesien zu besuchen, wo seit dem 4. Juni auf dem Sankt Annaberg wieder deutsche Messen gelesen werden. Dort sei was los, dort werde Geschichte geschrieben, haben die drei damals argumentiert.

 

Schließlich wurde abgemacht, dass die Delegation von Warschau aus nach Himmelwitz (Kr. Gr. Strehlitz) kommt und sich in unserer deutschen Gaststätte “Eka – An der Ecke” mit den Gründern der DFKs trifft. Wir hier in Oberschlesien wurden darüber informiert, dass die Delegation am Sonntag (18.06.1989) gegen 12 Uhr eintrifft, und ich habe sofort begonnen, so vielen Personen wie möglich von dem geplanten Treffen zu berichten, damit wir mit einer starken Mannschaft auftreten.

 

Gegen 11.00 Uhr waren dann auch alle unsererseits da, und wir haben die Rollen untereinander verteilt. Dann ist der Bus vorgefahren, und wir haben die Bundestagsabgeordneten mit einem kräftigen “Kehr ich einst zur Heimat wieder” begrüßt. Als Besitzer der Gaststätte habe ich die Rolle des Gastgebers übernommen und alle begrüßt. Georg Slanina aus Gleiwitz und Johann Kroll aus Gogolin dagegen sprachen im Namen unserer damals noch sehr jungen Bewegung.

 

Das gemeinsame Mittagessen hat uns alle nähergebracht. In der Delegation waren auch Franz Ludwig Schenk Graf von Stauffenberg, der Sohn des Hitler-Attentäters, sowie viele Schlesier, die ihre frühere Heimat verlassen mussten. Mit allen Abgeordneten wollten wir ausgiebig diskutieren, doch die Zeit drängte. Am Nachmittag sollten wir und unsere Gäste auf dem St. Annaberg an der dritten deutschen Messe teilnehmen. Um in der Basilika damals aber zumindest einen für unsere Gäste geeigneten Stehplatz zu bekommen, mussten wir bereits um 14 Uhr losfahren.

 

Es waren während des Gottesdienstes rührende Momente auch für die Gäste aus Bonn, und niemand schämte sich seiner Tränen. Nach der Messe haben wir von dem hohen Besuch Abschied genommen. Somit war der erste Besuch aus dem Deutschen Bundestag bei der Deutschen Minderheit in Oberschlesien nach der Wende zu Ende gegangen. Für uns, die damals Aktiven, gehörte das Treffen zu den wichtigen Gesprächen, die uns für die weitere Arbeit Mut machten.

 

Notiert von Rudolf Urban