Die Referenten plädieren dafür, Zwangsarbeit als eigens Kapitel in die Schulbücher einzuführen. V.l. Martina Cellmer (D), Joanna Wojdon (PL), Luigi Cajani (It), Petro Kendzor (Ukraine)

Wie viel vermitteln Schulen in Deutschland und Polen über Zwangsarbeit im Zweiten Weltkrieg? Nicht genug, denn der Holocaust in seiner Ganzheit dominiere den Unterricht völlig, so das Resümee einer Konferenz in Breslau.

 

 

Der Zweite Weltkrieg – ein Thema so wichtig wie weit. Zwangsarbeit im Dritten Reich nur ein Kapitel von vielen. Das wird auch deutlich, wenn man sich einmal Schulbücher dazu anschaut. Referenten aus Deutschland und Polen, aber auch aus Italien und der Ukraine sind der Meinung, dass Zwangsarbeit oft unzureichend dargestellt wird.

 

Das größte Problem sei, dass die Informationen selektiert werden, sagt Martina Cellmer von der Universität Kiel. In den von ihr untersuchten Schulbüchern bedeutender deutscher Verlage sei fast immer nur die Rede von russischen Zwangsarbeitern, obwohl Menschen unterschiedlicher Nationen betroffen waren. „Das vermittelt einen falschen Eindruck“, sagt Cellmer.

 

Und zwar nicht nur bei der Frage der Nationalitäten, sondern auch bei der Darstellung des Verhältnisses zwischen der deutschen Bevölkerung und den Zwangsarbeitern. „Es entsteht der Eindruck, als hätten sie keinen Kontakt zueinander gehabt. Zwangsarbeit passiert in den Lehrbüchern oft in großen Lagern und Fabriken, und es wird völlig ausgeblendet, dass viele Familien Zwangsarbeiter bei sich zu Hause beschäftigt haben.“

 

Gelenkte Geschichtsschreibung

 

Dass die Geschichtsschreibung dabei in eine bestimmte Richtung gelenkt wird, geschehe jedoch unbewusst, nicht manipulativ, urteilt Cellmer. „Es wird immer noch zu wenig thematisiert, dass viele Privatpersonen in Deutschland die Zwangsarbeit mitgetragen haben“, sagt sie. Grund dafür sei eine unzureichende wissenschaftliche Aufarbeitung. „Der Focus liegt auf dem Holocaust als solchen, die Vernichtung der Juden und das Kriegsgeschehen.“ Dieses Resümee zog auch Professor Luigi Cajani von der Universität Rom. „Der Holocaust absorbiert alles“, bringt Luigi es auf den Punkt und wünscht sich einen differenzierteren Umgang mit dem Zweiten Weltkrieg als Thema im Schulunterricht. Dafür setzt sich auch Professor Petro Kendzor von der Vereinigung der Geschichtslehrer in der Ukraine „Nova Doba“ ein. Er ist verantwortlich für den Inhalt von Geschichtsbüchern für den Unterricht und will einen Wandel herbeiführen. Das Thema Zwangsarbeit will er stärker in der Vordergrund rücken. Das brauche jedoch Zeit, denn in der Geschichtsaufarbeitung gebe es noch zu viele weiße Flecke. Bisher dominiere in der Wahrnehmung vom Zweiten Weltkrieg in den ukrainischen Schulen ein in der Tradition verankerter Heroismus – der Sieg der Sowjetunion über Nazi-Deutschland im „Großen Vaterländischen Krieg“ 1941-1945.

 

Einzelschicksale vs. Menschen ohne Gesichter

 

 

Anders stelle es sich an polnischen Schulen dar. Joanna Wojdon von der Universität Breslau untersuchte zwei repräsentative Geschichtsbücher für die polnischen Mittelschulen. Das Ergebnis: Die Schulbücher greifen das Thema ihrer Meinung nach ausreichend umfangreich auf.  Was sie jedoch kritisiert ist die Art der Aufarbeitung. Zwangsarbeit werde anonymisiert. Es gehe um nackte Zahlen, um Menschenmassen ohne Gesichter. „So kann bei den Schülern keine Empathie entstehen“, sagt sie und hofft, dass dies für künftige Geschichtsbücher berücksichtigt wird. Es müsse der Mensch hinter dem Zwangsarbeiter gezeigt und seine Geschichte erzählt werden, um die Schüler auch emotional zu erreichen und das tatsächliche Ausmaß des menschliches Leides aufzudecken.

 

Dabei gehe es auch um die Wortwahl. „Arbeit unter schwierigen Umständen“ sei kein angemessener Ausdruck, merkt sie an. „Das gibt nicht wider, was Zwangsarbeit bedeutet. Nämlich  Arbeit, die über die menschlichen Kräfte hinausgeht. Unfreiheit.“

 

Was sich Joanna Wojdon zukünftig wünscht, ist in deutschen Schulbüchern bereits gelungen. Neben einem allgemeinen Teil über Zwangsarbeit gebe es häufig einen zweiten Teil mit regionalem Bezug und einem Einzelschicksal, berichtet Cellmer. „In einem Brief grüßt der Zwangsarbeiter seine Familie, er schreibt, wie er seine Kinder vermisst. Verabschiedet sich schon in dem Brief, falls er nicht noch mal schreiben könne. Man lernt den Zwangsarbeiter von einer sehr menschlichen, persönlichen Seite kennen.“

 

Entschädigungen

 

Doch nicht nur in der Darstellung von Einzelschicksalen sind die deutschen Schulbücher Vorreiter.  Immerhin 30 Prozent der von Cellmer untersuchten Bücher thematisieren die Entschädigungen für Zwangsarbeit. Cellmer kritisiert jedoch, dass nur ein Buch den Gedanken aufgreife, dass „die Entschädigungszahlungen ein Mittel waren, um das Gewissen zu beruhigen“. Die anderen wären mit diesem Thema sehr unkritisch umgegangen und „könnten den Eindruck entstehen lassen, dass damit das geschehene Leid vergolten ist“, so Cellmer.

 

Die Referenten plädieren dafür, Zwangsarbeit als eigens Kapitel in die Schulbücher einzuführen.

 

Man sei sich jedoch bewusst, dass es in der schulischen Realität schwierig sei, noch mehr detaillierte Themen einzubringen.

 

Die Konferenz “Konjunkturen der Erinnerung. Die Zwangsarbeit in Europa während des Zweiten Weltkrieges” vom 27. bis 30. September 2017 organisierten das Willy-Brandt-Zentrum der Universtät Breslau und die Stiftung “Erinnerung, Verantwortung, Zukunft”.

 

Marie Baumgarten