Wochenblatt – Gazeta Niemców w Rzeczypospolitej Polskiej

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Tuesday, October 26, 2021

„Ich habe keine Angst“

Mit Bernard Gaida, dem Vorsitzenden des Verbandes der deutschen sozial-kulturellen Gesellschaften in Polen und Chef der AGDM in Europa, sprach Krzysztof Świerc

 

Als was fühlen Sie sich: ein Deutscher, ein Schlesier, ein Pole, ein deutscher Schlesier?

 

Ich mag den adjektivischen Begriff nicht. Ich fühle mich zu 100 Prozent als Deutscher und natürlich bin ich auch zu 100 Prozent ein Schlesier. Für mich sind das komplementäre Begriffe, die sich nicht gegenseitig ausschließen!

 

In Ihrer Jugendzeit wollten Sie sich nicht als Deutscher fühlen. Was war der Grund dafür?

 

Ja, aber ich fühlte mich trotzdem deutsch! Das Problem war, dass ich es nicht wollte. Es hing mit der Erziehung zusammen, genauer gesagt mit dem Schock, den ich als junger Mann nach der Lektüre der „Medaillons“ von Zofia Nałkowska erlebte. Dazu löste die Konfrontation mit dem Ausmaß dessen, was während des Zweiten Weltkriegs geschah, bei mir eine negative Reaktion aus, die gerade deshalb auftrat, weil ich mich als Deutscher fühlte! Es war ja auch schwierig, anders zu sein, da ich in einer deutschen Familie aufgewachsen bin. Im Nachhinein denke ich, dass es auch eine Form meiner jugendlichen Rebellion war.

 

Mit der Zeit haben Sie Ihre Meinung geändert und heute erklären Sie mit Überzeugung: Ich bin Deutscher! Weshalb?

 

Paradoxerweise wurde dieses Bekenntnis durch die Tatsache erleichtert, dass ich Schlesien für einige Zeit verlassen hatte. Ich ging zum Studium nach Posen, wo ich Leute traf, die vor dem Krieg in der Hauptstadt Großpolens Minderheitenschulen besucht hatten und deshalb perfekt Deutsch sprachen. So, wie die älteren Witwen, in deren Haus ich eine Unterkunft gemietet habe. Die beiden Damen konnten ihre Freude darüber, dass ein Student aus Schlesien bei ihnen wohnen würde, nicht verbergen, denn, wie sie sagten, würden sie mit ihm Deutsch sprechen können. Was sehr wichtig ist, die Damen, von denen ich spreche, haben mir klar gemacht, dass ich nicht weglaufen muss, sondern mich meinem deutschen Erbe annähern soll und so ist es passiert.

 

Materiały promocyjne z tym logiem VdG mają przekonać członków mniejszości niemieckiej do deklarowania swojej niemieckiej narodowości. Fot. VdG

 

Wie sah diese Annäherung in der Praxis aus?

 

Ich begann, nach deutscher Literatur und Zeitschriften zu greifen. Ich versorgte mich damit nur in „Empik“-Läden, die damals nicht so aussahen wie heute. Es war jedoch der einzige Ort, wo man in der Zeit Volkspolens ausländische Presse kaufen oder lesen konnte. Aber einmal, als ich in einem Antiquitätengeschäft am Posener Marktplatz nach deutscher Literatur suchte, fand ich das Buch von Ernst Wiechert „Die Jeromin-Kinder”. In diesem Buch ging es um Ostpreußen, Bewohner von Masuren, und ich las es mit angehaltenem Atem. Durch das Buch wurde mir bewusst, dass die Menschen, die in Masuren lebten, obwohl sie slawisch klingende Namen hatten und einen Dialekt benutzten, der eine Mischung aus deutscher und slawischer Sprache war, zu 100 Prozent von ihrem Deutschsein überzeugt waren! Dies erlaubte mir, meine Gedanken zu ordnen und dieses Phänomen einer zweigeteilten Identität zu erkennen, die ich seit meiner Geburt in mir trage.

 

Was bedeutet es für Sie, Deutscher zu sein?

 

Ein Deutscher in Polen zu sein ist anders als ein Deutscher in Deutschland. In Deutschland lebt man, trotz der allgegenwärtigen Multikulturalität, von Deutschtum umgeben. Dieses ist wie Luft, man denkt nicht darüber nach, solange man es nicht vermisst. Die Deutschen in Polen sind in einer anderen Situation. Um das Deutschtum um uns herum zu haben, müssen wir es organisieren, zum Beispiel indem wir den Fernseher auf ein deutsches Programm umstellen. Wir müssen uns auch mal die Mühe machen, ein deutsches Buch zu kaufen oder eine CD mit deutscher Musik aufzulegen, die ich normalerweise kaufe, wenn ich in Deutschland bin. Für mich bedeutet das Deutschsein in Polen also eine gewisse Anstrengung, weshalb ich gerne den polnischen messianischen Philosophen Karol Libelt zitiere, der einmal schrieb: „Einmal gewählt, muss ich jeden Tag eine Wahl treffen“. Vielleicht hat es Goethe im „Faust“ noch besser ausgedrückt: „Was du ererbt von deinen Vätern hast, erwirb es, um es zu besitzen“. Das bedeutet, dass es nicht so ist, dass das Erbe, das wir in unserer Jugend von unseren Eltern erhalten haben, für immer in uns bleibt. Wenn wir es erhalten wollen, müssen wir uns bemühen, ihm etwas zu geben, wovon es zehren kann. Deshalb ist es mir wichtig, was ich lese, sehe und höre.

 

Sie haben einmal gesagt, dass man auch versuchen sollte, so viel wie möglich Deutsch zu sprechen. Warum so viel wie möglich?

 

Weil die Fähigkeiten der verschiedenen Generationen sich in dieser Hinsicht deutlich voneinander unterscheiden. Um die Fähigkeit zu erwerben, sich in der deutschen Sprache zu verständigen, braucht man aber auch den oben erwähnten Aufwand – und das habe ich getan. Ich habe das für mich getan und nachdem ich eine Familie hatte, habe ich versucht, das in meiner Familie zu tun. Dabei gehöre ich ja zu der Generation, die in der Schule keine einzige Deutschstunde haben konnte. Natürlich kann ich nicht sagen, dass ich nur Deutsch gesprochen habe, aber in meiner Familie, auch dank meiner Großeltern, gab es viel davon, durch Geschichten, die den Kindern auf Deutsch vorgelesen wurden, Bücher, Schallplatten, deutsches Fernsehen, einfache Gespräche mit den Kindern, Radiohören auf Deutsch. Das Ergebnis ist, dass meine drei Söhne heute perfekt Deutsch sprechen und den Gedanken der zweisprachigen Erziehung auf ihre Familien übertragen haben. Das gibt mir die Hoffnung, dass die nächste Generation zweisprachig sein wird und sich der deutschen Kultur stark zugehörig fühlt!

 

Bernard Gaida, przewodniczący ZNSSK w Polsce.
Foto: Marie Baumgarten

 

Allerdings ist es nicht einfach, in Polen Deutscher zu sein. Lohnt es sich, sich zum Deutschsein zu bekennen?

 

Ich bin kein Opportunist. Ein Opportunist verheimlicht seine Herkunft, wenn er auf der Straße oder in einem Geschäft merkt, dass eine Person, die Deutsch spricht, mit feindseligen Augen angeschaut wird. Ein Opportunist wird auch sein Deutschsein verbergen, wenn er z. B. beleidigende Kommentare in einem Internetforum oder auf Facebook Angriffe auf Deutsche sieht, weil er dann Angst hat. Ich habe keine Angst! Ich habe meine Rechte. Heute, im Gegensatz zurzeit der Volksrepublik Polen, ist es für uns einfacher, denn dank der Demokratie und der Zugehörigkeit zur EU fühlen wir uns durch das europäische Recht und die Sitten unterstützt. Die EU basiert auf dem Prinzip der kooperierenden Vielfalt. Deshalb gibt uns dieses Recht auch die Freiheit, uns zu bekennen. Aber es zwingt uns nicht dazu. Das Bekenntnis ist unsere eigene Entscheidung! Wenn ich in Wahrheit mit meinem Deutschsein zu mir selbst stehe, sollte ich mit der gleichen Wahrheit auch zu anderen stehen.

 

Die Volkszählung ist nun eine perfekte Gelegenheit.

 

Ganz genau. Und es ist ein Test der eigenen Wahrheit durch jeden von uns persönlich. Deshalb schreiben wir auf unseren Flyer. „Du zählst!“ Damit lenken wir die Aufmerksamkeit darauf, dass Du ganz konkret zählst – Du, nicht irgendeine Masse. Es hängt nun von Dir ab, wie Du dich definierst. Heute zeigen alle Untersuchungen, dass die Menschen in Polen (und nicht nur hier) oft verschiedene Identitäten in sich tragen, die vielschichtig und miteinander verbunden sind und es gibt ein Bewusstsein dafür, dass sich die Nationalität, das Gefühl der Zugehörigkeit zu einer Gemeinschaft in der polnischen Gesellschaft verändert. Es ist nicht mehr eine alteingesessene Gesellschaft, sondern eine, die umherzieht, andere Länder besucht, den Wohnort wechselt, an verschiedenen Orten studiert und arbeitet. Als Ergebnis entstehen gemischte Familien und Identitäten treten nebeneinander auf. Es ist daher sehr wichtig, dass die Wurzeln, die man in sich trägt, lebendig bleiben. Bei gemischten Identitäten wiederum dürfen wir nicht zulassen, dass die deutsche untergeht…

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