Wochenblatt – Gazeta Niemców w Rzeczypospolitej Polskiej

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Thursday, December 8, 2022

Ich hatte Glück mit den Menschen

Am 7. September vor drei Jahren starb Anna Myszyńska, Schriftstellerin, Fotografin und Lyrikerin, die sich für den Erhalt des schlesischen und deutschen Kulturerbes ihrer oberschlesischen Heimat eingesetzt hat. Nikola Przyklenk erinnert an die Neustädterin.

Anna Myszyńska wurde 1931 in Körnitz geboren, in einer deutsch-schlesischen Familie. Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges arbeitete sie einige Jahre auf dem Hof ihrer Eltern. Um ihrem Traumberuf als Hebamme näher zu kommen, wurde sie 1952 Stationshilfe in einem Krankenhaus in Habelschwerdt. Kurze Zeit später absolvierte sie als Autodidaktin eine einjährige Krankenschwesternschule in Ratibor mit Auszeichnung. Nach dem Fernlyzeum in Oppeln beendete sie 1957 ihre zweijährige Ausbildung an der Hebammenschule in Neisse. Seit 1959 lebte sie mit ihrer Familie in Zülz.

Anna Myszyńska
Foto: Jerzy Stemplewski

Geschichte auf Fotos
Über 50 Jahre führte sie gemeinsam mit ihrem Ehemann ein Fotostudio. Den Beruf übte sie aus – wie sie selber sagte, für die Menschen, damit ein Teil ihrer Geschichte auf Fotos erhalten bleibt. Ihre Leidenschaft für die Fotografie endete nicht mit ihrer Pensionierung im Jahr 1990, vielmehr fing sie an, als Fotoreporterin für die Zeitung „Panorama Bialska” zu arbeiten.

Sie beteiligte sich an wichtigen Ereignissen der Gemeinde. Eines davon war die Unterzeichnung der Partnerschaft mit der Gemeinde Marienheide in Deutschland. Dank ihrer Deutschkenntnisse konnte sich Anna Myszyńska sehr gut mit den Gästen aus Deutschland verständigen, was ihr langjährige Freundschaften einbrachte.

Außer ihrem Traumberuf als Hebamme und der Fotografie wurde ebenso das Schreiben zu einem wichtigen Bestandteil ihres Lebens. Wer ihre Erzählungen gelesen hat oder mit ihr ins Gespräch kam, wird mit Sicherheit feststellen, dass ihre Werke, verknüpft mit den drei Sprachen ihres Lebens, die sie immer stolz gepriesen hatte, sie genau zu dem gemacht haben, was sie in den Augen vieler Menschen heute darstellt – ein Symbol der Multikulturalität.

Sprachliche Vielfalt
Anna Myszyńska erzählte, dass die Sprachen Deutsch, Schlesisch und Polnisch sie „erzogen” haben und geholfen haben zu verstehen, wie bedeutsam die Sprache für die eigene Identität und das Heimatland sein kann. Als Kind kannte sie nur Deutsch und Schlesisch. Mit der polnischen Sprache hat sie sich dank Radio und Gesprächen mit anderen vertraut gemacht, aber richtig Lesen und Schreiben hat sie erst später gelernt.

Über die vielen Jahre, in denen Myszyńska künstlerisch tätig war, begleitete sie stets die Frage „Was haben diese Sprachen im Alltag und im Leben eigentlich gebracht?“ Was sie immer wieder darauf antwortete, war „Freude im Leben“. Anna Myszyńska war eine sehr offene Person, die den Kontakt mit anderen Menschen wertgeschätzt hat.

Anna Myszyńska war immer an dem kulturellen Leben der Region Oppeln beteiligt. Außer ihrer Mitarbeit bei „Panorama Bialska” (für die sie auch Kurzgeschichten auf Schlesisch schrieb, in denen sie „Jak to piyrwyj boło“ – von ihrer Kindheit, Jugend, kirchlichen Feiertagen, alten Bräuchen und Ritualen erzählt) und „Tygodnik Prudnicki” (übersetzte Fragmente des Romans „Sommer der toten Träume“ von Harry Thürk), konnte man ihre Stimme bei Radio Opole in der Sendung „Nasz Heimat” hören, wo sie in schlesischer Mundart ihre Erzählungen vortrug. In rund 18 Jahren Zusammenarbeit war sie ca. 700-mal im Radio zu hören. Später wurde ein Teil der Erzählungen auch in Form von Büchern veröffentlicht. 2011 nahm sie fünf CDs mit ihren Erzählungen auf, von denen zwei auf Deutsch und drei auf Schlesisch waren.

Anna Myszyńska mit Schülern des Gymnasiums in Oberglogau
Foto: Archiv

Das Buch „Śląskie rozprawianie” kann man in den Bibliotheken einiger Universitäten nicht nur in Polen, sondern auch im Ausland finden.

Anna Myszyńska war zudem Mitarbeiterin des Kulturzentrums in Zülz und Mitglied der Kultur- und Bildungsgesellschaft Zülz. Sie gehörte einem Schriftstellerklub im Kulturzentrum in Neustadt (Prudnik) und der Gesellschaft für Volkskunst an und erhielt sowohl vom Marschall der Woiwodschaft Oppeln als auch vom Minister für Kultur und nationales Erbe hohe Auszeichnungen für ihr Engagement.

Nicht nur etwas für Ältere
Man könnte meinen, dass an all den Aspekten, die mit Kultur, Sitten und Bräuchen, dem Leben „von früher“ nur ältere Personen oder Enthusiasten interessiert seien. Das ist allerdings eine fehlerhafte Einschätzung. Viele Treffen Myszyńskas wurden für Kinder und Jugendliche organisiert, an denen sie gern teilnahmen, auch wenn sie am Anfang noch nicht wussten, wie lehrreich diese Treffen für sie sein werden. Mehrere Male erhielt sie Anfragen von Jugendlichen, die mit ihr Interviews führen wollten über genau diese Themen wie Kindheit, alte Bräuche, Kriegszeiten oder Arbeit. Unter diesen Personen war auch ich, die so ein Gespräch mit Anna Myszyńska als Tonaufnahme festgehalten hat. Heute bin ich dankbar, Frau Anna persönlich kennengelernt und zwischen unseren beiden Generationen eine Art „Brücke“ gebaut zu haben.

Anna Myszyńska betonte mehrfach, wie wichtig für sie die Beziehungen und Gespräche mit den Menschen sind. Immer wieder habe ich im Gespräch mit ihr den Satz „Miałam szczęście do ludzi” (Ich hatte Glück mit den Menschen) gehört. Mit viel Verständnis und Vertrauen trat sie anderen gegenüber. Für jeden hatte sie ein offenes Herz (und Ohr).

Nikola Przyklenk
Nikola Przyklenk studiert Germanistik an der Universität Oppeln und ist ifa-Kulturassistentin bei der SKGD in Oppeln. Der Artikel ist eine gekürzte Fassung ihrer Hausarbeit.

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