Die in Landsberg an der Warthe (Gorzów Wielkopolski) geborene Marie Juchacz war die erste Frau, die am 19. Februar 1919 eine Rede vor dem deutschen Parlament hielt. Mit Lydia Struck, Kulturanthropologin und Autorin des Buches „Mir geht so vieles durch den Kopf und durchs Herz“ über das Lebenswerk von Marie Juchacz, sprach Anna Durecka

 

 

Lydia Strruck mit ihrem Buch [ber Marie Juchacz
Foto: Privat

Marie Juchacz war Ihre Urgroßtante. Wann wurde Ihnen bewusst, dass sich in Ihrer Familiengeschichte so eine außergewöhnliche Frau wie sie verbirgt? Wurde die Erinnerung an Sie in Ihrer Familie auf irgendeine Weise lebendig gehalten?

 

Im Jahr 2004 erfuhr ich bei einem Besuch bei meinem Großvater nur zufällig, dass er nicht der leibliche Vater meines Vaters ist. Das änderte nichts an meinem guten Verhältnis zu ihm, warf jedoch eine Menge Fragen auf, die mich in eine größere Familienforschung führten.

So erfuhr ich nur wenige Jahre später, dass mein biologischer Großvater Gustav Gohlke war, und dass wiederum sein Vater Otto Gohlke aus Landsberg an der Warthe kam und der Bruder von Marie Juchacz (und Elisabeth Kirschmann-Röhl – auch eine Politikerin der Weimarer Nationalversammlung 1919) war. Ich kannte Marie Juchacz bislang nur von einer Ein-Euro-Briefmarke. Die Informationen aus der Familie erhielt ich von meiner neuen Tante, die ich im Rahmen dieser Familiengeschichte kennenlernte. Aus all den Familieninformationen erfuhr ich, dass mein Großvater Gustav Gohlke ein echter „Lebemann“ war und mein Vater Manfred Struck noch einen weiteren Bruder und zwei Schwestern aus n drei weiteren Beziehungen seines Vaters hatte. Meine Mutter Linda Struck ist ein großes Organisationstalent. Sie schaffte es, die große neue Familie zu einem Ausflug nach Berlin zusammenzutrommeln, um dort im Reichstagsgebäude ein Bild von Marie Juchacz zu besichtigen. Als der AWO-Bundesverband (Arbeiterwohlfahrt) davon Wind bekam, kamen zwei sehr freundliche Stellvertreter der AWO, um uns zu treffen und uns durch die Räume des Bundestages zu führen. Der Präsident des AWO Bundesverbandes e.V. in Berlin, Wilhelm Schmidt und der damalige Vertreter der Verbandsangelegenheiten und Geschichte des AWO Bundesverbandes Hen Troost. Der Zweite beobachtete mich sehr intensiv, da ich wohl Marie Juchacz sehr ähnlich sehe. Ich erzählte ihm dann, dass ich zu ihr geforscht hatte.

 

 

Haben Sie während der Recherche irgendetwas über Marie Juchacz erfahren, was Sie überrascht hat oder besonders beeindruckt hat?

 

Ich war besonders beeindruckt von ihrer Hartnäckigkeit und ihrem starken Willen Pläne umzusetzen. Trotz eigener Schwierigkeiten nach dem Ersten Weltkrieg brachte sie 1919 die Energie auf die Grundlagen für die Bildung und Entwicklung einer Wohlfahrtsorganisation zu legen, die Hilfe zur Selbsthilfe von Arbeiter*innen für Arbeiter*innen leisten würde – Die Arbeiterwohlfahrt (AWO), die 2019 das 100ste Jubiläum feiert und sich zu einer der führenden Wohlfahrtsverbände in Deutschland entwickelt hat.

Aber natürlich habe ich auch ganz viel Neues erfahren. Die Zusammenarbeit mit der AWO öffnete mir die Türen zu den AWO-Archiven im Archiv der sozialen Demokratie in der Friedrich-Ebert-Stiftung in Bonn. Da lagen Akten voll mit Briefen und ich tauchte ab in eine andere Welt.
Darin war vor allem die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg beschrieben, in der Marie Juchacz noch mit ihrem Schwager Emil Kirschmann in ihrem Exil in den USA lebte, und von New York versuchte, beim Wiederaufbau der AWO zu helfen. Die hingebungsvollen Bemühungen, die Marie Juchacz mit fast 70 Jahren auf sich nahm, um zu helfen einen Paketversand nach Deutschland zu organisieren, und damit einen Funken der Hoffnung von Freunden aus den USA an Freunde in Deutschland zu senden, haben mich berührt und zu weiteren Recherchen bewegt.

Marie Juchacz blieb noch bis 1949 in New York, wo sie während des Krieges Zuflucht gefunden hatte und leistete von dort mit der AWO New York, die einzig für die Hilfe für die Menschen in Deutschland gegründet wurde, ihre Unterstützung.

 

2014 gab ich ein Radiointerview im WDR „Zeitzeichen“, daraufhin meldete sich bei mir eine Dame, deen Oma mit Marie Juchacz und vor allem ihrer Schwester Elisabeth Kirschmann-Röhl befreundet war. Auch sie könnte mir über die Art von Marie Juchacz mehr beibringen. Ich bewunderte, wie Marie Juchacz und ihre Schwester es geschafft haben, eine alternative Lebensgemeinschaft zu gründen, und gemeinsam mit und ohne die (Ehe-)Partner die Kinder immer zusammen zu erziehen und gemeinsam zu leben und zu wirtschaften. Ich war beeindruckt davon, dass Marie Juchacz meistens ganz überlegt gehandelt hat. Dass das was sie sagte Hand und Fuß hatte, auch, wenn sie sicher viel zurückstecken musste, wenn ihre vielen, guten Ideen nicht immer sofort auf Anklang stießen. Ihr Einsatz für den Frieden und die Frauenpolitik, die aus ihrer Sicht sehr eng mit dem Ersteren zusammenhing, hat mich sehr beeindruckt. Besonders, dass dieser Einsatz auch im Dialog von Mensch zu Mensch stattfand. Ich habe erfahren, dass Marie Juchacz selbst in den 1950er Jahren kurz vor ihrem Tod noch ein Buch verfasst hat. Es heißt: „Sie lebten für eine bessere Welt. Lebensbilder führender Frauen des 19. Und 20. Jahrhunderts“ (erschienen im Dietz Verlag Bonn 1955). Damit wollte sie das Vergessen, die Kluft, die durch das Schweigen in der Zeit des Nationalsozialismus entstanden war, überbrücken und über die Frauen, die auch ihr als Vorbild gedient hatten, berichten.

 

Auch nach meinem Buch über sie ging und geht meine Recherche weiter. Ich erfahre dauernd Neues. Es tauchen Quellen auf, ich begegne Menschen, die sich mit Themen beschäftigt haben, die die Biografie von Marie Juchacz streifen. Immer wieder fasziniert mich Marie Juchacz aufs Neue, ohne dass ich sie auf ein Podest heben möchte. Alle Menschen haben und machen Fehler, aber Marie Juchacz war eine Frau, die ich sehr gern gekannt hätte.

 

 

Welchen Eindruck haben Sie von Marie Juchacz basierend darauf, was Sie von ihr wissen? Was war Sie für eine Frau?

Sie verstand es sachliche Politik zu machen, ohne dabei Emotionen außenvorzulassen. Ich denke, sie handelte besonnen und konnte gut in die Zukunft denken, ohne dabei den Bezug zu dem zu verlieren, was unmittelbar wichtig war.

Einige wenige kannten Marie Juchacz persönlich. Wirkliche nahestehende Freunde berichteten, dass sie ein ernster, nachdenklicher Mensch war, aber mit ganzem Herzen bei einer Sache war, von der sie überzeugt war, dass sich dafür eingesetzt werden musste. Eine Frau, die aus innerer Berufung zu ihrer Aufgabe gefunden hat und die in ihrem Werk versuchte ihre Ideale zu verwirklichen. Auch im Freundeskreis unterstützte sie die Menschen um sich herum in dem Rahmen, in dem es ihr möglich war. So wurde auch sie in den USA von ihr nahestehenden Menschen unterstützt, als sie mit über 60 Jahren keine Möglichkeit hatte zu arbeiten. Sie wird als warmherziger Mensch beschrieben und ihre Art soll beruhigend und stabilisierend auf die Menschen um sie herum gewirkt haben. Diese Ruhe war wohl eher äußerlich, denn in ihrem Innern war sie getrieben von einem Gerechtigkeitssinn und dem Gefühl von Verantwortung für alle Menschen, die in sozialer Not waren.

Ich glaube sie nahm ihre jeweiligen Aufgaben, zu denen sie sich berufen fühlte, sehr ernst.
Manche Menschen kannten sie als die erste Abgeordnete, die im Reichstag sprach, die Politikerin, die Frauenrechtlerin, die Gründerin der Arbeiterwohlfahrt, die tragisch aus ihrer aktiven Arbeit gerissene Frau, die Mühe hatte in den USA zurecht zu kommen, die hilfsbereite Genossin, die sobald es wieder möglich war half ein Hilfsprojekt für Freunde in Deutschland auf die Beine zu stellen. Und manche Menschen kannten sie als Freundin. Die Marie Juchacz, die warm, anteilnehmend und fürsorglich war, für Babys strickte, deren Geburt bevorstand, diese Babys aus der Wiege nahm und an den Weihnachtsbaum trug, um ihnen die Kerzen zu zeigen. Die Marie Juchacz, die Briefe schrieb, wenn sie mit jemandem in den Dialog treten wollte, um aus ihrer Erfahrung zu schreiben, ohne dabei zu belehren. Sie war die Freundin, die stundenlang getrocknete Früchte, Nüsse und Mandel kleinhackte, um für alle Früchtebrot zu backen. Ihre Herzlichkeit war immer spürbar und kam in zahlreichen Gesten zum Ausdruck. Äußerlich erinnerte sie an Käthe Kollwitz, und genau wie sie hatte sie ein großes Herz. Die Marie Juchacz, die um ihre Schwester trauerte, die Frau, die sich um ihre Kinder sorgte zugleich ihren Kampf für die Rechte aller Kinder in den Vordergrund stellte.

Das Leben war nicht leicht für Marie Juchacz, aber sie beklagte sich nicht und trug ihr Schicksal mit Würde.

 

 

Weiß man etwas über ihr Elternhaus, ihre Familie? Wie ist es dazu gekommen, dass Marie Juchacz so einen Wissensdrang hatte? Was hat sie angetrieben? Wie ist zu einer Frauenrechtlerin geworden, zu Jemandem, für den soziale Hilfe, für die in Not so wichtig ist?

 

Ihr Vater Theodor Gohlke stammte aus dem Warthebruchland und stammte aus einer Familie von Bauern die zugleich Handwerker waren. Er war Zimmermann. Er machte sich in der Nähe von Landsberg in einem Dorf selbstständig und zog dann mit seiner kleinen Familie nach Landsberg an der Warthe, wo die Tochter Marie geboren wurde. Er war ein klarer, feinfühliger Mann und liebevoller Vater. Seine Frau Henriette Gohlke kam aus dem Landkreis Soldin in der Neumark. Die Eltern von Henriette Gohlke waren früh verstorben und sie hatte schon als Kind bei der Familie eines Müllers gedient. Sie besaß eine natürliche Intelligenz und konnte sogar die Kinder des Müllers bei den Hausaufgaben unterstützen. In Landsberg lebte die Familie Gohlke in einer Dachgeschosswohnung in der Küstriner Straße 50. Das Bett von der kleinen Marie war ein Kasten, den man auf Rollen unter dem Sofa herausziehen konnte. Beide Eltern zählten sich nicht zu den Arbeitern, da sie vom Land kamen und ein anderes Selbstbild hatten, obwohl sie, da der Vater in dieser Zeit Ende des 19. Jahrhunderts in Landsberg nicht viel verdiente, nicht anders lebten, als viele Arbeiterfamilien. Der Vater konnte Bücher aus der Gewerkschaftsbibliothek leihen. Diese Bücher waren den Kindern zugänglich. Es wurde viel diskutiert, auch mit den älteren Bruder Otto, der auch Mitglied der SPD wurde und die entsprechenden Zeitungen mit nach Hause brachte. 1888 sah die Mutter Henriette Gohlke der Geburt eines weiteren Kindes mit Sorge entgegen, da sie schon 42 Jahre alt war und Angst hatte, dass dieses Baby den anderen Kindern im Weg sein könnte. Was nicht abzusehen war, war, dass die neun Jahre jüngere Elisabeth die wichtigste Weggefährtin von Marie werden sollte. Früh entwickelte Marie Juchacz einen starken Gerechtigkeitssinn und versuchte Zusammenhänge zu begreifen. Besonders trieben sie Gedanken, die sich Rund um Krieg und Frieden drehten. Sie lernte, dass sich Frauen für den Frieden einsetzten, aber auch um ihr Recht kämpften. Ihr eigenes Schicksal und ein innerer Ruf nach Gerechtigkeit führte sie zu einem Leben für die Emanzipation der Frau, für die Anerkennung ihrer Rolle in der Gesellschaft, für den Kampf der Rechte für Frauen und Kinder, für die Gleichberechtigung aller Menschen.

 

 

Haben Sie oder jemand aus Ihrer Familie die Geburtsstadt von Marie Juchacz besucht? Haben Sie noch irgendeinen Bezug zu Landsberg?

Ja, meine Tante Heidi Karnowsky hat im Herbst 2018 mit ihrem Mann und einer Cousine die Stadt besucht. Leider konnte sie aus zeitlichen Gründen nur einen kurzen Eindruck gewinnen. Da ich schon lange dorthin wollte, werde ich vielleicht mit ihr zusammenfahren. Es gibt dort eine Marie Juchacz Straße. Ich freue mich schon sehr auf die Reise nach Gorzów Wielkopolski, die Stadt, aus der eine besondere Frau kam, die unter großen inneren und äußeren Kämpfen um einen Platz in der Gemeinschaft für alle unter Unrecht Leidenden rang – Marie Juchacz.

 

 

„Meine Herren und Damen“

“Ich erteile das Wort der Frau Abgeordneten Juchacz.”, so kurz und ohne Hinweis auf die Bedeutung dieses Augenblicks kündigte der Präsident der Weimarer Nationalversammlung, Constantin Fehrenbach (Zentrumspartei), am Mittwoch, 19. Februar 1919, den ersten Redebeitrag einer Frau im deutschen Parlament an. Die SPD-Politikerin Marie Juchacz wandte sich an die Abgeordneten mit der Anrede „Meine Herren und Damen” und löste damit laut Protokoll „Heiterkeit“ im Saal. Während ihrer Rede sagte sie unter anderem: “Ich möchte hier feststellen, und glaube damit im Einverständnis vieler zu sprechen, dass wir deutschen Frauen dieser Regierung nicht etwa in dem althergebrachten Sinne Dank schuldig sind. Was diese Regierung getan hat, das war eine Selbstverständlichkeit: sie hat den Frauen gegeben, was ihnen bis dahin zu Unrecht vorenthalten worden ist.” Juchacz meinte damit das Wahlrecht.

 

Die junge Marie Juchacz
Foto: picture alliance / Ullstein Bild

Bis 1918 spielten die Frauen im deutschen Politikbetrieb keine Rolle. Erst mit der Verordnung über die Wahlen zur verfassunggebenden deutschen Nationalversammlung vom 30. November 1918 wurde das aktive und passive Wahlrecht für “alle mindestens 20 Jahre alten männlichen und weiblichen Personen” eingeführt. Frauen strömten enthusiastisch an die Urnen. Über 82 Prozent der wahlberechtigten Frauen gaben ihre Stimme ab, 37 weibliche Abgeordnete, darunter Marie Juchacz und ihre jüngere Schwester Elisabeth Röhl, zogen ins Parlament ein. Einen Monat später trat die Sozialdemokratin erstmals an das Rednerpult.

 

Doch das Lebenswerk von Marie Juchacz auf diesen einen Augenblick zu reduzieren, wäre eine große Ungerechtigkeit. Die Tochter eines Zimmermanns aus Landsberg an der Warte arbeitete nach dem Abschluss der Volksschule als Dienstmädchen und Fabrikarbeiterin. Ihre Ehe mit Bernhard Juchacz scheiterte. Nach der Scheidung zog Marie mit ihrer Schwester und zwei kleinen Kindern nach Berlin. Sie tritt in die SPD ein, wird Mitglied des Parteivorstandes, ist für die Redaktion der Zeitschrift „”Die Gleichheit – Zeitschrift für die Interessen der Arbeiterinnen” zuständig. Als Abgeordnete widmet sie sich vor allem der Sozialpolitik. Ihre wohl größte sozialpolitische Leistung war die Gründung der Arbeiterwohlfahrt (AWO) im Dezember 1919. Nach der Machtübernahme durch Hitler muss Juchacz fliehen. Aber auch in der neuen Heimat USA gründete sie die “Arbeiterwohlfahrt USA – Hilfe für die Opfer des Nationalsozialismus”, die nach Kriegsende mit Paketen Menschen im zerstörten Deutschland geholfen hat. Im Jahr 1949 kehrte Marie Juchacz nach Deutschland zurück, wo sie am 28.Januar 1956 im Alter von 76 Jahren starb. In ihrer Heimatstadt Landsberg an der Warte wurde der Name Juchacz nicht völlig vergessen. Es gibt eine Marie-Juchacz-Straße, ihren Namen trägt auch eine Sozialeinrichtung.

 

adur

Quelle: www.bundestag.de/textarchiv