Am 29. September wird deutschlandweit erstmals der „Tag der Tomate“ gefeiert. Damit wird dem Lieblingsgemüse der Deutschen eine besondere Ehre zuteil. Auch die Schlesier lieben dieses Gemüse sehr und haben sogar eine eigene Tomatensorte gezüchtet – die Schlesische Himbeere.

 

Rosemarie Weise aus dem niederschlesischen Reichenbach/Oberlausitz ist stolz auf ihre Schlesische Himbeere.
Foto: Dagmar Ickert

 

 

Wer der Schlesischen Himbeere einen Besuch abstatten will, muss schon etwas Ausdauer mitbringen. Doch wo beginnt man die Suche nach dem rosaroten „Paradeiser“? Während am Stielansatz die Kelchblätter fast schon majestätisch wie ein Krönchen posieren, erinnert die Form eher an eine Himbeere.

Bekannt wurden Tomaten hierzulande erst, als Seefahrer im 16. Jahrhundert aus der Neuen Welt verschiedene Tomaten nach Europa brachten. Das war für die damalige Zeit ein so exotisches Gemüse, dass man die Früchte Goldäpfel oder Paradiesäpfel nannte. Sicher hatte man dabei den Sündenfall von Adam und Eva im Kopf. Die Tomatenfrucht, die einem Apfel ähnelt und meist rot ist, wird im Süden des deutschen Sprachraums auch heute noch „Paradeis-Apfel“ genannt.

 

Du Schwarze, du blonde, du braune …

Auf dem Görlitzer Wochenmarkt meint man die Schlesischen Himbeere zu finden – Tomaten von gelb bis orange, rosa bis kirschrot und schwarzgrün gestreift, nicht weniger üppig die Formen von fleischig groß, über oval und eiförmig, bis hin zur kleinen Cocktailtomate, so dass man sich für keine entscheiden kann. Einer der Gemüsehändler nennt sich „Adam, der Strohhutmann“. Wie passend der Name, das Ziel scheint zum Greifen nah. Aber Schlesische Himbeeren hat er nicht im Sortiment. Hier auf dem Wochenmarkt nennen alle die rosafarbigen Fleischtomaten einfach nur Himbeertomaten und Adam, der polnische Wurzeln hat, meint: „In Breslau auf dem Großmarkt bekommst Du alles.“ Da es aber schon einige Neuzüchtungen gibt, ist die alte Sorte eher selten am Start. Auf der anderen Seite der Stadt, auf dem polnischen Wochenmarkt, findet man sie öfters. Vom Großhandel bezieht er seine Tomaten allerdings nicht, sondern hier ganz aus der Nähe und er weiß auch, wo man die gesuchte Diva finden kann.

 

 

 

 

Zu Gast bei wahren Himmelsstürmern

Hinter der Stadt, 20 km Richtung Nordwest zwischen Niesky und Reichenbach, scheinen Tomaten in den Himmel zu wachsen. Ohne zu Naschen verlässt hier keiner das Folienzelt. Ein Tomatenparadies, hier reifen Tomaten noch in Erdkultur, ohne Zusatzlicht, von Hummeln und tierischen Nützlingen umschwärmt. Stefan Jung, von der gleichnamigen Gärtnerei in Hilbersdorf kennt sich aus. Ohne regelmäßige Pflege, wird daraus schnell ein Tomatendschungel. Wenn die Pflanzen den Zenit des Hauses erreicht haben, werden sie an ihren Schnüren heruntergelassen und schräg durch das Zelt geleitet. Die Saison geht von Mai bis Anfang November, und in der übrigen Zeit des Jahres verlangen die Jungpflanzen der nächsten Saison die ganze Aufmerksamkeit des Gärtners. Um den Hobbygärtnern unter die Arme zu greifen, findet sich auch immer ein warmes Plätzchen für die Jungpflanzen der Schlesischen Himbeere, die man im Erwerbsanbau allerdings vergeblich sucht. Das hat mehrere Gründe, erklärt Stefan Jung. Die Himbeere hat eine dünne Schale, reift sehr schnell und in den Verwachsungen oder am Blütenende, die das besondere Aussehen der Frucht ausmachen, bilden sich schnell Schadstellen. Die entsprechen aber nicht dem Idealbild des Handels. Auch ist diese Sorte, wie viele der alten Sorten, empfindlicher gegenüber Krankheiten. Neue Sorten haben dagegen durch die entsprechende Züchtung mehr Resistenzen und bleiben länger gesund.

 

Die schönen Töchter der Mutter Natur

Weiter geht die Reise am Fuß der Königshainer Berge. Waltraud Junge-Bucher freut sich über ein erfolgreiches Tomatenjahr. In ihrem kleinen Glashaus staunt man nicht schlecht. Klangvolle Namen wie die Schwarze Krim oder der Rote Russe scheinen einem Märchen entsprungen zu sein. Auch die Green Zebra zeigt schon erste Früchte, hingegen ziert sich die Ananastomate noch mit dem Reifen. Von jeder Sorte findet man aber nur eine Pflanze. Und dann, es ist sicher, das Ziel ist erreicht. Pinkrot leuchtet eine Fleischtomate. Endlich ist die historische deutsche Sorte, deren Ursprung aller Wahrscheinlichkeit nach in Schlesien liegt, gefunden. Waltraud Junge-Bucher baut diese Sorte schon viele Jahre an. Um Samen aus den Früchten zu bekommen, sollte man nicht bis zur letzten Frucht warten, erzählt sie. Denn jede Frucht enthält nur wenige Samenkörner, das sei typisch. Am liebsten kocht die Hilbersdorferin daraus Tomatensaft und weckt ihn für den Winter ein. Mit etwas eingekochtem Paprika dazu ist in der kalten Zeit schnell eine warme Suppe zubereitet.

Noch eine weitere Station gibt es auf der Suche nach der Tomate mit dem rosaroten Fruchtfleisch. Einer Bekannten im Nachbarort hat sie einige Jungpflanzen gegeben. „Das muss man gesehen haben.“ und wenig später wird deutlich, dass dieses Jahr sogar der Anbau im Freiland schöne Himbeeren gedeihen ließ. Rosemarie Weise wohnt in einem Ortsteil von Reichenbach/OL und freut sich über die reiche Ernte. Wie sie erzählt, gibt es bei ihr Tomaten nur in der Saison, auch alles andere kommt aus dem eignen Garten. „Mit dem Rhabarber beginnt es und bis zu den Kürbissen wird alles verarbeitet“, sagt Rosemarie Weise. Tomaten kauft sie nie im Supermarkt. Wenn die letzte Tomate verarbeitet ist, dann heißt es sich bis nächstes Jahr gedulden.

 

Die Sehnsucht nach Würze und Aroma

Warum wird der Anbau der Schlesischen Himbeere immer beliebter? Wie bei vielen historischen Sorten ist es die neue Wertschätzung regionaler Produkte – Hand in Hand mit der Sehnsucht nach Würze und Aroma statt gleichgeschalteter Geschmacklosigkeit, bei maximaler Schalenfestigkeit und endloser Haltbarkeit. Hier hat alles wieder seine Zeit. Die Freude über die ersten reifen Tomaten bis hin zur regelrechten Schwemme, in der alle Kräfte gebündelt werden müssen, um für den Winter die Schätze haltbar zu machen, sind wunderbare Erfahrungen und wecken Kindheitserinnerungen. Denn bald kommt wieder die lange Zeit der Entbehrung. Bis zur nächsten Saison, auf die man warten lernt, wie früher auf das Christkind an Heiligabend.

 

Dagmar Ickert/kan