Wochenblatt – Gazeta Niemców w Rzeczypospolitej Polskiej

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Saturday, August 13, 2022

Jüngste Stadt, größtes Dorf

 

 

Hindenburg ist eine typische Industriestadt. Sie entwickelte sich aus mehreren Industriedörfern. Doch was den Namen der Stadt angeht, ist sowohl Zabrze als auch Hindenburg richtig.

 

Die Sankt Antonius Kirche wurde in den 1920er Jahren aus einem Tanzsaal in eine Notkirche umgewandelt. Als Notlösung gedacht, funktioniert sie bis heute.
Foto: Manuela Leibig

 

 

„Bis 1915 hieß der Ort offiziell Zabrze. Erst nach dem Sieg Paul von Hindenburgs in einer Schlacht in Ostpreußen wurde die Stadt umbenannt. Es gab eine große Euphorie und mehrere Orte in Deutschland wurden umbenannt. So erhielt der Ort Zabrze 1915 den eindeutig deutschen Namen. Ich sage absichtlich Ort und nicht Stadt, weil Zabrze, bzw. Hindenburg damals noch keine Stadt war“ so Dawid Smolorz Regionalforscher und Journalist.

 

 

 

Größtes Dorf Europas

Die größte Entwicklung des Industrieortes erfolgte dank des Bergbaus, des Hüttenwesens und der Eisenbahn. Anfang der 1920er Jahre hatte der Ort annähernd 60-tausend Einwohner, mehrere große Industriebetriebe, drei Bahnhöfe, eine elektrische Straßenbahn, ein Kraftwerk, ein Gaswerk, eine Brauerei, Gymnasien, aber eines hatte der Ort nicht, nämlich das Stadtrecht. Hindenburg wurde als größtes Dorf Europas bezeichnet. „Natürlich bemühte sich die lokale Verwaltung um die Verleihung des Stadtrechts, aber jedes Mal wurden die Versuche von den hiesigen Industriellen torpediert, weil sie mit Recht erwarteten, dass in einer Stadt ihre Tätigkeit eingeschränkt wird, z. B. durch Raumplanung und ähnliches. Erst 1922 gelang es der Stadt, schon in einer veränderten Situation – nach einer Teilung der Region – das Stadtrecht zu erhalten“ erforschte Dawid Smolorz.

 

 

Jüngste Stadt Deutschlands

Nach der Verleihung der Stadtrechte nannte man Hindenburg oft die jüngste Stadt Deutschlands. 1922 war auch aus einem anderem Grund eine wichtige Zäsur: die Region wurde geteilt. Für Hindenburg bedeutete das, dass es zu einer Grenzstadt wurde. In den 1920er und 30er Jahren deckte sich die Grenze der Stadt im Süden und im Osten mit der neuen Reichsgrenze zwischen Deutschland und Polen. Die polnische Grenze war auch teilweise von der Innenstadt zu Fuß zu erreichen, es gab mehrere Grenzübergänge. Einer war ganz besonders, weiß Dawid Smolorz: „Man konnte z. B. mit der Straßenbahn die Grenze passieren. Die Linie 5, die das deutsche Hindenburg mit dem deutsch verbliebenen Beuthen verband, verkehrte in den ersten Jahren nach der Teilung, bis 1929, über das polnische Territorium. Das lief nach dem so genannten Prinzip des privilegierten Transitverkehrs, d. h., die Fahrgäste brauchten keine Pässe, keine Grenzausweise, weil die Linie als eine deutsche Linie galt. Die Straßenbahn musste, als sie Hindenburg verlassen hat, am Grenzübergang stehen bleiben, in den Wagen stiegen polnische Beamte, unter deren wachsamen Auge fuhr die Straßenbahn über das polnische Gebiet. 1,5 km weit, also keine weite Reise, bis zum nächsten Grenzübergang schon in Bobrek, also in Beuthen, wo die polnischen Grenzbeamten ausstiegen und die Waggons über das Reichsgebiet weiter fuhren bis zur Endstation in Beuthen“

 

Die Josephkirche in Hindenburg, gegenüber dem Stadion, gilt allgemein als das originellste Gotteshaus, das im 20. Jahrhundert in Oberschlesien entstand.
Foto: Manuela Leibig

 

 

Josephkirche, rasante Entwicklung
Mit der Stadtwerdung 1922 begann für Hindenburg ein neues Kapitel. Eine rasante Entwicklung, es entstanden nicht nur viele imposante neue Gebäude, sondern auch Kirchen. Ein Beispiel ist die Josephskirche. Knapp ein Jahr lang wurde sie gebaut. Sie gilt allgemein als das originellste Gotteshaus, das im 20. Jahrhundert in Oberschlesien entstand. „Viele fragen sich, wenn sie die Kirche zum ersten Mal sehen, was das eigentlich ist, weil es ein bisschen wie eine Burg aussieht. Einige sagen Burg des Deutschen Ritterordens, einige wiederum denken, das sei vielleicht eine Fabrik. Aber das war auch die Idee des Architekten Dominikus Böhm, es sollte eine Kirche entstehen, die es so in dieser Form in der Region noch nicht gegeben hat“ erzählt Dawid Smolorz.

 

 

Sehenswert

Zu den interessanten Objekten in Hindenburg ist auch der Admiralspalast zu zählen: „Es ist ein Hotel, das Mitte der 1920er Jahre erbaut wurde. Für die damalige Zeit fast ein Wolkenkratzer, auch ein kontroverses Konzept damals, weil es architektonisch ganz anders war als die eleganten Bürgerhäuser der damaligen Zeit“ so der Regionalforscher. Der Admiralspalast war ein Gebäude, das sehr schnell zum Wahrzeichen der Stadt wurde, nicht nur das eleganteste Hotel in der Stadt, sondern wirklich ein Symbol des modernen Hindenburgs. Erwähnenswert sind auch die vielen Wohnsiedlungen, die in den 1920-30er Jahren entstanden. Sehr modern und komfortabel eingerichtet, zum Teil schon mit Heizkörpern, fließendem Wasser, Badezimmer und Toilette. „Hervorzuheben ist, dass es nicht nur Wohnungen für Reiche waren, sondern Siedlungen für Normalverdiener, die sich das auch mit günstigen Krediten leisten konnten. Gagfah war so eine Siedlung oder Dewok. Bei der letzeren hat man sich noch in den 80er Jahren gefragt, wann sie entstanden ist, ob in den 60er oder den 70er Jahren“ so Dawid Smolorz.

 

 

Notkirchen

Typisch für Hindenburg ist das Phänomen der Notkirchen. Es gab nicht nur einen Mangel an Wohnungen. Auch Kirchen gab es bei dem rasanten Bevölkerungszuwachs zu wenige. Notkirchen waren Gotteshäuser, die bereits in bestehenden, umfunktionierten Gebäuden entstanden sind. Die Diözese erwarb existierende Gebäude und ließ sie umfunktionieren. Die Antoniuskirche entstand in einem früheren Restaurant, die Heilig Geist Kirche in einer Gaststätte und die Camiliuskirche in einem Theatersaal. „Es wurde auf eine Lösung zurückgegriffen, die bereits aus anderen deutschen Metropolgebieten bekannt war. All das war als Notlösung bekannt, deswegen auch die Bezeichnung Notkirchen, aber die meisten dieser Kirchen existieren bis heute in diesen Gebäuden“

Hindenburg bleibt nach wie vor eine schlesische Großstadt, aber vieles hat sich in den letzen 20 Jahren verändert. Der Ort galt früher als großes Bergbau- und Hüttenzentrum – das ist mittlerweile Geschichte. Außer einem kleinen Bergwerk gibt es heute keine funktionierende Grube mehr. Die Infrastruktur wird vom Museum des Kohlenbergbaus in Hindenburg betreut.

 

 

Manuela Leibig

 

 

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