Wochenblatt – Gazeta Niemców w Rzeczypospolitej Polskiej

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Wednesday, August 10, 2022

Kein Grund zur Scham (+Video)

Die Volkszählung in Polen, bei der nicht nur nach Bildungsstand und Wohnverhältnissen, sondern auch nach der Nationalität gefragt wird, begann am 1. April. Sowohl die deutsche Minderheit als auch die Statistischen Ämter rühren die Werbetrommel für das Ereignis, an dem alle Einwohner teilnehmen müssen.

 

Alle 10 Jahre wird eine Volkszählung organisiert – und das europaweit. Ziel ist es zu erfahren, wie die Lebensverhältnisse der Menschen sind, um sie auch international vergleichen zu können. Es werden aber auch sehr private Fragen gestellt, wie z. B. nach der Nationalität. Dabei ist wichtig, dass Nationalität nicht gleichzusetzen ist mit Staatsbürgerschaft, sagt Renata Wasilewska, stellvertretende Direktorin des Statistischen Amtes in Oppeln: „Die Fragen nach der Nationalität haben einen deklarativen Charakter und man muss hier die völlige Subjektivität betonen. Die Person, die antwortet, richtet sich hierbei nach ihren Emotionen und Gefühlen. Sie gibt an, welcher Nationalität sie ist, wie sie das fühlt. Das hat mit der Staatsbürgerschaft, die z. B. im Personalausweis steht, nichts zu tun“.

 

Materiały promocyjne z tym logiem VdG mają przekonać członków mniejszości niemieckiej do deklarowania swojej niemieckiej narodowości. Fot. VdG

 

Datenschutz

Das Statistische Amt in Oppeln ist eines von 16 in Polen, das die Volkszählung überwacht. Und diese findet vor allem als Selbstzählung über das Internet statt. Die zweite Möglichkeit ist, dass ein Volkszähler die Bewohner anruft. Wenn auch so eine Zählung unmöglich sein wird, bekommt man von dem Volkszähler einen Besuch zuhause. In beiden letzten Fällen ist es also so, dass jemand anderes für uns das Zählungsformular ausfüllt. Das Statistische Amt in Oppeln betont aber, dass man keine Sorgen haben muss, dass die Daten verfälscht würden. „Die Personen, die bei den Menschen anrufen werden, sind Mitarbeiter des Statistischen Amtes in Oppeln. Es liegt in unserem Interesse, dass die Angaben der Interviewten so, wie sie gemacht wurden, in das Formular einfließen, denn uns als Statistikern ist an der wahrheitsgetreuen Realitätswiedergabe gelegen. Bei den Volkszählern, die die Menschen in ihren Häusern besuchen werden, handelt es sich zwar um Außenstehende, die von den Gemeinden in einem polenweiten Verfahren rekrutiert wurden. Sie haben aber auch Schulungen und Prüfungen hinter sich. Außerdem legten sie einen Eid ab, dass sie das statistische Geheimnis wahren und ihre Rolle zuverlässig ausführen werden, also nur das schreiben, was sie von den Interviewten auch hören“, sagt Monika Bartel, Pressesprecherin des Statistischen Amtes in Oppeln

 

 

Werbekampagne

Um den Menschen die Angst vor der Volkszählung, aber auch vor der Angabe der Nationalität zu nehmen, hat das Statistische Amt in Oppeln einen Flyer herausgegeben. Dieser wird in die Minderheitensprachen übersetzt und soll auch über die Strukturen der deutschen Minderheit verteilt werden. Auch der Verband deutscher Gesellschaften und die Sozial-Kulturelle Gesellschaft der Deutschen im Oppelner Schlesien rührt die Werbetrommel für die Volkszählung und die Angabe der deutschen Nationalität. Dabei sollen in Polen nicht nur die Mitglieder der Organisationen der deutschen Minderheit erreicht werden. Denn Deutscher ist nicht nur, wer einen deutschen Pass oder den Staatsangehörigkeitsausweis hat, wird im VdG betont. „Nicht unbedingt wohnen die Menschen auch in diesen Gebieten Polens, wo die deutsche Minderheit aktiv und tätig ist. Wir wollen auch diejenigen erreichen, die in Großstädten wie Krakau, Warschau, Lublin wohnen. Ich kenne selbst Menschen in Lublin, die sich als Deutsche fühlen, aber dort gibt es keine Strukturen der deutschen Minderheit. Und deswegen reden wir von einer breiten Kampagne, die auch diese Menschen irgendwo erreichen kann“, sagt der VdG-Vorsitzende Bernard Gaida.

Zu solchen Menschen, die heute nicht Mitglied einer Organisation der deutschen Minderheit in Polen sind und da leben, wo es keine organisierten Strukturen der Volksgruppe gibt, gehört der Posener Jurist Piotr Kowalski. Er steht offen zu seiner deutschen Herkunft und sieht keinen Grund, sich zu verstecken. „Ich denke, man muss keine Angst davor haben, wer man ist. Wenn wir uns vor unserer Herkunft, die aus der Geschichte, der familiären Verbindungen resultiert, fürchten, dann werden wir uns doch als niemand fühlen. Wenn wir sagen, wir sind Deutsche, Polen, Russen, dann ist es doch eine Kontinuität unserer Familiengeschichten, unserer Traditionen und darauf sollte man stolz sein. Ich sehe keine Probleme darin und keinen Grund zur Scham. Deshalb deklariere ich die deutsche Nationalität in der Volkszählung, weil das aus der Familiengeschichte väterlicherseits resultiert und daraus, dass ich mich einfach als Deutscher fühle“, meint Piotr Kowalski.

 

 

Doppelidentität

Bei der Volkszählung werden aber gleich zwei Fragen nach der Nationalität gestellt. Die eine eindeutig: Welcher Nationalität sind sie? Die andere als Zusatz: Mit welcher anderen Nation oder ethnischen Volksgruppe fühlen sie sich noch verbunden. Dieser Umstand ist für viele Menschen in der deutschen Minderheit, die sich mit mehr als einer Nation verbunden fühlen, eine gute Möglichkeit, das zu zeigen. „Ich werde mich natürlich als Deutsche in der Volkszählung ankreuzen, was ich auch den anderen empfehle. Das ist unser Recht und Privileg zu sagen, dass wir nicht eine Nationalität haben, sondern zwei und das bereichert uns. Das ist kein Grund zur Schande, sondern darüber sollten wir uns freuen und ich hoffe, dieser Meinung sind auch die Menschen der deutschen Minderheit und die Menschen in der Region, dass sie erkennen: Ja, wir können auch die zwei Optionen ankreuzen und das machen wir auch“, sagt Zuzanna Herud aus der Oppelner Region.

Einige Organisationen der deutschen Minderheit wollen ihren Mitgliedern bei der Volkszählung helfen und laden sie ab dem 1. April in die Begegnungsstätten ein. Dort stehen dann Menschen bereit, um bei der Ausfüllung des Online-Formulars zu unterstützen. Fragen Sie in ihrem DFK nach.

Rudolf Urban

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