Ab nächstes Jahr fahren wieder reguläre EC-Züge von Berlin über Frankfurt (Oder) nach Breslau und Krakau. Polen-Koordinator Dietmar Woidke spricht auf dem vierten „Deutsch-Polnischen Bahngipfel“ am 8. Mai in Breslau von einem „großen Erfolg“. Die „Initiative deutsch-polnischer Schienenpersonenverkehr“ sieht das anders.

 

Auch in den kommenden jahren wird es wohl keine Dirketverbindung von Breslau nacg Dresden geben.
Foto: Marie Baumgarten

 

Die ab dem nächsten Jahr geplanten EC-Züge von Berlin über Frankfurt (Oder) nach Breslau und Krakau würden endlich eine Lücke schließen und wichtige Wirtschaftszentren wieder per Bahn miteinander verbinden, teilte der Polen-Koordinator der Bundesregierung, Brandenburgs Ministerpräsident Dietmar Woidke am 8. Mai auf dem vierten „Deutsch-Polnischen Bahngipfel“ in Breslau mit. Der Kulturzug zwischen Breslau und der deutschen Hauptstadt solle bis Ende 2020 weiterfahren, erklärt Woidke. „Er hat dann seine Mission erfüllt – nachzuweisen, dass es ein großes Interesse an dieser Verbindung gibt.“ Genau darin aber sieht die Sprecherin der „Initiative deutsch-polnischer Schienenpersonenverkehr(KolejDEPL)“, Anja Schmotz, das Problem:
„Die Wiedereinführung der EC-Züge ist erfreulich, sie wird aber faktisch den Kulturzug ersetzen, der bisher in der Regel eine andere Route bedient.“ Das würde konkret bedeuten, dass Cottbus seine Direktverbindung nach Breslau und Żary/Żagan ihre Direktverbindungen nach Dresden verlieren. „Außerdem soll ein Kulturprogramm nur noch sporadisch angeboten werden – schade um dieses schöne, innovative Angebot“, so Schmotz.

 

 

Anja Schmotz
Foto: Marie Baumgarten

 

 

Sorgenkind Görlitzer Bahnhof

Auch die ausstehende Elektrifizierung des Görlitzer Bahnhofes mit dem polnischen Bahnstrom bereite der „Initiative deutsch-polnischer Schienenpersonenverkehr“ große Sorgen. Zwar berichtete Woidke nach dem Bahngipfel über die laufenden Bund-Länder-Verhandlungen zum Strukturstärkungsgesetz zur Unterstützung der vom Kohleausstieg betroffenen Regionen. Es stünden Mittel bereit, die für eine durchgehende Elektrifizierung der Strecken Dresden-Breslau und Berlin-Breslau genutzt werden sollen, und man sei sich einige, den Bahnhof Görlitz mit dem polnischen Stromnetz zu verbinden.

Doch Schmotz kritisiert, dass die Vorhaben noch auf die definitive Finanzierungszusage warten würden und eine konkrete Angabe zur Fertigstellung ausstehe. „Wir hoffen sehr auf das Strukturstärkungsgesetz, aber dies kann über Versäumnisse der letzten Jahre, die Infrastruktur auszubauen, nicht hinwegtäuschen.“ Immerhin ist bereits seit 2003 vertraglich zwischen Polen und Deutschland festgehalten, dass die Strecke Breslau – Dresden elektrifiziert werden soll. „Bald wird der Fahrdraht von der niederschlesischen Hauptstadt bis zur Staatsgrenze hängen – und in Deutschland weiß man noch nicht einmal, wann genau und woher das Geld für den Ausbau kommen wird“, so Schmotz

Dass nicht einmal für die Teilelektrifizierung des Bahnhofs Görlitz eine kurzfristige Finanzierungsoption gefunden wurde, ist für Schmotz „unfassbar“. Denn das bedeute, dass Reisende in den nächsten fünf bis zehn Jahren auf Fahrten zwischen Sachsen und Niederschlesien in Görlitz-Ost (Zgorzelec) umsteigen müssen, so Schmotz.

 

Seit 2003 ist vertraglich festgehalten, dass die Strecke Breslau-Dresden elektrifiziert wird.
Foto: Marie Baumgarten

 

Projekt „Ostbahn“

Mehr Verbindlichkeit wünscht sie sich auch für die Entwicklung der „Ostbahn“, also die Verbindung Berlin-Küstrin-Gorzów. Woidke betonte, dass die Strecke mehr als nur eine regionale Verbindung sei, die eben nicht an der polnischen Grenze ende, sondern Berlin/Brandenburg mit den Nachbarn verbinde. Daher wolle er sich für einen zweigleisigen elektrifizierten Ausbau dieser Strecke einsetzen. Doch: „Auch hier brauchen wir konkrete Entscheidungen und Finanzierungszusagen für den deutschen wie auch den polnischen Streckenabschnitt“, fordert Schmotz. Immerhin: Dass die Bedeutung der Ostbahn langsam auch bei den politischen Entscheidungsträgern wahrgenommen wird, „das ist gut“, sagt Schmotz. „Dieses grenzüberschreitende Denken hätten wir uns viel früher gewünscht.“

 

Metropolregion Stettin

Große Pläne gibt es auch die Infrastruktur-Entwicklungen der Metropolregion Stettin. Für die Zeit nach dem Abschluss der Elektrifizierungsarbeiten an der Strecke Berlin-Stettin soll gemeinsam mit der polnischen Seite ein Plan zur Organisation des Verkehrs und die Anbindung an eine geplante Stettiner S-Bahn entwickelt werden, heißt es. Davon versprechen sich beide Seiten Entwicklungsschübe für Vorpommern und das nördliche Brandenburg. Anja Schmotz gibt jedoch zu bedenken: „Die polnische Seite muss erst einmal prüfen, ob sie auch zweigleisig ausbaut. Polen hatte sich ja zunächst auf die Pläne der deutschen Seite ausgerichtet, die anfangs nur eingleisig bauen wollte. Es geht nun also darum, dass Berlin-Stettin nicht nur komplett elektrisch, sondern auch zweigleisig gebaut wird.“

 

Verbesserungen auf der Strecke Berlin-Posen-Warschau

Nur vorsichtiger Optimismus auch gegenüber den von der polnischen Bahn angekündigten Verbesserungen auf der Strecke Berlin-Posen-Warschau. Ab 2020 soll das Angebot schrittweise von jetzt vier auf sieben Zugpaare täglich erhöht werden. „Hier muss man auf die Formulierung achten“, räumt Schmotz ein. „Gemeint ist eine Angebotserweiterung ab 2020. Die sieben Zugpaare sind der Zielwert, der circa 2023 erreicht werden soll.“ Angebotserweiterungen heiße KolejDEPL generell gut. „Wir fordern aber, dass auf den Kernstrecken ein Zweistundentakt eingeführt wird. Wichtig ist, dass die Fahrtzeiten unter vier Stunden sinken. Das ist die kritische Marke, wenn die Eisenbahn auf Strecken konkurrenzfähig zum Flugzeug sein will“, sagt Anja Schmotz.

An dem vierten Spitzentreffen dieser Art nahmen neben Woidke die Deutschland-Koordinatorin der polnischen Regierung, Renata Szczęch, Bahnvorstand Ronald Pofalla, die Spitzen der polnischen Staatsbahnen sowie hochrangige Verkehrspolitiker aus Deutschland und Polen teil.

 

 

Marie Baumgarten