Als im Januar 1945 der Krieg nach Schlesien kommt, ist Elfriede Mikołajec 14 Jahre alt. An eine unbeschwerte Jugendzeit ist nicht zu denken. Die Rote Armee überrollt das Land und Elfriede Mikołajec muss wie Tausend andere aus der Heimat flüchten. Ihre Erinnerungen hat Elfriede Mikołajec festgehalten – als Mahnung an die Nachwelt.

 

 

BU: Ihre Erinnerungen an die tragischen Ereignisse vom Winter 1945 hat Elfriede Mikołajec niedergeschrieben und vervielfältigt – handschriftlich!
Foto: Marie Baumgarten

 

 

Wenn der Name „Solarnia“ fällt, denken viele sicher zuerst an die deutsch-polnische Schule in dem rund 500-Einwohner-Ort im Kreis Kandrzin Kosel. Kinder der deutschen Minderheit und der polnischen Mehrheit lernen hier gemeinsam Deutsch als Minderheitensprache. Dass das heute möglich ist, dafür hat sich Elfriede Mikołajec eingesetzt, die selbst einmal Lehrerin war. Nicht zufällig hat sie Deutsch und Polnisch unterrichtet, die zwei Sprachen, die in der Geschichte Schlesiens immer schon parallel funktioniert haben. Elfriede Mikołajec hat Polnisch allerdings erst spät gelernt, als sie 1946 von der Flucht zurück in die Heimat kam und hier eine neue Realität vorgefunden hat. Denn Oberschlesien gehörte jetzt zu Polen. Doch von Anfang an:

 

Erinnerungen niedergeschrieben und handschriftlich vervielfältigt

Elfriede Mikołajec, schlank mit silberweißen Locken und dem frisch aufgetragenen Lippenrot, sucht in ihren Unterlagen nach einigen Aufzeichnungen. Erst vor Kurzem hat sie ihre Erinnerungen an die tragischen Ereignisse vom Winter 1945 niedergeschrieben und vervielfältigt – handschriftlich! Eine Mahnung an die Nachwelt. „Was geschehen ist, darf sich nicht wiederholen“, sagt die 87-Jährige. Sie stammt aus einer deutschen Familie, die bis zum Kriegsende in Kranstädt lebt. Schon im Dezember 1944 ahnt die Familie, dass sie vielleicht das letzte gemeinsame Weihnachtsfest verbringen würde. „Es gab noch einen geschmückten Christbaum und kleine Geschenke“, erinnert sich Elfriede Mikołajec. „Aber täglich hörten wir Schüsse und Fliegerangriffe. Oma und Opa lebten in unserem Keller. Die Rote Armee stand schon einige Tage in Ratibor vor der Oder. Papa kam für einige Stunden zum Urlaub vom Volkssturm.“

Als schließlich im Januar 1945 die Rote Armee einrückt, nimmt die Mutter ihre Elfriede und die drei anderen Kinder und erreicht noch den letzte Zug am großen Bahnhof in Kranstädt. Nur Frauen mit Kindern dürfen mitfahren. Der Vater bleibt zurück. „Es war kalt, Frost, weiß ringsum. Wir durften nur Handgepäck mitnehmen und etwas zu essen“, erinnert sich Elfriede Mikołajec.
„Wir wussten nicht, wohin wir fahren. Einige Male stand der Zug auf dem toten Gleis oder in einem Tunnel. Immer wieder wurden Leichen abgeladen. Es fehlte an Wasser und Brot.“

 

 

Die lange Flucht

Es vergehen Tage, Wochen, Monate. Immer wieder passiert die Familie Flüchtlingslager in Tschechien. In Erinnerung bleibt vor allem das Lager in Marienbad. Der Krieg ist zu Ende, und von amerikanischen Soldaten bekommt Elfriede Brot und runde schwarze Schokolade. Doch das hilft über den Hunger nicht hinweg. Die Mutter wiegt nur noch 54 Kilogramm und weiß nicht, wie sie das jüngste Kind stillen soll. Dann ein anderer Schicksalsschlag: Elfriedes Bruder erkrankt an Kinderlähmumg. „Er blieb bis zu seinem Tode 2018 steif“.

Dazu kommen die unzureichenden hygienischen Bedingungen: „In unseren Baracke hausten Wanzen. Jeden Morgen war ich mit Blutpocken bedeckt. Einige Wunden waren so tief, dass bis heute Narben davon geblieben sind, vor allem an den Beinen“, sagt Elfriede Mikołajec.
Ende des Jahres 1945 wird die Familie zusammen mit anderen Familien aus Kranstädt aus dem Lager entlassen. Durch das Rote Kreuz ist mitgeteilt worden, dass der Vater und die Großeltern noch leben. Das gibt der Mutter neue Kraft und sie hat nur ein Ziel: nach Hause.

 

 

Zu Hause ist jetzt Polen

Dass zu Hause die Realität mittlerweile eine andere ist, dass Oberschlesien jetzt zu Polen gehört, darüber hatte niemand gesprochen – die Familie hatte also keine Ahnung, was auf sie zukommen würde. Mit dem Zug kommen sie nachts am Ratiborer Bahnhof an. In ihrer Not übernachten sie auf den Toiletten. „Ich weiß nicht, wie die Nachricht nach Kranstädt kam, aber am nächsten Tag kam der Nachbar mit dem Pferdewagen, um uns abzuholen. Auch Papa war dabei.“ Die Freude über die Heimkehr und das Wiedersehen sind größer als das Hadern mit den neuen Umständen. „Wir waren arm, aber endlich zu Hause.“

1947 kommt Elfriede Mikołajec in die Volksschule in Kranstädt – zu einem Polonisierungskurs. „Wir waren in der Klasse zwei Mädchen und sechs Jungen. Im April habe ich den Kurs erfolgreich beendet.“ Trotzdem: Die deutsche Abstammung wird jetzt zum Problem. „Viele frühere Bekannte meiner Eltern haben sich abgewendet und ehemalige Schulfreunde haben mich mit Steinen beworfen“, erinnert sich Elfriede Mikołajec. Und es geht noch weiter. Als sie die pädagogische Hochschule in Ratibor besucht, bekommt sie am Ende des Schuljahres als einzige in der Klasse kein Zeugnis. „Ich habe bitter geweint“, sagt sie. Doch die lebensfrohe Elfriede lässt sich nicht lange entmutigen. Sie liebt das Lernen, geht gern zur Schule, besteht 1950 die Reifeprüfung und schlägt eine Laufbahn als Lehrerin ein.

„Meine Zeit als junge Lehrerin habe ich in guter Erinnerung. Diese Jahre schenkten mir in der schweren Nachkriegszeit Kraft. Ich war von meinem Lehrerberuf gefesselt und er hat mir eine Anziehungskraft zu Menschen geschenkt“, sagt Elfriede Mikołajec. Sie lebt heute in Solarnia, gleich gegenüber der zweisprachigen Schule. Sie bewohnt allein das Haus, in dem sie viele Jahre gemeinsam mit ihrem Mann gelebt hat. Doch einsam fühlt sich die 87-Jährige nur selten. Selbst als der Mann nach langer Krankheit verstirbt, verliert Elfriede Mikołajec ihren Lebensmut nicht. Mit ihrer Gesangsgruppe „Solarzanki“, die sie 1990 gegründet hat, pflegt sie das deutsche Lied bis heute. In den deutschen Liedern findet sie Trost und Kraft.

 

Gedenken an die Opfer der „Oberschlesischen Tragödie“

Ein Trauma wie Krieg und Flucht zu verarbeiten, ist oft eine lebenslange Aufgabe. Einigen wie Elfriede Mikołajec gelingt es. Vielen aber nicht. Vor allem der Umstand, dass über die tragischen Ereignisse des Winters 1945 – Vertreibung, Nachkriegslager und eine jahrelange Diskriminierung der oberschlesischen Bevölkerung – bis zur politischen Wende 1990 in der Öffentlichkeit geschwiegen wurde, hat dazu beigetragen. Um das zu ändern, veranstaltet der Dachverband der Deutschen Minderheit in Polen (VdG) in den letzten Jahren eine offizielle Gedenkfeier. Ziel ist es, die „Oberschlesische Tragödie“ – unter diesem Begriff werden die Ereignisse von 1945 und die Folgen zusammengefasst – ins öffentliche Licht zu rücken und die Opfer nicht zu vergessen. Die Termine findet man unter diesem Artikel.

 

 

Marie Baumgarten