Die Tradition der Maiandachten gibt es auch bei der deutschen Minderheit im traditionell katholischen Ermland. Sie werden zu Ehren der Muttergottes Maria jeden Sonntag im Mai gefeiert – außer am ersten Sonntag, denn dann wallfahren die Mitglieder der deutschen Gemeinde nach Werl.

 

Die Wallfahrtsgruppe nach dem Abschlussgottesdienst Foto: Andre Schmeier

 

Im Allgemeinen werden die Mai- oder Marienandachten täglich gefeiert, der Beitrag der Muttergottes Maria im Heilsplan Gottes mit Schriftstellen aus der Bibel betrachtet, sie wird verehrt und angerufen sowie um ihre Fürsprache gebeten. Bei der deutschen katholischen Gemeinde finden die Marienandachten nach den Sonntagsgottesdiensten im Mai statt, so Domherr Andre Schmeier, der Seelsorger der deutschen Minderheit: „Wir begehen sie mit Marienliedern, Gebeten und der lauretanischen Litanei, aber für unsere kleine Gruppe lohnt es sich nicht, extra Gottesdienste zu organisieren.“

 

Am ersten Sonntag im Mai jedoch gibt es keinen katholischen deutschsprachigen Gottesdienst in der Region. Denn dann gehen die Mitglieder der deutschen Gemeinde auf Wallfahrt nach Werl in Nordrhein-Westfalen. Werl ist nach Altötting und Kevelaer der drittgrößte deutsche Marienwallfahrtsort. Der Ort liegt zwischen Dortmund und Unna im Kreis Soest. „Seit über 350 Jahren besteht die Werler Wallfahrt bereits. Als wir vor einigen Jahren in Werl waren, wurde dieses Jubiläum gerade begangen“, erklärt Domherr Andre Schmeier.

 

 

Lange Wallfahrtstradition

Dabei beruht die Tradition nicht auf einer Marienerscheinung wie etwa in Dietrichswalde (Gietrzwald) im Ermland, sondern auf dem so genannten Werler Gnadenbild. Es ist eines der ältesten Deutschlands und wird nachweislich auf das 13. Jahrhundert datiert. Damals befand es sich in Ahlen und wurde Anfang des 14. Jahrhunderts nach Soest gebracht. Nach den Wirren der Glaubensstreite in Deutschland gelangte die Skulptur, der besondere Erhörungen von Gebeten zugeschrieben wird, im Jahr 1661 vor den Protestanten in Soest nach Werl.

Bei der Figur handelt es sich um eine sitzende Muttergottes mit dem Jesuskind auf ihren Knien als „Trösterin der Betrübten“. Diese Bezeichnung ist unter anderem der Grund, warum die Ermländer nach Werl pilgern, wie Domherr Andre Schmeier erläutert: „Der letzte deutsche Bischof von Ermland, Maximilian Kaller, hat diese Wallfahrtstradition nach dem Zweiten Weltkrieg gegründet. Er war der päpstliche Seelsorger der Heimatvertriebenen und hat diese in besonderer Weise zu dieser Wallfahrt eingeladen.“ Maximilian Kaller war selber noch 1947 kurz vor seinem Tod auf dieser Wallfahrt, die damals die Tradition der verschiedenen Wallfahrten der Heimatvertriebenen in ihren Herkunftsgebieten ersetzen und ihnen einen neuen Anknüpfungspunkt in der neuen Heimat bieten sollte.

 

Priester nach dem Hochamt in Werl mit dem Ermland-Wallfahrts-Wappen Foto: Andre Schmeier

 

Tradition von Werl bei den heutigen Ermländern

Die heute im Ermland lebenden deutschen Katholiken hatten bald nach der Gründung der deutschen Vereine in Polen auch den Wunsch, nach Werl wallfahren zu können. 1996 erklärte sich das Ehepaar Engelberg bereit, die Organisation einer Fahrt von Deutschland aus zu übernehmen. Für die Organisation in Polen fanden sich Margarethe und Leo Fisahn aus der katholischen Gemeinde bereit, so dass 1997 die erste Wallfahrt nach Werl stattfand. „Es war eine sehr schöne Initiative von unten, die da entstanden war“, freut sich Domherr Andre Schmeier, „anfangs bin ich als frisch geweihter Priester nur mitgefahren. Später, ab 2003, haben wir von der Gemeinde das fortgesetzt, als das Ehepaar Fisahn es aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr schaffte.“

Auch hier bei der Wallfahrt zeigen sich die sinkenden Mitgliederzahlen der deutschen Minderheit in der Region und damit auch der deutschen katholischen Gemeinde. „Vor einigen Jahren hatten wir für die Wallfahrt nach Werl noch eine Warteliste für den Bus. In diesem Jahr nehmen wir unterwegs noch andere Pilger auf“, bedauert Domherr Andre Schmeier. Die Wallfahrt nach Werl wird aber dennoch sicher noch einige Jahre stattfinden.

 

 

Uwe Hahnkamp