Dr. Jens Baumann ist am 19. Juni zum Beauftragten für Vertriebene und Spätaussiedler im Freistaat Sachsen ernannt worden. Mit ihm sprach Marie Baumgarten.

Dr. Jens Baumann
Foto: © SMI/Ziehm, 2018

 

Herr Baumann, Sie sind seit Juni der neue Beauftragte für Vertriebene und Spätaussiedler im Freistaat Sachsen. Zu Ihren Aufgaben gehört es, künftig die Zusammenarbeit zwischen den Ressorts und Verbänden für die Belange Vertriebener und Spätaussiedler zu koordinieren. Was genau bedeutet das?

Die Vertriebenen und Spätaussiedler haben ja auch Anliegen, die nicht mit einer Ja-Nein-Entscheidung allein gelöst werden können. Gerade für die Spätaussiedler, die heute noch kommen, geht es um Spracherwerb, um Arbeit, aber auch um die Bewahrung ihrer Identität und zugleich wollen sie sich auf unsere Kultur einlassen.

Demnächst will ich erste Gespräche mit den Verbänden und Betroffenen wahrnehmen, ihre Sichtweisen besser verstehen und eine Gesamtstrategie entwickeln: wie gelingt es dem einzelnen Spätaussiedler, hier heimisch zu werden und sich damit für unseren Freistaat auch zu engagieren. Mein Arbeitsschwerpunkt wird also mehr im Bereich Kultur und Identität liegen. Koordinieren heißt auch zu helfen, den richtigen Ansprechpartner zu finden, mal jemanden für ein Problem besser „aufzuschließen“ und einfach auch mal „da zu sein“.

 

Sie waren zuvor im Sachgebiet Kulturförderung im Freistaat Sachsen tätig. In dieser Funktion haben Sie bereits öfter Schlesien besucht und mit Vertretern der Deutschen Minderheit über mögliche Felder der Zusammenarbeit gesprochen. Ihnen ist Schlesien als ein Gebiet, aus dem viele Deutsche geflüchtet sind beziehungsweise vertrieben wurden oder später als Aussiedler in die Bundesrepublik gekommen sind, vertraut. Ist das der Grund, warum gerade Sie zum neuen Beauftragten ernannt wurden?

Vorweg kann ich sagen, dass ich das Sachgebiet behalten habe. Ich kann also in Zukunft nicht nur für die Koordination usw. sorgen, sondern dies auch praktisch begleiten, dem Wort die Tat folgen lassen. Mit Nieder- und Oberschlesien verbinden mich nun schon länger viele Projekte, gute Kontakte zu Vereinen und Verbänden und mittlerweile auch persönliche Freundschaften. Auch meine Kinder erinnern mich immer mal daran: langes Wochenende – Kurzurlaub in Polen. Für mich sprachen sicherlich der gute Kontakt zu den sächsischen Vertriebenen- und Spätaussiedlerverbänden, ansprechende Projekte, die wir gemeinsam auf die Beine gestellt haben – ich denke da an viele Ausstellungen mit landesweiter Ausstrahlung, an Publikationen und Kolloquien – und eben auch die grenzübergreifenden Kontakte.

Denn der Beauftragte soll ja nicht nur in Sachsen für eine bessere Wahrnehmung der Betroffenen sorgen, sondern ich sehe es genauso als meine Aufgabe, die guten Kontakte gerade nach Nieder- und Oberschlesien, und auch beginnend in Tschechien, zu intensivieren und mitzuhelfen, dass neben den Begegnungen der Verbandschefs sich auch vermehrt die Jugendlichen für den Nachbarn interessieren, Kommunen neue Partner finden, Vertrautheit miteinander entsteht und man mit den Steinen, die die Vergangenheit zwischen die Menschen geworfen hat, etwas Schönes gemeinsam baut.

 

 

Vergleichbare Landesbeauftragte gibt es in Bayern, Hessen, Nordrhein-Westfalen, Niedersachsen, Baden-Württemberg sowie beim Bund.
Foto: © SMI/Ziehm, 2018

 

Haben Sie Familienangehörige, die vertrieben wurden?

Nein, meine Familie stammt aus der Oberlausitz und war durch die Vertreibungen nicht betroffen. Und da ich in der DDR zur Schule gegangen bin, kam dieses Thema auch nur über das Wort „Umsiedler“ vor; dass auch polnische Bürger ihre Gebiete gen Westen verlassen mussten, war gleich gar nicht im Fokus. Manchmal denke ich, dass gerade die persönliche Nichtbetroffenheit mir eine unbelastete Empathie für „mein“ Thema verleiht, die sich auch positiv auf die Verbände und Vereine überträgt.

 

Die Vertreibung von 1945 ist lange her, ebenso der Neuanfang in der Bundesrepublik von Spätaussiedlern  in den 1980er und 1990er-Jahren. Brauchen Vertriebene und Spätaussiedler heute noch einen eigenen Ansprechpartner?

Beide Gruppen brauchen jemanden (oder auch mehrere), der sich für sie in Politik und Verwaltung einsetzt. Die Vertriebenen wurden bis 1990 totgeschwiegen und gelten vielen anderen Bürgern immer mal wieder als „Gestrige“, die einen Verlust und ein Leid beschwören, das vielen fremd ist und wo sich auch nur wenige jahrzehntelang Mühe gaben einzutauchen. Die zweite Gruppe, die Spätaussiedler, gelten hier vielen ebenso als fremd, da sie überwiegend aus Russland bzw. den Nachfolgestaaten der Sowjetunion kommen, eben als „quasi Russen“ – und in Russland sind sie die „quasi Deutschen“. Dass sie Deutsche nach dem Grundgesetz sind, mit den gleichen Rechten und Pflichten wie die anderen Bürger unseres Landes, wird oft vergessen. Und beide Gruppen sind größer als man denkt – die Vertriebenen waren 1949 etwa eine Million (von fünf) in Sachsen, so dass man davon ausgehen kann, dass jede vierte bis fünfte Familie in Sachsen einen Vertriebenenhintergrund hat. Auch wenn nur wenige organisiert sind, so kommt das Thema – und Medien wie auch die Gesellschaft insgesamt haben sich ja da in den letzten Jahren weit geöffnet – virulent immer wieder vor. Noch 1995 gab es allein in Sachsen über 350.000 berechtigte Anträge nach dem Vertriebenenzuwendungsgesetz, 1995 waren also rund acht Prozent der Sachsen direkte Vertriebene, jetzt sind es etwa noch vier bis fünf Prozent. Und die Spätaussiedler im Freistaat dürften sich auf 50.000 bis 100.000 sächsische Bürger belaufen. Es sind also größere Gruppen, die relevant im gesellschaftlichen Leben stehen. Im Leben stehen heißt eben nicht, als museale Vergangenheit nur betrachtet zu werden. Und gerade heute heißt es oft mit Blick auf die weltweite Migration: wir können von den Vertriebenen und Spätaussiedlern lernen. Und dieses Lernen will ich transportieren. Dazu gehören das Annehmen der Kultur des Gastlandes, das eigene Bemühen um gesellschaftliche, sprachliche und berufliche Integration – wir haben es in einer Ausstellung mal unter dem Titel: „Integration durch Leistung“ benannt.

 

Am 27. Juni fand das erste Treffen der Aussiedlerbeauftragten der Länder und der Entsandten der Staatskanzleien zu Fragen künftiger Aussiedlerpolitik in Berlin statt. Mit welchen Ergebnissen endete sie?

Gastgeber in Berlin war Dr. Fabritius, Beauftragter der Bundesregierung für Aussiedlerfragen und nationale Minderheiten. Zugegen waren auch Vertreter aus dem Bundesinnenministerium und dem Amt der Bundesbeauftragten für Kultur und Medien. Eingeladen waren die Länder, wobei neben Sachsen auch Bayern, Baden-Württemberg, Hessen, Nordrhein-Westfalen und Niedersachsen Beauftragte für Vertriebene und Spätaussiedler haben und wo das Klientel also eine besondere Aufmerksamkeit erfährt. Hauptteil der ersten Beratung war natürlich das gegenseitige Kennenlernen. Jedes Land hat auch ein unterschiedliches Verständnis, was ein Beauftragter ist, darf, welche Möglichkeiten an Personal und Mitteln ihm zur Verfügung stehen und wie unabhängig er arbeiten kann. Verständigt wurde sich auf regelmäßige Treffen; ich sehe darin vor allem Sinn, wenn es mindestens halbjährlich ist. Der Bundesbeauftragte sicherte den Ländern Unterstützung bei der Klärung und Koordinierung von Sachfragen zu, soweit sie den Bund betreffen. Außerdem sollen Dienstreisen in betreffende Partnerregionen möglichst gemeinsam wahrgenommen werden. Nicht zuletzt hatte ich mich dafür verwandt, in der nächsten Sitzung im Herbst, ich denke November, Sachfragen wie gezielte Förderung bei Projekten die Bund und Land betreffen könnten, umfassende Information zum Fremdrentengesetz und der Bewertung von Abschlüssen auf die Tagesordnung zu setzen. Außerdem denke ich, dass die einzelnen Länder auch zusammenarbeiten. So werde ich mich nach den Schulferien mit meiner bayerischen Kollegin treffen, um die Verbände zu vernetzen und ein oder zwei Projekte gemeinsam anzuschieben, ich denke da an den Bildungsbereich. Ähnliches könnte auch mit anderen Ländern grenzüberschreitend gelingen.