Wochenblatt – Gazeta Niemców w Rzeczypospolitej Polskiej

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Thursday, December 8, 2022

Menschen zusammenbringen

Seit Oktober 2021 ist Gitte Zschoch Generalsekretärin des in Stuttgart beheimateten Instituts für Auslandsbeziehungen (ifa). Im Interview mit Lucas Netter spricht sie unter anderem über die inhaltlichen Schwerpunkte ihrer Tätigkeit, die Förderung der deutschen Minderheiten im östlichen Europa, die identitätsstiftende Rolle von Sprache sowie die Bedeutung internationaler Kultur- und Bildungsarbeit im Zeichen des Krieges in der Ukraine.

 

Frau Zschoch, am 1. Oktober 2021 traten Sie Ihr Amt als neue Generalsekretärin des ifa an. Zuvor waren Sie für das Goethe-Institut in Asien und Afrika sowie als Geschäftsführerin des Netzwerks der Nationalen Kulturinstitute in der Europäischen Union (EUNIC) in Brüssel tätig. Was hat Sie am ifa gereizt und nun dazu bewogen, die Leitung dieser Mittlerorganisation zu übernehmen?

Das ifa hat alle Voraussetzungen, internationale Kulturbeziehungen so zu gestalten, dass sie adäquat auf die heutige fragmentierte und vernetzte, ungleiche Welt mit globalen Herausforderungen ausgerichtet sind. Das ifa vernetzt Menschen und trägt so zum gegenseitigen Vertrauen und Verständnis bei – und damit, so der ursprüngliche Auftrag, zum Frieden. Oder im heutigen Verständnis: zur globalen Sicherheit.

Eine noch vom letzten württembergischen König gegründete Institution der internationalen Kulturbeziehungen, über 100 Jahre in männlicher Hand, darf ich nun leiten. Das ist ein starkes Signal, auf das die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und ich ein durchweg positives Echo von vielen unserer Kontakte und Partnerinnen und Partner in Zivilgesellschaft, Kultur, Medien und Politik erhalten haben. Damit sind natürlich auch Erwartungen verbunden, sowohl was Innovation beim ifa generell betrifft als auch spezifisch mehr Diversität, mehr Aktualität, Digitalität, mehr transkulturelle Kompetenz und mehr Partizipation in unserem Haus und seiner Arbeit.

Und diese Erwartungen werden wir in den kommenden Jahren erfüllen müssen, denn – wie sich mir in den letzten Monaten gezeigt hat – das ifa und sein Team haben ein beträchtliches kreatives Potenzial. Das Institut erfindet sich de facto immer wieder neu. Beispiele dafür sind unter anderem die Produktion von Tourneeausstellungen zeitgenössischer Kunst seit den 1950er-Jahren, die Betreuung des Deutschen Pavillons auf der Biennale Venedig seit 1971, der Aufbau spezifischer Programme für die deutschen Minderheiten in Mittel-, Ost- und Südosteuropa seit den 1990er-Jahren, die kontinuierliche Ausweitung der Stärkung zivilgesellschaftlicher Initiativen und Netzwerke weltweit sowie zuletzt der Launch der Schutzprogramme für bedrohte Kunstschaffende und Menschenrechtsaktivistinnen und Menschenrechtsaktivisten, der Martin Roth-Initiative und Elisabeth-Selbert-Initiative.

Gitte Zschoch am 22. April 2022 bei der Eröffnung des Deutschen Pavillons auf der 59. Biennale Venedig. Rechts im Bild: Yilmaz Dziewior, der Kurator des Deutschen Pavillons.
Foto: Bernhard Kahrmann

Welche inhaltlichen Schwerpunkte wollen Sie in Ihrer Arbeit als ifa-Generalsekretärin setzen?

Menschen zusammenbringen, die die Gesellschaft formen, sie verändern wollen und sich für Freiheit, Demokratie, für eine offene Gesellschaft einsetzen.

Auch deutsche Minderheiten im östlichen Europa und Zentralasien werden vom ifa gefördert. Warum ist dem ifa diese Förderung wichtig? Und wie sieht diese genau aus?

Das ifa engagiert sich weltweit für ein friedliches Miteinander verschiedener Kulturen. Die deutschen Communities im östlichen Europa und Zentralasien leisten in ihren Gebieten seit jeher einen großen Beitrag zu eben diesem Ziel. Sie vermitteln zwischen Mehrheits- und Minderheitsgesellschaften und haben damit einen wichtigen Stellenwert für die interkulturelle Zusammenarbeit – und sind gleichzeitig Seismografen für ein pluralistisches, demokratisches Miteinander in den Gesellschaften, in denen sie verortet sind. Wir wollen sie stärken und unterstützen – und fördern in diesem Rahmen vor allem Jugend-, Medien-, Bildungs- und Kulturprojekte. Dafür entsenden wir beispielsweise aktuell 20 Kulturmanagerinnen und Kulturmanager sowie Redakteurinnen und Redakteure an Partnerorganisationen in acht verschiedenen Ländern, wo sie dann Projekte umsetzen. Außerdem vergeben wir mehrere Stipendien, zum Beispiel das Social-Media-Stipendium, das jungen Menschen aus der deutschen Minderheit Gelegenheit gibt, ihre Geschichten auf unserer Social-Media-Plattform „Mind_Netz“ zu präsentieren und gleichzeitig ihren eigenen Horizont zu erweitern.

Sehen Sie Potenziale und Möglichkeiten, die Förderung der deutschen Minderheiten in den kommenden Jahren weiter zu intensivieren?

Verschiedene Gruppen sind grundsätzlich ein wichtiger Bestandteil jeder Gesellschaft und leisten einen wichtigen Beitrag für eine plurale und sich weiter entwickelnde Gesellschaft. Wir müssen – denke ich – an bewährten Formaten weiterarbeiten und gleichzeitig dürfen wir den Anschluss an neue Entwicklungen und Veränderungen nicht verlieren. So ist zum Beispiel der konsequente Kontakt mit politischen Vertreterinnen und Vertretern ein zentrales Ziel.

Diese Zeitung richtet sich in erster Linie an die deutsche Minderheit in Polen, die besonders in Schlesien vergleichsweise stark vertreten ist. Haben Sie sich in Ihrer Funktion als ifa-Generalsekretärin schon mit Vertreterinnen und Vertretern der hiesigen deutschen Minderheit ausgetauscht? Pflegen Sie vielleicht auch persönliche Kontakte in die Region?

Ich möchte bald eine Gelegenheit nutzen, um auch unsere Arbeit mit den deutschen Communities in Polen und anderen Ländern kennenzulernen. Persönlich interessiert es mich auch, weil ein Teil meiner Familie ursprünglich aus Beuthen (Bytom) stammt.

Derzeit bewegen die deutsche Minderheit in Polen vor allem die zu Beginn des Jahres vom Sejm beschlossenen Kürzungen der finanziellen Mittel für den Minderheitensprachenunterricht an den hiesigen Schulen sowie die ab 1. September geplante Reduzierung der wöchentlichen Unterrichtsstunden in Deutsch als Minderheitensprache. Können die Angehörigen der Minderheit in dieser Frage auf die Solidarität und Unterstützung durch das ifa zählen?

Sprache ist eines der zentralen, identitätsstiftenden Elemente für Menschen. Gerade für Minderheiten spielt sie oft eine besonders entscheidende Rolle. Daher bedauern wir die Entwicklungen in unserem Nachbarland, dass tatsächlich nur bei der deutschen Minderheit gekürzt wird und die Anzahl der Schulstunden von drei auf eine reduziert werden soll.

Zudem öffnet Mehrsprachigkeit den Jugendlichen Türen in Europa, sei es auf dem Bildungsweg oder auf dem Arbeitsmarkt. Mit nur einer Schulstunde werden dieser Entwicklung Steine in den Weg gelegt – und das im Jahr 2022, 18 Jahre nach dem Beitritt Polens zur Europäischen Union! Das ifa bietet keinen Schulunterricht an, aber wir unterstützen Deutsch als Minderheitensprache mit Projekten der außerschulischen Jugendbildung. Junge Menschen aus den deutschen Communities bekommen so die Möglichkeit, aktuelle Kultur aus Deutschland kennenzulernen und alltagsnah Sprachkenntnisse aufzubauen. Somit können wir einen Beitrag dazu leisten, dass zumindest auf dieser Ebene Angebote vorhanden sind.

Gitte Zschoch während einer Podiumsdiskussion zum 70-jährigen Jubiläum des Bundeslandes Baden-Württemberg (am 4. Mai 2022 im dortigen Landtag)
Foto: LTBW / Max Kovalenko

Seit dem Überfall Russlands auf die Ukraine am 24. Februar 2022 sind wir Zeuge eines anhaltenden Krieges im östlichen Europa. Wird sich das ifa – gemäß seinem Leitbild – weiterhin in der Konfliktregion engagieren und den Kulturaustausch mit Russland aufrechterhalten?

Wir sind nach wie vor zutiefst bestürzt über den Krieg in der Ukraine und stehen an der Seite der betroffenen Menschen. Wir haben seit Langem gute Beziehungen sowohl zu ukrainischen als auch zu russischen zivilgesellschaftlichen Organisationen, die keine staatlichen Verbindungen haben – Kooperationen, die wir im Angesicht der aktuellen Situation weiterhin versuchen nach Möglichkeit aufrechtzuerhalten. Jenen, die den Krieg verurteilen und ihn auch als solchen benennen, wollen wir über die Kultur eine Brücke bieten. Allerdings macht die Lage in Russland die Kooperation aktuell schwer, zahlreiche NGOs wurden kürzlich verboten.

Wie engagieren sich die deutschen Minderheiten in den angrenzenden Ländern für die vom Krieg betroffenen Ukrainerinnen und Ukrainer? Inwiefern unterstützt sie das ifa dabei?

Wir sind beeindruckt, wie engagiert und solidarisch die deutschen Minderheiten sich für die vom Krieg betroffenen Ukrainerinnen und Ukrainer einsetzen. Viele unserer Partnerorganisationen vor Ort stemmen sich unermüdlich gegen die humanitäre Katastrophe, haben zum Beispiel ihren Regelbetrieb eingestellt und kümmern sich stattdessen um die flüchtenden Menschen oder organisieren Hilfstransporte in die betroffenen Regionen. Dieses Engagement ist überwältigend. Auch wir am ifa wollen natürlich helfen. Wir haben aus privaten Mitteln einen Hilfstransport nach Oppeln organisiert und dort Nahrungsmittel, Babyartikel und Kleidung an eines der größten Verteilungszentren im Land übergeben. Außerdem haben wir im ifa eine Kulturhilfe für schutzsuchende Künstlerinnen und Künstler aus der Ukraine eingerichtet, die als Kontaktstelle für diese Menschen dient und ihnen einen Anlaufpunkt bietet.

Welche Rolle spielt die internationale Kultur- und Bildungsarbeit im Angesicht des Krieges in der Ukraine?

Eine entscheidende Rolle. Wir sehen gerade im Angesicht des Krieges, wie groß der Wert vertrauensvoller, freundschaftlicher Beziehungen im Kultur- und Bildungssektor ist und wie wichtig Netzwerke über Grenzen hinweg sind. Unsere Partnerorganisation „Deutsche Jugend in Transkarpatien“ zum Beispiel erhält bei ihrer humanitären Hilfsaktion große Unterstützung von Partnerinnen und Partnern aus der internationalen Kultur- und Bildungsarbeit. Man vertraut sich gegenseitig, man unterstützt sich, man bleibt sich nah. Hierin liegt ein Potenzial, das nicht zu unterschätzen ist. Diese Beziehungen werden auch in Zukunft entscheidend sein, um beim Aufbau zu helfen.

Wie wirkt sich der Krieg generell auf die deutsche Auswärtige Kultur- und Bildungspolitik (AKBP) aus?

Zum einen ist es natürlich so, dass einige Aktivitäten nicht mehr oder nur eingeschränkt stattfinden. Die Zusammenarbeit mit Russland wurde weitgehend stillgelegt; so wurde seitens des DAAD (Deutscher Akademischer Austauschdienst, Anm. d. Red.) die Forschungszusammenarbeit ausgesetzt. Auch das ifa muss aus Rücksicht und zum Schutz der Partnerorganisationen die Zusammenarbeit vor allem in Russland aktuell stark einschränken. Gleichzeitig versuchen wir dennoch, den Kontakt mit unseren Partnerinnen und Partnern aufrechtzuerhalten und den Austausch in einigen unserer Programme zu ermöglichen.

Zum anderen sehen wir akuten Handlungsbedarf. Es gab konkrete, private Hilfsangebote. Und wir haben die Arbeit in einigen Bereichen angepasst; so finden Sie auf „www.kulturaustausch.de“ Stimmen vor allem aus den Nachbarländern der Ukraine, die über ihre Sicht auf den Krieg – gerade aus kultureller Perspektive – erzählen. Gleichzeitig arbeiten wir mit allen Kräften daran, vor allem im politischen Kontext die Wichtigkeit und Bedeutung unserer Arbeit mit zivilgesellschaftlichem Fokus deutlich zu machen und zu zeigen, dass gerade, weil es gewalttätige Konflikte gibt – jetzt wieder in Europa, aber auch in vielen anderen Regionen der Welt, Jemen, Syrien, Kongo, … – unsere Arbeit weitergehen muss: Nämlich Menschen zusammenzubringen und den kulturellen Austausch zu unterstützen.

Gibt es im Kontext der AKBP Zeitabschnitte, an denen man sich jetzt orientieren könnte? Wie hat man zum Beispiel während des Kalten Krieges den Kontakt zu Staaten jenseits des Eisernen Vorhangs aufrechterhalten?

Es fällt mir schwer, diese Frage zu beantworten. Es muss darum gehen, mit Menschen zu arbeiten und diese zusammenzubringen. Dann entstehen kleine Inseln des Vertrauens, des Austauschs von Wissen, der gegenseitigen Unterstützung über gleiche Werte. Es gibt heutzutage sehr viele technische Voraussetzungen, die es damals noch nicht gab, um Kontakt zu halten. Zwar auch erschwert, dennoch sind diese vorhanden – auch jenseits der offiziellen Netzwerke. Was vielleicht gleich ist und auch immer gleich bleibt: Die Solidarität zwischen den Menschen und die unglaubliche Kraft, die Menschen verbindet – und die trotz aller Gewalt Anlass zur Hoffnung gibt.

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