Danzig habe ein großes Potenzial für alle Minderheiten, ist Magdalena Lemańczyk überzeugt. Darüber sprach mit der VdG-Regionalkoordinatorin für die deutsche Minderheit in den Woiwodschaften Pommern, Kujawien-Pommern und Westpommern Marie Baumgarten.

Magdalena Lemańczyk wurde 1980 in Gdingen geboren. Seit Oktober 2017 ist sie VdG-Regionalkoordinatorin für die deutsche Minderheit in den Woiwodschaften Pommern, Kujawen-Pommern und Westpommern. Foto: privat

 

Frau Lemańczyk, Sie sprechen sehr gut Deutsch, sind Sie zweisprachig aufgewachsen?

 

Nein, ich bin in einer völlig polnischen und teilweise kaschubischen Umgebung und Sprache aufgewachsen. Meine Großeltern waren Kaschuben, sie stammten aus Kościerzyna (Berent) in der südlichen Kaschubei und ließen sich nach dem Krieg Ende der 1940er Jahre in Danzig nieder. Danzig, aber auch Gdingen, sind diejenigen Städte, zu denen sich die Kaschuben nach dem Krieg ganz besonders hingezogen fühlten, weil sie wirtschaftlich attraktiv waren und man dort gute Arbeitsmöglichkeiten hatte. Großgezogen hat mich vor allem meine Oma Gertruda, die, obwohl sie nur eine Grundschulbildung hatte, drei Sprachen beherrschte: Kaschubisch, Deutsch und Polnisch. Sie war es, die mich am meisten geprägt hat, auch wenn sie mich nie dazu bedrängte, Kaschubisch zu sprechen. Heute leben in Danzig neue Generationen von Kaschuben, die mit ihrer Kultur und Sprache verbunden sind. Aber es lässt sich auch ein umgekehrter Trend beobachten, d.h. viele Kaschuben bekennen sich nicht zu ihren Wurzeln, sie sehen noch immer die kaschubische Sprache und Kultur als schlechter, mit einem niedrigeren Status.

Nach vielen Jahren wurde der Einfluss meiner Großmutter dann noch in meiner Studienzeit gefestigt durch die beiden für meinen wissenschaftlichen Werdegang wichtigsten Professoren und herausragenden Kaschuben: Professor Cezary Obracht-Prondzyński und den inzwischen verstorbenen Professor Brunon Synak. Mit dem ersteren Professor arbeite ich bis heute eng zusammen, er ist mein Magister- und Doktorvater und vor allem Vorsitzender des Kaschubischen Instituts in Danzig.

 

Seit Oktober 2017 sind Sie Regionalkoordinatorin des Dachverbandes der Deutschen in Polen (VdG). Angesichts Ihrer kaschubischen Wurzeln ist das ungewöhnlich.

 

Ich gehöre zwar nicht der deutschen Minderheit an, aber meine Doktorarbeit ist der nationalen und ethnischen Identität der Spitzenvertreter der deutschen Minderheit in Pommerellen nach 1989 gewidmet.

Ich betrieb langjährige soziologische Nachforschungen zu dieser Thematik und hatte dabei die Gelegenheit, Menschen, Strukturen und Prozesse kennenzulernen. Im Dezember 2016 gab das Institut für Politische Studien der Polnischen Akademie der Wissenschaften in Warschau mein Buch über die deutsche Minderheit in Pommerellen heraus, zu dem Professor Piotr Madajczyk, ein prominenter Deutschlandforscher, ein Nachwort verfasste. Ich bin Mitglied des Kaschubischen Institutes, welches überwiegend Wissenschaftler aus Polen, Europa und der ganzen Welt – Kaschuben und Nicht-Kaschuben – vereint, die sich mit dem Thema Ethnien und Nationalitäten befassen.

 

 

Wie erleben Sie die Deutsche Minderheit in Danzig?

 

Die Mitglieder sind bemüht, sich regelmäßig zu treffen, und beim Danziger Club oder dem Verband der deutschen Minderheit in Danzig ist dies tatsächlich der Fall. Die deutsche Minderheit ist in der Danziger Kulturlandschaft jedoch nicht sehr gut sichtbar, das ist in einer Großstadt auch schwierig. Selbst die Kaschuben, die ja eine sehr aktive und dabei die größte Gruppe sind, fallen kaum auf – es ist eben schwierig, sich mit dem eigenen Angebot durchzusetzen. In Danzig gibt es derzeit keine umfassende Kooperation zwischen der deutschen Minderheit und den Kaschuben.

Aber Danzig hat ein großes Potenzial für alle Minderheiten, nicht nur für die deutsche Minderheit. Der Bürgermeister von Danzig, Herr Paweł Adamowicz, ist gegenüber den Minderheiten äußerst positiv eingestellt ist. Das wichtigste Thema ist die Bereitschaft und die Fähigkeit, die Chancen zu nutzen, die mit dem Funktionieren in einer großen Stadt, in der Dreistadt-Metropole und in der Woiwodschaft Pommern verbunden sind. Die Zusammenarbeit zwischen Danzig und deutschen Städten ist sehr gut und entwickelt sich in eine gute Richtung. Denken Sie daran, dass Danzig im Jahr 1976, als erste polnische Stadt, ein Rahmenabkommen über Zusammenarbeit und Freundschaft mit Bremen unterzeichnete. Danzig ist sehr attraktiv für alle Altersgruppen, soziale- und Berufsgruppen,

 

Als Regionalkoordinatorin unterstützen Sie die Organisationen der deutschen Minderheit in Polen. Derzeit koordinieren Sie die Europäische Bürgerinitiative Minority SafePack.

 

Ja, die Unterschriftensammlung dauert bis zum 3. April 2018. Ich verbreite diese Kampagne unter nationalen und ethnischen Minderheiten in Polen (und nicht nur), in den Medien, unter den Persönlichkeiten des kulturellen, politischen Lebens, meiner Familie und Bekannten. Solche Initiativen sind für Minderheiten äußerst wichtig. Niemand wird sich besser um ihrer Rechte kümmern als sie selbst. Man muss solche Aktionen perspektivisch sehen: Entweder haben wir Initiative und sind bewusste Bürger, die sich um ihre Rechte kümmern, oder werden diese Rechte uns in einer Form und Bandbreite oktroyiert, mit denen wir nicht einverstanden sind.

Wir müssen daran denken, dass die kulturelle, ethnische und religiöse Diversifizierung Europas eine große Stärke ist. Wir sind dadurch nicht eindimensional, das wäre langweilig und auch gefährlich. Die Angst vor Minderheiten und der Verschiedenheit erzeugt viele unnötige Konflikte, Stereotype und Vorurteile. In der Vergangenheit ist noch nie etwas Gutes daraus geworden.

 

 

Sie sind jung, die Minderheit braucht Nachwuchs wie Sie. Mit Ihnen kommt frischer Wind in den Verein. Wie kann man es schaffen, junge Menschen für die Minderheit zu gewinnen?

 

Im Falle der deutschen Minderheit gibt es ein demografisches Problem, und zwar die fortschreitende Alterung bei gleichzeitiger Auswanderung der jungen Generation nach Deutschland und ganz allgemein in die deutschsprachigen Länder. Die Generationslücke ist übrigens allen Minderheiten gemeinsam. Nach meiner Meinung als Forscherin, nicht als Regionalkoordinatorin des VdG, müssen wir, wenn wir von der jungen Generation der deutschen Minderheit, dem Angebot für diese und von deren Attraktivität sprechen, einige Punkte gesondert betrachten. Erstens die Gründungsziele der deutschen Minderheit zu Beginn der 1990er Jahre und die Zielgruppen des damaligen Wirkens sowie die spontanen Prozesse innerhalb der deutschen Minderheit im Jahrzehnt der Neunziger, z.B. Migrationen, Veränderungen in den Strukturen, die damalige Einstellung der Mehrheitsgesellschaft und der Behörden usw. Zweitens die teilweise Bagatellisierung der jüngsten Generation schon in der Anfangszeit der Strukturen, was heute im Bemühen des VdG um eine Wiederherstellung der Arbeit mit Kindern und Jugendlichen und einem Nachdruck auf Projekte für diese Gruppen wie Samstagskurse und schulische Minderheitenbildung resultiert. Wir sollten jedoch bedenken: Auch durch intensivste Arbeit und ein hervorragendes Kulturangebot des VdG und aller anderen Strukturen der deutschen Minderheit kann die Rolle der Eltern bei der Übermittlung der Sprache und Kultur und bei der Gestaltung einer ethnischen Identifikation nicht ersetzt werden. Diese Rolle ist absolut zentral, wird aber dennoch meist vernachlässigt. Und drittens ist es auch eine Frage des Adressaten: Man nutzt ein Kulturangebot in dem Maße, in dem man es selbst will. Es ist immer eine individuelle und freiwillige Sache, eine Frage der Arbeit an sich selbst und des Willens, aber auch der Aufopferung.

 

Für wen oder was schlägt Ihr Herz?

 

Ich liebe es zu fotografieren. Ich mache ziemlich schöne Portraitbilder.

 

Wenn Sie von Angela Merkel und Beate Szydło ein Portraitbild machen sollten, welche Szenerie würden Sie wählen und warum?

 

Angela Merkel ist nicht nur deutsche Bundeskanzlerin, sie ist auch Physikerin von Beruf und Wissenschaftlerin. Ich würde sie vor einem Labor fotografieren: Die Menschen in Deutschland, auf die Frau Merkel einen Einfluss hat, sind ja auch gewissermaßen ein Labor, ein gesellschaftliches Labor. Der Unterschied liegt darin, dass sie als Politikerin mehr aufpassen muss, denn ein einmal durchgeführtes Experiment lässt sich nicht unter denselben kontrollierten Bedingungen wiederholen. Eine Szenerie für die vormalige Premierministerin Szydło fällt mir nicht ein, dafür weiß ich über sie zu wenig.