Wochenblatt – Gazeta Niemców w Rzeczypospolitej Polskiej

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Friday, October 7, 2022

Mit Geschichte an der Küste

Bereits zum vierten Mal organisierte der Verband deutscher Gesellschaften (VdG) eine mehrtägige Exkursion für junge Oberschlesier nach Pommern. Gemeinsam mit lokalen Hobbyhistorikern und Mitgliedern der örtlichen deutschen Minderheit brachten die Jugendlichen dort einen alten evangelischen Friedhof wieder „auf Vordermann“ – und halfen dabei, ein verschollen geglaubtes Grab wiederzufinden.


„Es geht für die jungen Leute darum, die Geschichte neu zu entdecken. Denn viele von ihnen wissen gar nicht, dass es nicht nur in Schlesien, sondern auch im Norden Polens eine deutsche Vergangenheit gibt“, sagt Beata Sordon, die Koordinatorin des VdG-Projekts mit dem Titel „Mit Geschichte an der Küste“. Um dieses Unwissen zu beenden, machten sich Anfang Juli insgesamt 16 Jugendliche aus den Woiwodschaften Oppeln und Schlesien auf in Richtung Pommern. Ihr Ziel: ein alter und weitgehend zerfallener evangelischer Friedhof in dem kleinen Dorf Gesorke (Jeziorka) in der Landgemeinde Hebrondamnitz (Gmina Damnica), etwa 100 Kilometer westlich von Danzig (Gdańsk). „Der Friedhof war eigentlich nicht mehr als solcher zu erkennen. Gras und Unkraut haben alles überwuchert; die Grabsteine waren verfallen und kaum noch sichtbar“, so Beata Sordon. Sie erklärt: „Als letzte Ruhestätte zahlreicher der früheren deutschen Bewohner in der Region wollten wir den Friedhof aufräumen und wieder angemessen herrichten. Man hatte die dort beerdigten Menschen schon vergessen. Mit unserer Aktion sollte die Erinnerung an sie wiederhergestellt werden.“
In ihrem Vorhaben unterstützt wurden die Schlesier dabei von den Mitgliedern des Bundes der Bevölkerung Deutscher Abstammung in Stolp (Słupsk) sowie von den Hobbyhistorikern des in Ustka (Stolpmünde) beheimateten Geschichtsvereins „Adler“ (auf Polnisch: Usteckie Stowarzyszenie Miłosników Historii „Orzeł”).

Die Teilnehmer des Projekts „Mit Geschichte an der Küste“ vor dem hergerichteten Grab von Käte, Christa und Georg Wernicke auf dem Friedhof in Gesorke
Foto: USMH „Orzeł”

Endlich Abschied nehmen
Mit dabei waren zudem Rolf Wernicke und Karin Seifert aus dem thüringischen Weimar. „Die beiden Geschwister waren auf der Suche nach dem Grab ihrer Großeltern Käte und Georg, die irgendwo in der Gegend begraben liegen mussten. Wo genau, das wussten sie nicht. Sie hatten lediglich ein altes Foto des Grabsteins“, berichtet Beata Sordon.
Diesem Foto zufolge fanden Käte und Georg Wernicke im März 1945 den Tod. Laut einem Bericht des Vereins „Stolper Heimatkreise“ haben sie – und auch eines ihrer drei Kinder, nämlich Tochter Christa – die Flucht vor der anrückenden Roten Armee nicht mehr rechtzeitig geschafft und sich daher aus Furcht vor Übergriffen und Vergewaltigungen selbst umgebracht. Ein Verwandter habe sie später begraben lassen und auch den Grabstein fotografiert. Über die Zeit sei der Begräbnisort allerdings in Vergessenheit geraten. „Die Nachkommen von Käte und Georg Wernicke hatten bereits 2013 und 2016 in der Gegend nach dem Grab gesucht – allerdings ohne Erfolg. Die Aktion auf dem Friedhof in Gesorke war ein neuer Versuch, die Grabstelle des Ehepaars und ihrer Tochter endlich zu finden“, so Beata Sordon.

Dass die Teilnehmer der Aufräum- und Suchinitiative den Grabstein dort tatsächlich gefunden haben, sei letztlich aber purer Zufall gewesen, berichtet die Projektkoordinatorin weiter: „Wir wollten die Suche auch dort schon aufgeben. Dann aber ist der Vorsitzende der Deutschen Minderheit in Stolp, Detlef Rach, beim Spazierengehen buchstäblich über eben jenen Grabstein gestolpert. Er war schon fast vollständig überwuchert und zerfallen. Wir haben ihn mithilfe der ‚Adler‘ dann ausgegraben, gesäubert und nach den Vorstellungen von Karin Seifert und Rolf Wernicke wiederhergestellt. So konnten sie schließlich in einem würdigen Rahmen Abschied von ihren Großeltern und der Schwester ihrer Eltern nehmen.“

Rolf Wernicke, Karin Seifert und Detlef Rach (v. l.)
Foto: privat / Stolper Heimatkreise e. V.

Abwechslungsreiches Zusatzprogramm
Für die Jugendlichen aus Schlesien standen neben den Arbeiten auf dem Friedhof in Gesorke aber noch andere Aktivitäten auf dem Programm. So wurden zum Beispiel eine ausgedehnte Fahrradtour in der Region und ein Tagesausflug nach Danzig inklusive Bootstour unternommen. Auch ein Austausch mit den Mitgliedern der örtlichen deutschen Minderheit in deren Räumlichkeiten in Stolp wurde organisiert. In diesem Rahmen wurde auch ein spannendes Stadtspiel veranstaltet. „Da haben wir die ganze Gemeinde von der historischen Seite kennengelernt“, so Beata Sordon.
Mit dem Verlauf der etwa einwöchigen Exkursion nach Pommern ist sie sehr zufrieden. Sie ist froh, dass die Toten von damals aus der Vergessenheit geholt und nun wieder eine würdige Ruhestätte haben. Besonders dankt sie den „Adlern“ für die Unterstützung während der vergangenen vier Jahre. „Ohne sie könnten wir das alles hier nicht machen“, sagt Beata Sordon.
Die weitere Pflege des Friedhofs übernehmen ab jetzt die deutsche Minderheit in Stolp sowie die lokalen Bewohner. Beata Sordon betont: „Wir haben mit unserem Projekt den Anfang gemacht – aber natürlich muss man sich weiterhin um den Friedhof kümmern.“

Lucas Netter

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