Wochenblatt – Gazeta Niemców w Rzeczypospolitej Polskiej

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Sunday, July 3, 2022

Nicht nur Interviews

 

 

Das Archiv der erzählten Geschichte im Haus der deutsch-polnischen Zusammenarbeit besteht seit 2009. Was als kleine Workshop-Reihe für Jugendliche der deutschen Minderheit im Oppelner Land begann, hat sich in den letzten zwölf Jahren zu einer wahren Schatzkammer an Geschichten über Menschen aus Schlesien und darüber hinaus entwickelt. In der letzten Zeit hat das Archiv sein Portfolio deutlich erweitert.

 

Die Idee des Projekts ist im Grunde einfach: Geschichtsinteressierte Jugendliche werden geschult, um Interviews mit Zeitzeugen führen zu können, die interessante Geschichten zu verschiedenen Themen zu erzählen haben – das ist von Anfang an die wichtigste Aufgabe des Projekts.

So wurden im Laufe der Jahre mehr als 500 Interviews mit Zeitzeugen aufgezeichnet, archiviert und auf der Website www.e-historie.pl der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Fast dreihundert Jugendliche nahmen daran teil, vor allem aus den Woiwodschaften Oppeln und Schlesien. „Wir sind aber auch über Schlesien hinausgegangen und haben eine Reihe von Workshops in Allenstein organisiert, an denen fast zwanzig junge Leute teilgenommen haben“, sagt Lucjan Dzumla, Geschäftsführer des Hauses der deutsch-polnischen Zusammenarbeit.

 

Trotz pandemie konnte man sich zeitweise unter strengen Auflagen auch persönlich treffen
Foto: HDPZ

 

Pandemische Änderungen

Das Jahr 2020, das alles auf den Kopf stellte, hat auch das Projekt „Archiv der erzählten Geschichte“ nicht verschont. Infolge der zahlreichen rigorosen Kontaktbeschränkungen entstand die Idee, den an der Erforschung lokaler Geschichte Interessierten in Form eines Tutorials Wissen über die Durchführung von Interviews zu vermitteln. „So haben wir sowohl ein Wissenskompendium in Form einer Dokumentation erstellt als auch Filme, die zeigen, wie man Interviews aufnimmt und bearbeitet. Dieses Wissen können nun nicht nur junge Geschichtsinteressierte nutzen, um eigene Interviews mit Zeitzeugen vorzubereiten. Wir werden diese Interviews auch gerne auf unserer Website e-historie.pl als Teil unseres wachsenden Sozialarchivs veröffentlichen“, sagt Martyna Halek, Projektkoordinatorin im Auftrag des HDPZ.

Eng verbunden mit den Interviews der letzten Jahre sind auch die Podcasts, die im letzten Jahr als Novum erschienen sind. Darin führen Geschichts- und Jugendexperten Einzelinterviews und geben den Nachwuchsjournalisten kommentierend Hinweise für zukünftige Aufnahmen. „Bis jetzt sind acht solcher Podcasts entstanden, aber im Jahr 2021 wollen wir noch mehr erstellen, damit unsere Heimatgeschichtssuchenden bestens vorbereitet sind, um die Vergangenheit ihrer Heimat zu entdecken“, sagt Martyna Halek.

 

 

Publikationen

Das Archiv der erzählten Geschichte konzentriert sich jedoch seit vielen Jahren nicht nur auf Zeitzeugeninterviews in Audioform. Sie werden darüber hinaus zudem sukzessive transkribiert und in Buchform veröffentlicht, wobei die Interviews selbst in Form eines Hörbuchs beigefügt werden. So wurde im vergangenen Jahr das Hörbuch zum achten Band des Archivs der erzählten Geschichte veröffentlicht.

„Wir wollen aber auch über das Format von Gesprächen mit Zeitzeugen hinausgehen. Deshalb entstanden im Jahr 2020 dank junger Mitglieder unserer Heimatforscher-Clubs sechs Broschüren, die uns interessante Orte in Oberschlesien näherbringen. Und so haben wir z. B. Falkenberg, die Gemeinde Reichthal, das Schloss in Twardawa oder auch die Studzionka in Langenbrück porträtiert“, berichtet Martyna Halek und fügt hinzu, dass das HDPZ auch 2021 Menschen willkommen heißt, die eine kurze Monografie schreiben möchten. Ein weiteres Projekt ist eine Online-Ressource, die bei der Suche nach den eigenen Wurzeln helfen soll, was besonders für diejenigen interessant sein könnte, die einen Stammbaum ihrer Familie erstellen wollen.

Eine komplette Neuheit im Rahmen des Archivs der erzählten Geschichte ist eine spezielle Applikation www.e-historie.pl, die kostenlos im Play Store erhältlich ist. Darin finden die Nutzer nicht nur die von der Website des Archivs bekannten Inhalte, sondern auch ein historisches Wissensquiz und ein Puzzle, das auf alten Fotos basiert. „Seit einigen Jahren sammeln wir im Rahmen unseres Archivs alte Fotografien und stellen diese dann in digitaler Form auf unserer Website zur Verfügung. In der Applikation kann man mit diesen Fotos über das Puzzle ein wenig ,spielen’“, sagt Martyna Halek. Im Jahr 2021 soll die App weiterentwickelt und mit neuen Unterrichtsmaterialien für die Nutzer attraktiver gestaltet werden.

 

 

Zeitzeugen live

Um die gesammelten Geschichten einem noch breiteren Publikum zu präsentieren, wurden im vergangenen Jahr auch Treffen mit Zeitzeugen organisiert. Trotz zeitlicher Einschränkungen durch die Corona-Pandemie kamen fünf thematische Treffen mit Zeitzeugen zu verschiedenen Themen zustande. So gab es im Februar ein Treffen, das der Sprache und ihrem Einfluss auf das menschliche Schicksal gewidmet war. Ingeborg Odelga, eine im Umfeld der Oppelner Deutschen bekannte Dichterin aus Oppeln, und Walter Czok aus Oppeln-Vogtsdorf, ein Enthusiast der lokalen Geschichte, erzählten über ihre Muttersprache und die Mehrsprachigkeit Oberschlesiens. Im September referierten in Osterode drei Bewohner dieser Stadt über die Freizeitkultur in der frühen Zeit Volkspolens. Und im Oktober berichteten in Kolonnowska ehemalige Bahnmitarbeiter über ihre Arbeit in diesem Beruf. Der Treffpunkt wurde nicht ohne Grund gewählt, denn Vossowska, ein Teil von Kolonnowska, war jahrelang ein wichtiger Eisenbahnknotenpunkt in Oberschlesien.

 

Im Zusammenhang mit der Feier des 30-jährigen Bestehens der Organisation der deutschen Minderheit in Oberschlesien fand im Oktober auch ein Treffen mit den Mitinitiatoren der späteren SKGDs in den Woiwodschaften Kattowitz und Oppeln statt. In Gogolin, der Wiege der deutschen Minderheit im Oppelner Land, sprachen der langjährige Abgeordnete Henryk Kroll, der Gründer der deutschen Minderheitenorganisation in Gleiwitz, Friedrich Schikora und Christiane Polanski, eine der Initiatorinnen des DFKs Gogolin, über die Schwierigkeiten und Freuden der ersten Jahre der offiziellen Tätigkeit der deutschen Minderheit in Oberschlesien. Das letzte Treffen, ebenfalls verbunden mit einem runden Jubiläum, und zwar dem 75. Jahrestag des Endes des Zweiten Weltkrieges, war ein Online-Treffen mit Zeitzeugen des Einmarsches sowjetischer Truppen 1945 in Stollarzowitz und Friedrichswille in der heutigen Woiwodschaft Schlesien. „All diese Treffen, ob live oder online, stießen auf großes Interesse, was zeigt, dass die Menschen mehr aus erster Hand erfahren wollen, sowohl über die lokale Geschichte als auch über die lokale Dimension der großen Geschichte“, sagt Martyna Halek.
„Im Jahr 2021 wollen wir also gemeinsam mit unserem Partner, dem Verband deutscher Gesellschaften, das Archiv erzählter Geschichte fortführen und auf diese Weise jungen Menschen einen anderen Zugang zur Geschichte ermöglichen, allen Interessierten ein authentisches Wissens- und Erfahrungsarchiv zur Verfügung stellen und sie vor allem zur Mitwirkung an dessen Weiterentwicklung ermutigen. Wir freuen uns schon heute auf alle Initiativen, die wir geplant haben und hoffen auf aktive Teilnahme“, lädt HDPZ-Geschäftsführer Lucjan Dzumla ein.

 

 

Rudolf Urban

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