Überreste von 125 Soldaten wurden in Suckowitz gefunden Foto: Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge.

Am Erscheinungstermin dieser Ausgabe feiert man in Polen Allerheiligen – den gesellschaftlich wichtigsten Feiertag, an dem man an die Verstorbenen erinnert. Besonders an diesem Tag stellt man sich die Frage zum Stand der deutschen Erinnerungspolitik in Polen, zum Stand der Soldatengräber und der deutschen Denkmäler. Während man sich aber bei einigen Aspekten über die Entwicklung freuen kann, stößt man bei anderen auf Probleme.

 

Zu den am meisten geregelten deutschen Gedenksituationen in Polen, gehört wohl die der Kriegsgräber. Gemäß des deutsch-polnischen Vertrages werden deutsche Soldaten, die in beiden Weltkriegen gefallen sind und deren Überreste sich in ungepflegten Gräbern auf dem Gebiet des heutigen Polens befinden, exhumiert und dann auf speziellen Soldatenfriedhöfen ehrenvoll beigesetzt. Mit dieser Angelegenheit befasst sich der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge, der entsprechende archäologische Firmen aus Polen damit beauftragt, Massengräber ausfindig zu machen und zu exhumieren. Keiner weiß wie viele Gebeine deutscher Soldaten sich noch in polnischer Erde befinden, doch die bereits gefundenen und beigesetzten Kriegstoten gehen in die Tausende.

 

Überreste und Artefakte

 

Den in Polen liegenden Massengräbern geht man detailliert und akribisch auf den Grund. Man prüft Archive, Unterlagen der örtlichen Pfarreien, fragt Zeitzeugen, analysiert Stadt- und Dorfpläne. Etwa auf diese Weise ist man auf den neusten Fund gestoßen: auf Überreste von 125 Soldaten in Suckowitz (Sukowice), das sich in der Gemeinde Czissek befindet. Leiter der Ausgrabungen war Andrzej Latusek, der mit der archäologischen Stiftung „Erinnerung“ zusammenarbeitet. Latusek fand aufgrund gründlicher Analysen schon mehrere Soldatengräber auf dem Gebiet der heutigen Woiwodschaften Oppeln und Schlesien. Trotz großer Erfahrung im Bereich der Exhumierungen, überraschte das Grab in Suckowitz sogar ihn: „Die Überreste wurden auf einem Feld gefunden, das früher ein Fußballplatz war. Wir waren uns ziemlich sicher, dass wir etwas finden werden, aber nicht, dass es so viele gefallene Soldaten sein werden. Es ist ziemlich gut dokumentiert, dass es sich um Soldaten aus der sogenannten `Horst Wessel Einheit` handelt.“ Trotzdem, dass die Einheit, in der die Soldaten kämpften nach einer der wichtigsten Personen der NSDAP benannt wurde, ist die Linie des Volksbunds Deutsche Kriegsgräberfürsorge klar: Die einfachen Soldaten, die im Krieg gefallen sind, sind Opfer des Krieges, der vom Regime ausging, deswegen gebührt ihnen ein würdiger Ruheort. Wie auch die anderen von Latusek geborgenen Überreste, werden auch diese Soldaten in Groß-Nädlitz (Nadolice Wielkie) bei Breslau auf dem dortigen Soldatenfriedhof feierlich in kleinen Särgen bestattet. Außer den Knochen fand man ebenfalls Soldatenabzeichen, Helme oder Elemente von Ausrüstung. All diese Artefakte werden nun zum Sitz des Volksbundes nach Kassel geschickt, wo man versuchten wird, die Soldaten zu identifizieren. Die Namen derer, bei denen man es schafft, werden auf Obelisken in Groß-Nädlitz verewigt, ebenfalls wird versucht die Familien der Soldaten sofern diese noch leben, zu benachrichtigen.

 

Schlesien ein Vielvölkerschlachtfeld

 

Was bei dem Fund in Suckowitz aber ganz besonders ist: Es handelt sich nicht etwa um Soldaten, die aus der Region kommen: „Mitglieder dieser Einheit, die da gefunden wurde, waren hauptsächlich Männer aus Rumänien und Ungarn, die deutscher Abstammung waren. Ihre Aufgabe war es, den Abschnitt rund um die heutige Gemeinde Czissek so lang wie möglich zu halten. Das zeigt, dass der Zweite Weltkrieg auch in Schlesien ein Vielvölkerkrieg war“, sagt Andrzej Latusek. Dies sei zwar nach Latusek keine absolute Ausnahme, kommt aber dennoch selten vor. Unter diesen seltenen Beispielen fanden sich in schlesischer Erde sogar Überreste von Soldaten aus Frankreich oder der Türkei. Welches Schicksal den Kämpfern aus Suckowitz widerfahren ist, bleibt im Moment noch unklar. Wahrscheinlich ist erlitten sie den Tod bei einem Artillerieangriff oder auch bei einer Massenerschießung.

 

Das waren doch Deutsche!“

 

Während die meisten Fälle in Rahmen der Kriegsgräberpolitik, wenn man ein Massengrab vermutet, mit Erfolg gelöst werden, sieht es bei der Denkmalpflege schon definitiv anders aus. Nicht all zulange ist es her, als man etwa das Gefallenendenkmal in Oppeln-Goslawitz entfernen wollte, weil es angeblich mit dem Symbol des eisernen Kreuzes den Faschismus propagiert. Außer diesem Problem, verfallen aber viele der alten deutschen Denkmäler, die den Gefallen des Ersten Weltkriegs in Schlesien gewidmet waren. Noch in der Zwischenkriegszeit gab es in fast jedem Ort ein solches Denkmal. Diese Erinnerungsstätten entstanden hauptsächlich aus Mitteln, welche die Bewohner der Orte selber gesammelt haben, um ihre Familienmitglieder und Freunde zu ehren. Eine seltene Ausnahme, in der die heutige polnische Bevölkerung sich um diese Denkmäler kümmert, ist etwa die Geschichte von Frau Teresa Gieczewska aus Käntchen (Kątki) in Niederschlesien. Frau Gieczewska hat unlängst selbstlos ein deutsches Gefallenendenkmal renoviert und damit die Namen, die in Stein eingemeißelt waren, wieder sichtbar gemacht. Welch seltene Geste dies im heutigen Polen ist, zeigt die Tatsache, dass auf die anderen Bewohner der Ortschaft die Tat eher auf ironische Verwunderung gestoßen ist. Viele von ihnen sagten: „Die Alte ist verrückt geworden! So viel Arbeit und wofür? Das waren doch Deutsche!“.

 

Die schöne Kapelle des alten Friedhofs in Oppeln kann jederzeit einstürzen.
Foto: Cmentarz Opole

Oppelner Friedhof verfällt

 

Ähnlich negative Erfahrungen müssen die Aktivisten machen, die sich um die Rettung des Friedhofes auf der Breslauer Straße (ulica Wrocławska) in Oppeln bemühen. Der alte Friedhof, der zu deutschen Zeiten der Stadt noch über wunderschöne sakrale Kunstwerke verfügte und Ruheort für so manche bekannte Oppelner Persönlichkeit war, zerfiel mit der Zeit seit dem Ende des Krieges mehr und mehr. Die meisten Grabsteine sind beschädigt, das Gelände ist ungepflegt und die monumentale Friedhofskapelle darf nicht einmal betreten werden, da Einsturzgefahr droht. Der Impuls, um dem Zerfall entgegenzuwirken, kommt von der Gesellschaft. Am 28. Oktober haben das deutsche Mitglied im Oppelner Stadtrat Marcin Gambiec sowie die Aktivistin Beata Kubica, eine ehrenamtliche Säuberungsaktion in die Wege geleitetet, im Rahmen derer sie einige der bekanntesten und schönsten Gräber versucht haben auf Allerheiligen würdig vorzubereiten. Trotzt der schönen Geste erbrachte aber die Idee alles andere als positive Emotionen: „Das war wirklich eine negative Erfahrung. Die Gräber auf dem Friedhof sind von Jahr zu Jahr in einem schlechteren Zustand. Wir haben gemacht, was wir konnten, aber um den Friedhof zu retten, brauchen wir Hilfe“, sagt Beata Kubica nach der Säuberungsaktion. Die Hilfe, die sich die Aktivisten erhoffen, sollte eigentlich schon kommen, und zwar von der Stadt. Wie Beata Kubica berichtet, hat sich der stellvertretende Stadtpräsident Oppelns, Mirosław Pietrucha, vor einiger Zeit dazu verpflichtet, dass jährlich ein bis zwei Gräber auf dem Oppelner Friedhof renoviert werden. Das Versprechen wurde jedoch bis heute noch nicht gehalten. Dazu kommt ebenfalls die Kapelle, die jederzeit einstürzen könnte, was bei dem Ausmaß des Gebäudes fatale Folgen haben könnte, nicht nur für die Oppelner Kultur. Beata Kubica besitzt Informationen, nach denen der Innenraum der Kapelle bereits auch geschädigt ist. Auch sollen dort unter anderem „Pentagramme und die Symbole 666“ gemalt worden sein. Gibt es aber dennoch Hoffnung für den Friedhof? Beata Kubica will sie jedenfalls nicht aufgeben: „Wir haben einige Ideen, aber sprechen werden wir darüber, wenn wir uns mit der Stadtverwaltung konsultieren“, so Kubica. Alle an der Initiative beteiligten werden jedenfalls das Gefühl nicht los, dass der Oppelner Friedhof deswegen nicht gepflegt wird, weil es nicht der Friedhof der jetzigen polnischen Bevölkerung ist – die überwiegende Anzahl der Gräber sind nämlich die von Deutschen.

 

Das Fazit zu Allerheiligen 2017 ist jedenfalls klar: Zwar gibt es Lichtblicke für die deutsche Erinnerungskultur in Polen, dennoch ist aber noch dafür viel zu machen.

 

Łukasz Biły